Henning Vöpel Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt

Eine gelbe Grafik mit verschiedenen Symbolen. | Bildquelle: colourbox.de

Experten-Kommentar Henning Vöpel

"Die Chancen der Globalisierung dürfen wir nicht verspielen"

Ist Globalisierung gerecht? Nein. Globalisierung ist nicht per se gerecht und kann es auch nicht sein. Sie schafft neue ökonomische Möglichkeiten, indem sie Märkte öffnet und grenzüberschreitende Aktivitäten erlaubt.

Der Zugang zu diesen Möglichkeiten ist innerhalb von Gesellschaften aber zumeist sehr unterschiedlich verteilt. Globalisierung kann bestehende Ungerechtigkeiten in Gesellschaften daher nicht kompensieren. Sie werden im Gegenteil durch Globalisierung eher noch verstärkt. 

Hinzu kommt, dass internationaler Handel zwar insgesamt für Volkswirtschaften vorteilhaft ist, es aber zugleich immer auch relative Gewinner und Verlierer gibt. Beides hat dazu geführt, dass Globalisierung in den letzten Jahren zunehmend als ungerecht wahrgenommen wurde und als Narrativ eine negative Konnotation bekommen hat. Dieser Umstand hat wesentlich zu den jüngsten politischen Tendenzen der Abschottung und des Protektionismus beigetragen, wie die Beispiele Trump und Brexit zeigen. In den 1930er-Jahren des letzten Jahrhunderts ist es zu einem Rückfall in Nationalismus und in der Folge zu einem Rückgang von Handel und Wachstum gekommen. Heute ist die Verteilungsfrage zu einer entscheidenden Zukunftsfrage der Globalisierung geworden. 


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Dabei hat die Globalisierung in den letzten zwanzig Jahren durchaus zu sehr positiven Effekten zumindest beigetragen: Weltweit ist die Armut zurückgegangen und die globale Einkommensverteilung ist - abgesehen von extremen Einkommen und Vermögen - insgesamt gleichmäßiger geworden. Demgegenüber ist aber in vielen westlichen Volkswirtschaften und Gesellschaften die nationale Einkommensverteilung ungleichmäßiger geworden. Zwischen diesen beiden Entwicklungen gibt es einen globalisierungsbedingten Zusammenhang. 

Globalisierung bestand im Wesentlichen aus zwei Effekten: Durch die Integration bevölkerungsreicher Schwellenländer wie China und Indien ist der Faktor Arbeit weltweit reichlich geworden und arbeitsintensive Produktion eher einfacher Güter ist dorthin verlagert worden. Kapital ist zudem weltweit mobil geworden. Das hat hierzulande dazu geführt, dass der Druck auf geringer qualifizierte Beschäftigte, die untere Mittelschicht zugenommen hat. Die relativ dazu steigenden Kapitaleinkommen konnten jedoch nicht ohne Weiteres umverteilt werden, da Kapital ja grenzüberschreitend mobil geworden war und sich jedem Versuch steigender Besteuerung entziehen konnte. Die Agenda 2010 in Deutschland war im Grunde nichts anderes als die nationale Antwort auf die Zwänge der Globalisierung. 

Nun aber verlangen Gesellschaften, dass genau diese Verteilungsfragen, die für die Stabilität von Gesellschaften wesentlich sind, wieder stärker politisch gesteuert werden. Das kann bedeuten, dass Globalisierung nicht mehr in dem gleichen Tempo voranschreitet, denn die Verteilungsfragen gewinnen gegenüber den Handelsgewinnen der Globalisierung an Bedeutung. Die ökonomischen Chancen der Globalisierung sollten jedoch nicht leichtfertig verspielt werden, vielmehr lassen sich durch mehr Bildung und soziale Durchlässigkeit gleiche Chancen schaffen, an Globalisierung teilzunehmen und von ihr zu profitieren.

Stand: Thu Nov 15 13:09:19 CET 2018 Uhr

Henning Vöpel. | Bildquelle: HWWI

Zur Person

Henning Vöpel ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und Professor für Volkswirtschaftslehre. Seine Forschungs- und Themenschwerpunkte: Konjunkturanalyse, Geld- und Währungspolitik, Finanzmärkte und Digitalökonomie.

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