Virtual Reality - ein rechtsfreier Raum?

Eine Frau mit Virtual-Reality-Brille in der Social VR. | Bildquelle: colourbox.de/Montage: ARD.de

Gefahren in der virtuellen Welt

Virtual Reality - ein rechtsfreier Raum?

Marcel Stober

Virtual Reality (VR) verspricht, unser Leben zu verändern. Doch bei aller Euphorie sind die Begleiterscheinungen nicht nur positiv. Schon heute werden Nutzer in der virtuellen Realität bedrängt und bestohlen. Frauen berichten von Belästigung, Datenschutz ist oft kaum gewährleistet. Die Taten sind nur schwer zu ahnden. Brauchen wir neue Gesetze?

Die Drohne schwebt direkt im Visier. Sie leuchtet orange, flimmert und kommt immer näher. Jetzt einfach den rechten Arm ausstrecken. Man muss nicht einmal einen Finger krümmen, um die Drohne abzuschießen. Sie explodiert. Gerade nochmal gut gegangen. Kommt sie zu nahe, wird man getroffen. Es passiert nichts, aber der Schreck ist echt. Denn man sieht nur diese Welt, nur dieses Spiel. Die reale Welt ist ausgeblendet, hinter der VR-Brille regiert eine eigene Realität. Allein das Kabel der Brille, das von der Decke hängt und zwangsläufig berührt werden muss, hält einen noch ein Stückchen zurück in der Wirklichkeit.

Ein anderes Spiel, eine neue Welt. Luftballons lassen sich mit einer Hand aufpusten und mit der anderen wegschlagen. Moment. War das eben wirklich eine Berührung? Wer die Brille absetzt, kommt sehr schnell zurück in die reale Umgebung. In den dritten Stock einer ehemaligen Fabrik im Süden von Nürnberg. Hier hat das Unternehmen Virtuis einen provisorischen virtuellen Spielplatz geschaffen. Auf zweimal 30 Quadratmetern Spielfläche können sich die Besucher mit der VR-Brille HTC Vive austoben: Spielen, Gehen oder Kämpfen in der virtuellen Realität.

Thomas Heinrich, der Gründer von Virtuis, ist von dieser Technik begeistert: "Man erweitert die Wirklichkeit und kann sich ganz anders ausleben." Mit einer VR-Brille fühle man sich wesentlich näher im Geschehen. Es fehle die Distanz, die ein Computermonitor erzeugen würde. Das Fachwort hierfür lautet Immersion - das Gefühl, in eine virtuelle Welt einzutauchen. In dieser Welt kann sich der Spieler in alles verwandeln: einen Mann, eine Frau, ein Tier, einen Roboter. "Wir geben den Menschen ein Stück weit die Möglichkeit, Gott zu sein", sagt Heinrich.

Gefühle besiegen die Wahrnehmung

Doch wer sich in der virtuellen Welt allmächtig fühlt, überschreitet sehr schnell Grenzen. Auch solche, die in der realen Welt unter Strafe stehen. Über soziale Netzwerke, sogenannte Social VR, können sich Menschen schon heute in virtuellen Räumen treffen. In einigen amerikanischen VR-Foren werden in letzter Zeit Stimmen von Frauen laut, die sich in der virtuellen Realität belästigt fühlen. Virtuelle Körper von Männern, sogenannte Avatare, wären ihren Avataren zu nahe gekommen, berichten sie. Deren virtuellen Hände hätten sie berührt, begrapscht. Es habe sich alles unmittelbar und echt angefühlt. Gruppen hätten sich den Spaß erlaubt, durch sie hindurch zu gehen, was ebenfalls ein Gefühl der Hilflosigkeit erzeugt.


Social VR

Schon heute können sich Menschen über Social VR in virtuellen Räumen treffen. Junge amerikanische Start-ups wie AltspaceVR oder Against Gravity stellen diese zur Verfügung. Der Großteil der Nutzer ist männlich. Virtuis-Gründer Thomas Heinrich prophezeit, ähnlich wie bei Facebook könnten sich in naher Zukunft Millionen Nutzer in diesen Räumen tummeln.

Für Thomas Metzinger, Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Mainz, sind diese Entwicklungen kein Wunder: "Wir verhalten uns sofort asozial, wenn wir die Möglichkeit sehen, nicht beobachtet und nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden." Selbst ein virtuelles Anfassen könne bei Opfern deutliche Schäden hinterlassen. "Das Gehirn ist ein System, das ständig Voraussagen darüber erzeugt, was die nächste Sinneswahrnehmung sein wird", sagt Metzinger. Sieht nun das Auge, dass der Körper berührt wird, dann würde das Gehirn diese Berührung voraussagen, sich aber innerhalb von wenigen Millisekunden korrigieren. "Aber die emotionale, die ablehnende Reaktion, die würde wahrscheinlich trotzdem automatisch ablaufen."

Wie in der Geisterbahn

Wie können sich belästigte Frauen gegen solche emotionalen Eingriffe wehren? Zumindest rechtlich hätten sie keine Chance. Da ist sich Rolf Schwartmann, Professor für Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht an der TH Köln, sicher. "Man muss für eine Strafbarkeit von Verletzungen in der virtuellen Realität einen Bezug zur körperlichen Welt haben", sagt er. Tatsächlich heißt es in Paragraph 177 des Strafgesetzbuchs zur sexuellen Nötigung: Bestraft werde, wer eine andere Person "nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden."

An dieser Auslegung werde sich auch niemals etwas ändern, meint Schwartmann. "Dass sich jemand angefasst fühlt, ist nur so real, als wenn er sich in einer Geisterbahn angefasst fühlt. Wir erleben die Belästigung in unserer Gefühlswelt intensiv und real, sie ist es aber körperlich nicht. Das muss man bei Sanktionen berücksichtigen", sagt er. Man könne niemanden bestrafen für ein Verhalten, das sich in der körperlichen Welt nicht wiederfindet. Auch nicht für die Steigerung der Belästigung, virtuelles Töten: "Strafe für die Tötung von Daten oder Pixeln. Das wäre bizarr."

Stand: Thu Oct 06 12:11:21 CEST 2016 Uhr

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