"Digitale Nomaden - Arbeiten, wo andere Urlaub machen" für die ARD-Themenwoche 2016 "Zukunft der Arbeit"

Mit dem Laptop am Strand auf der Hängematte. | Bildquelle: Newspixx Vario Images

Out of office

Digitale Nomaden: Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Annika Franck / Westdeutscher Rundfunk

Für viele Menschen klingt das wie ein Traum: Leben, Reisen und Arbeiten verbinden. Der Gedanke setzt das Kopfkino in Gang: Meer, Sonne, traumhafte Landschaften, lecker Essen und Trinken. Und Arbeit, die sich nicht wie Arbeit anfühlt. Johannes Völkner hat als "digitaler Nomade" diesen Traum wahr gemacht - aber ist diese Art zu arbeiten tatsächlich traumhaft?

"Ich genieße, dass ich meine Freizeit so gestalten kann wie ich möchte. Wenn ich nachmittags Kitesurfen gehen kann, finde ich das toll." Gerade ist Völkner wieder für einige Wochen im südspanischen Tarifa - an einem der Orte, an denen er sich besonders wohl fühlt. Beruflich macht der 33-Jährige Online-Marketing, dazu braucht er kein festes Büro, sondern einen Laptop und eine Internet-Verbindung.

Digitale Nomaden "arbeiten online und ortsunabhängig", erklärt er. Sie verbinden das Arbeiten mit dem Reisen. Allerdings ist das mehr, als lässig in einer Hütte am Strand ein bisschen am Laptop zu wurschteln. "Man muss schon einen klaren Unterschied zwischen Arbeit und Reisen machen", betont Völkner. Das bedeute auch, dass er sich feste Arbeitszeiten setzt. Dennoch könne er in seiner Freizeit Dinge machen, die in einem festen Zuhause nicht möglich wären - in seinem Fall eben Kitesurfen.

"Wachsendes Randphänomen"

Völkner ist schon immer gerne gereist, und in den vergangenen Jahren hat er immer mehr Menschen getroffen, die so ähnlich leben und arbeiten wie er - als digitale Nomaden. Mit seinen Auftraggebern kommuniziert er per Skype, Dokumente legt er in der Cloud ab, Unterkünfte gibt’s über Anbieter wie Airbnb.

Setzen digitale Nomaden einen neuen Trend? Das komme auf die Definition an, sagt Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik in Kassel und im schweizerischen St. Gallen. "Studien zeigen aber, dass der Anteil derjenigen, die mobil - also mit Laptop, Smartphone oder Tablet - orts- und zeitunabhängig arbeiten, steigt." Das gelte allerdings auch für ganz klassische Angestellte, denn immer mehr Unternehmen bieten inzwischen Home-Office-Lösungen an.


Socialmedia. | Bildquelle: ARD

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Geeignet für die ortsunabhängige Arbeit sind alle Jobs, die digital funktionieren. Viele Büro-Tätigkeiten, Texter und Autoren, Programmierer, Grafiker. Oft sind "echte" digitale Nomaden aber noch eine Art Spezialform: digitale Selbstständige, die wie Nomaden leben und kein festes Arbeitsverhältnis haben. "Dieses Phänomen wächst zwar, aber es ist immer noch ein Randphänomen", relativiert Leimeister. Zur Konferenz für digitale Nomaden in Deutschland, DNX genannt, kämen immer ein paar Hundert Teilnehmer.

"Komplett an unseren Sozialsystemen vorbei"

Wer über digitale Nomaden hört oder liest, stolpert häufig über den Begriff der digitalen Tagelöhner. Entwickelt sich eine moderne Art digitaler Ausbeutung? "Wir haben uns in Studien vor allem die Crowdworker - also Kurzzeit-Mitarbeiter - im deutschsprachigen Internet angeschaut", erklärt Leimeister. "Und da zeigen sich zwei Entwicklungen, die sich überlagern: Wegen der guten Konjunktur gibt es mehr Aufträge als Menschen, die diese abarbeiten." Das sei gut für digitale Nomaden wie Völkner, denn sie können gut verdienen. Allerdings gibt es eben eine zweite mögliche Entwicklung: Durch Digitalisierung und Globalisierung öffnet sich der Arbeitsmarkt, und das könne durchaus auch Auswirkungen auf Preise und Löhne haben, gibt Leimeister zu bedenken. "Bisher können die Studien das aber nicht belegen."

Digitale Nomaden sind ein Ergebnis der Digitalisierung. Doch wenn immer mehr Menschen als Solo-Selbstständige so arbeiten, hat das Folgen, wie Jan Marco Leimeister aufzeigt. "Die Selbstständigen gehen ja komplett an unseren Sozialsystemen vorbei. Ihre Beiträge fehlen, und das Risiko fällt auf den Einzelnen zurück." Eigentlich müsse die Politik auf diese Veränderungen reagieren. Zum Beispiel eine Sozialversicherungspflicht für Solo-Selbstständige einführen, die Künstlersozialkassen für andere Bereiche öffnen oder eine (Teil-) Umstellung auf Kopfpauschalen, bei der jeder Versicherter einen bestimmten, einkommensunabhängigen Betrag in die Krankenversicherung einzahlen muss.

Selbstdisziplin zwingend erforderlich

Vom Einkommen zumindest hängt es nicht ab, ob jemand digitaler Nomade wird oder nicht. "Ich habe eigentlich alles getroffen - es gibt Millionäre, die so arbeiten, aber auch solche, die eher wenig verdienen und ein Backpacker-Leben bestreiten", erzählt Johannes Völkner. Neben dem geeigneten Job brauchen digitale Nomaden laut Leimeister eine gute Portion Selbstdisziplin - gerade wenn man an schönen Orten arbeitet, die schnell dazu verleiten, lieber dem Hobby als der Arbeit nachzugehen. "Man muss einfach viel besser planen. Denn Deadlines bleiben Deadlines, auch, wenn man sich beispielsweise gerade in einer anderen Zeitzone aufhält. Dennoch: "Für mich überwiegen definitiv die Vorteile", betont Johannes Völkner. "Und ich würde jedem dazu raten, den Schritt zu wagen."

Schwierig werde es erst, wenn man schulpflichtige Kinder habe. Aber derzeit ist der 33-Jährige ungebunden - mit vielen Gelegenheiten, in seinen Lieblingsorten Tarifa, Kapstadt und Lissabon zu leben und zu arbeiten.

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Stand: Wed Nov 02 00:30:00 CET 2016 Uhr

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