Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

Alicia Vikander als Ava in Ex Machina von Alex Garland. | Bildquelle: Universal Pictures

Wenn sich die K.I. gegen den Menschen richtet

Die Explosion der Künstlichen Intelligenz

Intelligente Systeme werden immer leistungsfähiger. In vielen Filmen haben clevere Maschinen die Macht bereits übernommen. Doch auch einige Forscher warnen davor, dass die Künstliche Intelligenz sich eines Tages gegen die Menschen richten könnte. Christopher Coenen erklärt, wie gefährlich die K.I.-Explosion ist.

Sie werden häufig als Kritiker dieser Bewegung wahrgenommen. Welche Gefahren gehen Ihrer Meinung nach vom Transhumanismus aus?

Eine Roboterhand greift nach einer menschlichen Hand. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Der Handschlag zwischen Technologie und Mensch. Transhumanisten wollen mithilfe der Technik den Geist konservieren.

Zunächst werden aus dem Transhumanismus fragwürdige Moralvorstellungen abgeleitet. Als eine Folge der Vergötterung des Intellekts formulieren einige transhumanistische Ethiker Normen, die diesem Ideal nicht entsprechende Personen benachteiligen. Beispielsweise, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung bei einer Organspende nur nachrangig berücksichtigt werden sollen. Daneben tragen seine Anhänger auch zu einer Irrationalisierung der Forschung bei. Wenn diese Wissenschaftler über transhumanistische Visionen sprechen, behaupten sie häufig, dass ihre Prognosen streng aus dem gegenwärtigen Forschungsstand hervorgehen. Sie verwenden also ihre Autorität als Wissenschaftler dafür, ihre Visionen realistisch erscheinen zu lassen. Dabei vertreten sie an dieser Stelle eigentlich die Glaubensinhalte einer Religion. Dadurch verwirren sie die Öffentlichkeit und lenken von den eigentlichen Problemen der Technisierung ab, wie beispielsweise den Gefahren für den Datenschutz.

Neben der technischen Weiterentwicklung des Menschen ist das andere große Thema der neuen Science Fiction-Filme die Explosion der Künstlichen Intelligenz (K.I.). Vom Menschen geschaffene Maschinen, Roboter oder Computer besitzen in diesen Filmen ein Bewusstsein. Sie verhalten sich so menschenähnlich, dass sogar emotionale Beziehungen zwischen Mensch und Maschine entstehen. Wie realistisch sind solche Szenarien?

Hochleistungsrechner an der TU Dresden. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Hochleistungsrechner an der TU Dresden

Auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz macht die Wissenschaft zurzeit große Fortschritte. Allerdings haben diese modernen Systeme mit jener "starken“ K.I., die in Hollywood gezeigt wird, wenig zu tun. Zwar steht inzwischen eine enorme Rechenpower zur Verfügung  und selbstlernende Systeme werden immer leistungsfähiger. Ein menschenähnliches Bewusstsein, das eine Voraussetzung für eine gegenseitige Liebesbeziehung zwischen Mensch und Maschine ist, ist aber in keinem dieser intelligenten Systeme angelegt. Ich glaube auch nicht, dass es der Menschheit mittelfristig gelingt, ein solches künstliches Bewusstsein zu schaffen.

Unabhängig von der Möglichkeit einer "beseelten“ K.I. stellt sich die Frage nach den Gefahren, die vom Leistungszuwachs dieser Systeme ausgehen können. Dass die Menschen die Kontrolle über die Maschinen verlieren, ist nicht nur im Kino ein Thema. Auch aus der Wissenschaft vernimmt man solche Bedenken. Zu Jahresbeginn haben führende K.I.-Forscher in einem offenen Brief vor möglichen Fallstricken der K.I.-Explosion gewarnt. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom hat solche Gefahren in seinem Buch "Superintelligenz“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ich nenne das technovisionäres Marketing. Die Wissenschaftler, die vor den Folgen einer übermächtigen K.I. warnen, sind häufig selbst in diesem Forschungsbereich aktiv oder erhoffen sich von ihm Durchbrüche hin zum Transhumanismus. Es wird also in der Regel nicht gefordert, Forschungen einzustellen. Vielmehr werden die Warnungen mit dem Hinweis auf die ungeheuren Chancen dieser Entwicklungen verknüpft, wenn diese nur in die richtigen Bahnen gelenkt würden.


"Superintelligenz" - Nick Bostroms Warnung vor der K.I.-Explosion

Seit Jahren treibt die Forschung Künstliche Intelligenz zu immer neuen Höchstleistungen. Dass dieser Prozess nicht ohne Risiko ist, hat Nick Bostrom in seinem Buch "Superintelligenz" dargelegt. In dem Werk entwirft er Szenarien, wie die Schaffung einer gefährlichen K.I. vonstatten gehen könnte, und welche Folgen dies für uns alle hätte. | 3sat

Also alles ein reiner Werbetrick? Selbst Stephan Hawking hat in einem Interview kürzlich davor gewarnt, dass eine unkontrollierte K.I. entstehen könnte, die den Menschen verdrängen könnte.   

Dass bei Forschungen versehentlich eine Art bösartige K.I. entsteht, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Warum sollte eine bewusste Superintelligenz ausgerechnet intrigant agieren? Viel wahrscheinlicher ist, dass sich ein solches System völlig anders, für uns unverständlich verhalten würde. Hinter der Vorstellung von der bösen K.I. verbirgt sich vielmehr eine Art Phantasielosigkeit des Menschen: Wir können uns eine Superintelligenz nicht anders vorstellen als menschlich. Weil Menschen häufig nach Macht streben, unterstellen wir dieser neuartigen Intelligenz ähnliche Züge. Unser Leben wird im Übrigen schon heute ständig von moderner Informationstechnologie beeinflusst. Und zwar in einem beachtlichen Ausmaß: In den letzten Jahren sind künstliche Systeme geschaffen worden, die im Internet permanent in unsere Privatsphäre eindringen. An der Börse kommt tagtäglich Technik zum Einsatz, die so komplex ist, dass sie kein einzelner Mensch mehr versteht. Sie hat jedoch einen enormen Einfluss auf die Wirtschaft - und damit auf das Leben sehr vieler Menschen. Verglichen mit der "bösen" K.I. in Hollywood sind diese Systeme vielleicht eher unspektakulär. Dennoch bestimmen sie in zunehmendem Maße unseren Alltag - und agieren dabei weitgehend unabhängig.

Wir sollten uns also vor allem davor in Acht nehmen, dass uns die bestehende Informationstechnologie nicht über den Kopf wächst?

Ja. Möglicherweise ist der zunehmende Einfluss moderner Informationstechnologie auch ein Grund für den Erfolg der Geschichten von starker K.I. und autonom handelnden Maschinen. Die Menschen fühlen sich schon heute häufig als Anhängsel von Computertechnik. Diese dann wie in den Hollywoodfilmen als autonome Individuen zu beschreiben, ist fast folgerichtig.


Christopher Coenen. | Bildquelle: Christin Bamberg

Der Experte: Christopher Coenen

Christopher Coenen ist als Politikwissenschaftler in der Technikfolgenabschätzung tätig. Seit 2003 arbeitet er für das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), das seit 2009 eine Einrichtung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ist. Er gibt die Zeitschrift NanoEthics heraus. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen Human Enhancement und Synthetische Biologie.

Das Interview führte Michael Herr

Stand: Fri Nov 06 06:00:00 CET 2015 Uhr

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