Interview über Warnungen vor Radarmessgeräten (Blitzern)

Grafik: Autofahrer winkt aus dem Seitenfenster "Blitzer" zu. | Bildquelle: colourbox.de/ARD.de

Exklusiv: Studie der Deutschen Hochschule der Polizei

Ist es unmoralisch, vor "Blitzern" zu warnen?

Radarkontrollen sind vielen Autofahrern ein Dorn im Auge. Ihr Glück: Einige Radiosender, Zeitungen und Internetforen informieren täglich über mobile "Blitzer"-Standorte. Aber ist es moralisch vertretbar, Rasern das "verdiente" Knöllchen zu ersparen - insbesondere dann, wenn die "Blitzer" vor Schulen oder Kindergärten stehen? ARD.de liegt exklusiv eine aktuelle Studie der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) vor, aus der sich überraschende Antworten ableiten lassen. Polizeidirektor Heinz Albert Stumpen hat die Arbeit begutachtet.

Polizeidirektor Heinz Albert Stumpen. | Bildquelle: Privat

Heinz Albert Stumpen hat die Masterarbeit begutachtet.

ARD.de: Bislang existierten kaum wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie sich Warnungen vor mobilen "Blitzern" auf das Fahrverhalten auswirken. Führen sie etwa dazu, dass dort, wo keine Radarmessungen gemeldet sind, schneller gefahren wird oder langsamer? Endlich beantwortet eine Studie diese Fragen. In welchem Rahmen ist sie entstanden?

Heinz Albert Stumpen: An der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster hat Mario Sormes eine Masterarbeit zum Thema "Auswirkungen angekündigter Geschwindigkeitsmessungen auf das Geschwindigkeitsniveau" verfasst, deren Ergebnisse bislang nicht veröffentlicht wurden. In einer empirischen Untersuchung hat er an drei verschiedenen Stellen in einer Stadt in Sachsen-Anhalt Geschwindigkeiten über einen Zeitraum von zwölf Wochen erfasst und anschließend die mehr als 1,2 Millionen Einzeldaten ausgewertet. Die zentrale Fragestellung war: Wie ändert sich das Geschwindigkeitsniveau, wenn Radarmessungen angekündigt sind?

 

Zum Verständnis: Er hat also die Geschwindigkeiten an verschiedenen Stellen erfasst, wenn Radarmessungen und wenn keine Radarmessungen angekündigt waren?

Im Prinzip ja, aber er hat die Geschwindigkeiten sogar unter drei verschiedenen Voraussetzungen gemessen. Erstens: An Zeitpunkten, an denen wegen eines technischen Defektes in dieser Stadt mehrere Wochen lang keine mobilen "Blitzer" im Einsatz waren und die Autofahrer das auch wussten. Zweitens: An Zeitpunkten, an denen zwar vor "Blitzern" gewarnt wurde, aber nicht exakt an der Stelle, an der er die Geschwindigkeit gemessen hat. Und drittens: An Zeitpunkten, an denen Zeitungen, Radiosender und die Stadt selbst auf den "Blitzer" an genau der Stelle hingewiesen haben, an der die Messungen vorgenommen wurden.

 

Der kurzfristige Effekt dürfte wohl klar sein: Autofahrer fahren in den Bereichen langsamer, in denen sie von einer Radarmessungen wissen. Inwieweit bestätigt das die Studie?

Ja, das stimmt, obwohl es natürlich aus Sicht der Verkehrssicherheit besser wäre, wenn man nicht wegen der drohenden Strafen langsamer führe, sondern weil es einfach zu gefährlich ist, zu schnell zu fahren. Wenn Autofahrer genau an der Stelle damit rechnen mussten, "geblitzt" zu werden, sind sie im Durchschnitt am langsamsten gefahren, gefolgt von den Tagen, an denen für andere Straßen Messungen angekündigt waren.

 

Wie viel langsamer waren die Autofahrer unterwegs, wenn sie von einem "Blitzer" wussten?

Es lassen sich Unterschiede von bis zu sechs Stundenkilometern nachweisen. An den Tagen mit konkreter Ankündigung sind 85 % der Verkehrsteilnehmer - also ohne Ausreißer - in einer Tempo-50-Zone mit 53 bis 55 Stundenkilometern unterwegs. An den Tagen, an denen bekanntermaßen nicht "geblitzt" wurde, sind es zwischen 57 und 61 km/h.

 

Radarmessgerät. | Bildquelle: Privat

Dieses Gerät hat nur gemessen - nicht geblitzt.

Demnach hält sich also fast kein Autofahrer selbst bei konkreter "Blitzer"-Warnung exakt an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern. Alle sind zumindest ein wenig zu schnell.

Das ist richtig. Aus anderen Studien weiß man, dass der deutsche Autofahrer sich selbst Toleranzen zugesteht, weil der Tacho ja nicht so genau gehe und bei Messungen auch nochmal ein paar km/h zugunsten des Betroffenen abgezogen werden. Diese Fahrer wundern sich dann, wenn sie im Ausland schon mit 51 km/h "geblitzt" werden.

 

Ab wann "blitzt" es eigentlich bei uns?

Das handhaben die Polizeien und Kommunen der Bundesländer unterschiedlich - grundsätzlich werden aber drei km/h abgezogen. Man kann also schon ab 54 km/h "geblitzt" werden.

 

Wie viele Autofahrer waren während der Datenerhebung erheblich zu schnell, sodass sie mit einem Bußgeld belegt worden wären?

Das sind die so genannten "Übertreteranteile": Bei Ankündigung für den genauen Messort waren etwa 30% über der höchstzulässigen Geschwindigkeit, bei Ankündigungen für andere Straßen waren es etwa 40%.

 

Und wenn die Autofahrer genau wussten, dass sie nicht erwischt werden?

Laut Studie hat sich der "Übertreteranteil" in diesen Zeiten signifikant erhöht. Ich zitiere: "Fast doppelt so viele Geschwindigkeitsüberschreitungen wurden an den Tagen gemessen, wenn nicht mit Messungen zu rechnen war, also an Sonn- und Feiertagen und in einem der Untersuchung vorgeschalteten Zeitraum, in dem aufgrund eines technischen Defektes in dieser Stadt keine Messungen vorgenommen wurden - was auch entsprechend publiziert worden war."

 

Also waren tatsächlich bis zu acht von zehn Autofahrern deutlich zu schnell unterwegs, wenn sie sich sicher fühlten, ungeschoren davon zu kommen.

Ja, so ist es.

 

Radarkontrolle. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Radarkontrolle während eines "Blitzer-Marathons".

 

Ist es pädagogisch sinnvoller, Autofahrer vor Radarmessungen in sensiblen Bereichen - etwa vor Kindergärten, Schulen und Altenheimen - zu warnen? Oder ist es nachhaltiger, sie mit einem saftigen Bußgeld zu erziehen?

Zunächst einmal zur Sinnhaftigkeit von Radarkontrollen: Laut Studien ist die Bereitschaft der Autofahrer, ein Risiko einzugehen, abhängig davon, welche möglichen Folgen sie zu erwarten haben, sowie der individuellen Bewertung des angestrebten Zieles. Das Risiko umfasst die Gefahr, für ein Verkehrsvergehen bestraft zu werden und die Gefahr, einen Unfall zu verursachen.

 

Ein Beispiel?

Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Stau, ihr Handy klingelt, weil eine Ihnen wichtige Person anruft. Stellen Sie sich nun vor, dieselbe Person ruft an, Sie fahren aber gerade auf einer Landstraße bei Starkregen. In dem einen Fall werden Sie das Gespräch eher entgegennehmen als im anderen.

 


Die Studie zum Herunterladen

"Auswirkungen angekündigter Geschwindigkeitsmessungen auf das Geschwindigkeitsniveau"

Empirische Untersuchung im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd am Beispiel der Stadt Sangerhausen. Masterarbeit von Mario Sormes, Deutsche Hochschule der Polizei, Münster. | pdf, www

 

Das bedeutet, dass ich zunächst abschätze, ob es das erstrebte Ziel wert ist, ein höheres Risiko einzugehen?

Genau, und dazu gehört auch die individuell geprägte Wahrscheinlichkeitsprognose, bei einem Verkehrsverstoß erwischt zu werden. Wir Polizisten sprechen da vom "Entdeckungsrisiko". Das bedeutet: Wer davon ausgehen kann, dass er sicher nicht erwischt wird, hat eine größere Affinität zu risikoreichem Verhalten. Anders herum: Wenn man recht sicher ist, dass man erwischt wird, lässt man es sein. Der sicherste Schutz, dass möglichst wenige Leute an sensiblen Stellen wie Kindergärten, Schulen und Seniorenheimen zu schnell fahren, wären daher stationäre Blitzanlagen.

 

Stationäre Anlagen sind jedoch eher die Ausnahme. Daher nochmal meine Frage: Ist es pädagogisch sinnvoller, Autofahrer vor mobilen "Blitzern" in "sensiblen Bereichen" zu warnen - oder sie mit einem saftigen Bußgeld zu erziehen?

Lassen Sie mich die Antwort erneut mit einem kleinen Exkurs beginnen: Wissenschaftlich gesehen hat es keine signifikanten Auswirkungen auf das Fahrverhalten, wenn eine ohnehin schon spürbare Geldstrafe noch weiter erhöht wird. Wichtig ist aber, dass überhaupt eine spürbare Strafe zu erwarten ist. Dabei sind Fahrverbote oder der Entzug der Fahrerlaubnis viel wirksamer als Geldbußen. In vielen Ländern haben sich daher Punktesysteme etabliert, Deutschland war hier ein Vorreiter.

 

Mario Sormes. | Bildquelle: Privat

Mario Sormes hat die Folgen von "Blitzer"- Warnungen untersucht.

Wer also ein paar Mal mit zu hoher Geschwindigkeit erwischt wird, dem droht der Verlust der Fahrerlaubnis. Wer allerdings einen Hang zum Rasen hat und vor "Blitzer"-Standorten gewarnt wird, der behält länger seinen Führerschein. Ist es daher unmoralisch, vor mobilen Radaranlagen zu warnen - insbesondere dann, wenn diese vor Kindergärten oder Schulen stehen?

Ethisch verwerflich würde ich sicher nicht sagen. Es kommt darauf an, dass vor einem Kindergarten die höchstzulässige Geschwindigkeit eingehalten wird. Eine Ankündigung etwa im Radio, in der Presse oder auf speziellen Internetseiten trägt dazu bei, wie in der Masterarbeitsstudie nachgewiesen wurde. Dass dann auch der rücksichtslose Fahrer nicht erwischt werden kann, muss man in Kauf nehmen. Laut der Studie ist es sogar gut, wenn vor "Blitzern" gewarnt wird, da die Autofahrer dann nicht nur an diesen Stellen, sondern insgesamt langsamer unterwegs sind.

 

Also lässt sich das Fazit ziehen: Radarmessungen sind gut - und Warnungen vor diesen ebenfalls. Das klingt zunächst paradox, ist mir aber nun verständlich geworden.

Ja, ganz genau. Und deshalb setzt die Verkehrssicherheitsarbeit der Polizei und anderer Träger eben nicht nur auf Überwachung, sondern auch auf Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit. Es ist gerade im Bereich Geschwindigkeit wichtig, die Kraftfahrer auf die Gefahr von zu schnellem Fahren aufmerksam zu machen. Laut Hochrechnungen würde die Senkung des Geschwindigkeitsniveaus um zwei Stundenkilometern dazu führen, die Anzahl der Unfalltoten und Verletzten um bis zu 15 Prozent zu senken. Und das ist alle Mühen wert!

 

Das Interview führte Ingo Fischer.

Stand: Wed Jul 20 09:15:00 CEST 2016 Uhr

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