Wieso glaubt der Mensch und warum sterben Reglion nicht aus - Teil 2

Ein Graffiti in Berlin: Gott ist tot. . | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Warum stirbt Religion nicht aus?

Für Religion besteht in der heutigen Zeit keine offensichtliche Notwendigkeit mehr. Die rechtliche und politische Grundordnung wird durch das Grundgesetz gewährleistet. Dennoch halten Menschen an ihrem Glauben fest - sobald sie ihn verboten bekommen, noch vehementer.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche war bereits vor 100 Jahren der festen Überzeugung: "Gott ist tot". Sigmund Freud attestierte Gläubigen eine kollektive Zwangsneurose. Die Kritik von Karl Marx, Religion sei "das Opium des Volkes", entspricht dem westlichen Denken, Vernunft und Wissenschaft über den Glauben zu stellen.


Als der Versuch der russischen Kommunisten Anfang des 20. Jahrhunderts scheiterte, ihren Landsleuten den christlich-orthodoxen Glauben auszutreiben, machten sie die "Trägheit der menschlichen Natur" verantwortlich.

Ulrich Schnabel geht davon aus, dass "das Bedürfnis nach einem religiösen Weltbild so tief in der menschlichen Psyche verankert ist, dass wissenschaftliche Erklärungen und Argumente es kaum beeindrucken können." 

Unser täglich Brot gib uns heute: Rituale 

Experten vermuten, dass hierfür religiöse Rituale verantwortlich sind. Rituale erhalten den Glauben über zeitliche und räumliche Abstände aufrecht. Im Gehirn mobilisieren sie "hochwirksame Substanzen, die intensive emotionale Erlebnisse auslösen und ganz unterschiedliche Gefühle entstehen lassen wie Selbstwertgefühl, Freude, Angst, Motivation, Schmerzlinderung und Bindung. Damit schaffen sie ein Ganzes, das weit mehr ist als die Summe seiner Teile", so der Psychiater J. Anderson Thomson.


Doch der Hang zu Ritualen unter Gläubigen hat in den letzten Jahrzehnten nachgelassen. Beim christlichen Glauben liegt das laut Religionspsychologe Prof. Sebastian Murken zum größten Teil an den Neuerungen der Reformation. „Wir sind körperliche, emotionale und sinnliche Wesen und all diese Elemente, die Gerüche, das Haptische – das große Theater der Religionen ist weggefallen.“ Insgesamt sei dir Kirche rationaler geworden.  

Auch mit Wundern ist es nicht mehr weit her. Haben es Gläubige früher durch Visionen und das Wort Gottes in die heiligen Schriften geschafft, so hätten sie heute einen Termin beim Neurologen oder Psychiater zu erwarten. Der britische Neurologe Oliver Sacks (1933 – 2015) diagnostizierte der Nonne und Mystikerin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) nachträglich eine ausgeprägte Migräne als Übeltäter ihrer vielzähligen „Visionen“ von Gott.

Von Yoga bis Schutzengel

Das religiöse oder auch spirituelle Grundbedürfnis, sich aufgehoben zu fühlen und seinem Leben einen Sinn zu geben, scheint in einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft nicht an Bedeutung zu verlieren. Egal ob religiös, spirituell oder atheistisch: Glauben bietet uns Halt und Struktur in einer komplexen Welt. Im Alltag finden sich viele Formen der Ersatzreligionen wieder.  

Der Fußball bietet unzählige Rituale, so wie das Yoga als eine religionsübergreifende Tradition, die verspricht, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Die Selbstoptimierung bezeichnet so mancher Kritiker als Vaterunser der Neuzeit. Unsere Ernährung wird nachhaltig und ritualisiert. Der starke Glaube an die moralische Überlegenheit des eigenen Handelns gibt dem ein oder anderen Vegetarier missionarische Züge.


Über die Jahrhunderte nie aus der Mode gekommen sind Vorlieben für Astrologie und das eigene Horoskop: Der Steinbock will nun mal mit dem Kopf durch die Wand und die Waage ist immer ausgeglichen. Und auch ein etablierter Aberglaube wird selten in Frage gestellt: „Natürlich ist mir das passiert, es ist Freitag der 13.“ Oder der Glaube an den Schutzengel, der uns bei der letzten Prüfung oder durch eine Krankheit unterstützt hat. Über Geschichten werden diese kleinen Rituale in der Familie und dem Bekanntenkreis weitergegeben und sterben so niemals aus.  

Stand: 13.06.2017, 14.44 Uhr

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