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08.02.2012

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Archiv | Kultur

Beginn des Inhaltes

Afrika-Bilder

Afrika in unseren Köpfen

Ellen Hoffers

Der Sohn Kindersoldat, die Mutter an Aids gestorben, der Vater in einer Nussschale übers Meer geflohen. Und das alles vor traumhafter Kulisse: ewiger Sand, majestätisch dahin schreitende Löwen, grandiose Sonnenuntergänge. Ja, so ist Afrika! - denken wir jedenfalls.

Löwe, Flüchtlinge an der Küste Italiens, Flüchtlingskind im Ostkongo, Pygmäen- Tourismus in Ost-Kamerun Foto: picturealliance/ dpa, Kombo: ARD.de

Aus den großen, etwas trüben Augen der älteren Dame fließt Mitleid. "Und in welcher Nussschale sind Sie hier rübergekommen?", fragt sie Serge nach einem Gottesdienst. Serge, 27, kommt aus Kamerun, studiert Wirtschaftswissenschaften in Mainz. Nach Deutschland ist er mit dem Flugzeug gekommen. Beinahe täglich habe er mit solchen absurden Situationen zu kämpfen, sagt er. Wie er damit umgeht? "Keine Ahnung, manchmal bin ich einfach sprachlos."

"Schauen Sie sich doch mal die Berichterstattung in den Medien an", sagt der Soziologe Prof. Tirmiziou Diallo. "Sie erfahren nichts über Afrika, außer über Aids, Krieg und Flüchtlinge, die übers Meer kommen - und wenn positiv über Afrika berichtet wird, dann über Tiere. Mit denen hat man Mitleid!" Das Thema bringt den sonst so ruhigen Mann aus Guinea auch 50 Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland noch in Rage, "diese Bilder von Afrika, das sind doch reine Projektionen".

Unreflektierte Projektionen

Projektionen, die noch immer erstaunlich unreflektiert zwischen dem Safari-Traum "Abenteuer Afrika"  und dem von blutrünstigen Kriegern bevölkerten "Herz der Finsternis" pendeln, wie Medienwissenschaftler Olaf Krems bestätigt. Andauernd populär im Fernsehen: In weiße Leinenkleider gewandte Mittvierzigerinnen, die in Afrika ihre Erfüllung zwischen wettergegerbten Farmbesitzern und unterwürfigen schwarzen Bediensteten suchen, die ausnahmslos ein zwar etwas infantiles, aber dennoch großes Herz besitzen. Sie sind Protagonistinnen einer Film-Kategorie, die leicht an der ewig gleichen Kulisse zu erkennen ist: Ein quasi menschenleeres Afrika der Tiere, geprägt durch grandiose Sonnenuntergänge, im Vordergrund streckt sich ein einzelner Baum in den Himmel, darunter zwei Löwen - wahlweise Giraffen -, die gemächlich in die Nacht spazieren.

Oder aber wir sehen in den Nachrichten das "Afrika der Barbaren", die hässliche Fratze des "dunklen Kontinents": Wir erschauern angesichts der uns so maßlos und unerklärlich erscheinenden Gewalt, die sich in angeblich tief in der Gesellschaft verwurzelnden "Stammeskriegen" - politisch korrekt ausgedrückt: in ethnischen Konflikten - entlädt. Gewalt und Konflikte, die weder Geschichte noch Gründe kennen, sondern einzig den Tiefen einer dunklen Seele zu entspringen scheinen. Wörter wie politische Instrumentalisierung, Wirtschaftsinteressen und Einfluss von außen scheinen zur Erklärung zu kompliziert - und so werden Bilder aus ewigen Vorzeiten immer mal wieder als hoch aktuell präsentiert.

Stammeskriege, Wasserbäuche, Flüchtlingsschwemme

Neu hinzugekommen sind in den vergangenen Jahrzehnten zwei ähnlich einprägsame Bilder: Dass des wasserbäuchigen Kindes - gerne auch mit Fliegen im Gesicht -, das uns aus großen, traurigen Augen anschaut und das spätestens seit den 1980er Jahren dazu benutzt wurde, eine ganze Industrie der Wohltätigkeit aufzubauen. Das mag zynisch klingen, hat aber mitunter seltsame Blüten getrieben: So hat der Staat Äthiopien, der sich bis heute nicht von der Berichterstattung über die Hungersnot 1984 erholt hat, eine bekannte PR-Agentur beauftragt, sein Image aufzubessern und so der komplett eingebrochenen Tourismusbranche wieder auf die Beine zu helfen.

Und dann das Bild der Flüchtlingsschwemme - der zerrupften namenlosen Figuren, die sich in winzigen Booten über den Ozean quälen. Im Gepäck das Bild einer unheimlichen Welle der Armut, die Europas Außengrenzen bedroht. In einem Gemenge unterschwelliger Angst vor Überfremdung und Unterwanderung der europäischen Gesellschaften diskutierte etwa die EU Auffanglager in Marokko, der italienische Ministerpräsident Berlusconi lässt Verwahrzellen in Libyen bauen. Hauptsache, sie bleiben draußen.

Und die Realität?

Mit Afrikanern wie Serge hat das alles herzlich wenig zu tun. Weder ist er aus dem heimatlichen Chaos an die Universität in Mainz geflüchtet, noch hatte er als Kind einen Wasserbauch. Überhaupt muss in Kamerun wohl seit Jahrzehnten kaum ein Kind mehr verhungern. Seiner Mutter geht es gut, sie musste keineswegs an Aids sterben. Die HIV-Infizierten-Rate unter Erwachsenen liegt in Kamerun derzeit bei ca 5% - und ist damit weit entfernt von erschütternden 26% in Swasiland, die unser Bild bestimmen.

Auch was "Stammeskriege" angeht, hat Serge relativ wenig Erfahrung. Zwar ist Kamerun ein äußerst diverses Land - gilt gar als "afrique en miniature" mit seinen über 200 Ethnien und ebenso vielen regionalen Sprachen, mit dem muslimischen Norden, dem christlichen Süden, den auf eine lange Tradition zurückblickenden zentral organisierten Sultanaten im Westen und den egalitären Gesellschaften im Osten. Blutige, ethnische Konflikte gab es aber seit der Unabhängigkeit 1960 trotzdem keine.

Und was die Seligkeit der Kolonialzeit betrifft: Kamerun führte einen zehnjährigen Unabhängigkeitskampf gegen die französische Besatzung. Am Ende, 1958, ermordeten die Franzosen den Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, Ruben Um Nyobe, und setzten den ihnen genehmen Ahmadou Ahidjo ins Präsidentenamt. In Kamerun jemanden zu finden, der die Kolonialherrschaft als Segen empfand, gestaltet sich dementsprechend schwierig. Und wilde Löwen? Nun ja, es gibt die "lions indomptables", so nennt sich die kamerunische Fußball-Nationalmannschaft - gesehen hat Serge selbst noch keinen.

Koloniale Wurzeln

Warum also diese Bilder? Laut Medienwissenschaftler Olaf Krems haben sie ihre Wurzeln meist in der Kolonialzeit. Dass diese Bilder schon damals hauptsächlich dazu dienten, Sklaverei, Unterdrückung und Kolonialismus zur "Bürde des weißen Mannes" umzudeuten, scheint bis heute kaum jemanden wirklich zu stören. In seiner Dissertation kommt Krems zu dem Schluss, dass die bestehenden Afrika-Bilder wesentlich mehr über diejenigen aussagen, die sie nähren, als über Afrika selbst.

Ihre Entstehung kann bestimmten Epochen gesellschaftlicher Umbrüche in Europa zugeordnet und leicht aus den damaligen Wünschen, Zielen und Ängsten einzelner Gesellschaften abgeleitet werden. Das wirklich Verwunderliche sei, dass alle Bilder, so alt sie auch sein mögen, mittlerweile in ihrer ganzen Ambivalenz nebeneinanderstünden.

"Senegal, Südafrika ... fängt doch beides mit S an, oder?"

Dass sich diese Stereotype so lange halten können, hat viel mit politischen Interessen zu tun. Begünstigt werden sie durch die Berichterstattung in den Medien, die sich meist durch eine geringe Informationsdichte und große Undifferenziertheit ausweist. Afrika existiert dort oft nur als der große, schwarze Kontinent.

Der private Fernsehsender Sat1 engagierte im Rahmen der Vorberichterstattung zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika eine senegalesische Musikgruppe. Der Hinweis der Band, sie stammten aus dem Senegal - das bekanntermaßen im Westen Afrikas liegt -, wurde mit der Bemerkung vom Tisch gefegt: "Naja, macht ja nichts ... Senegal, Südafrika ... fängt doch beides mit S an, oder?", erzählt der Bandleader kopfschüttelnd. Warum der Anfangsbuchstabe eines Landes trotz einer geografischen Entfernung von etwa 6400 km auf eine kulturelle Verbundenheit hinweisen soll, wird nicht weiter erklärt. Nur zum Vergleich: Die Entfernung entspricht in etwa der Distanz zwischen Schweden und Saudi-Arabien.

Das Ganze hat schon borateske Züge: Wir lachen im Kino ("Borat", 2006) über dumme US-Amerikaner, die nicht wissen, dass auch Menschen aus Kasachstan moderne Klospülungen kennen und darüber, dass sie Ängste hegen, Schweden zu besuchen, da "im Kosovo ja schließlich Krieg" sei. Und sind gleichzeitig permanent selbst dabei, einen ganzen Kontinent mit unserer Ignoranz zu verunglimpfen.

Fatale Folgen

Man kann sich über diese Bilder ärgern, vielleicht auch darüber lachen. Am Ende haben sie bittere Konsequenzen: Dirk Niebel, Minister für Entwicklungszusammenarbeit (FDP), spräche lieber mit europäischen Lobbyisten wie dem irischen Sänger Bob Geldof als sich mit kritischen Afrikanern auseinanderzusetzen, empört sich der ehemalige deutsche Botschafter und Entwicklungshilfekritiker Volker Seitz. Denn "welche Rolle spielt schon die Meinung von Afrikanern, wenn Weiße beschließen, ihnen zu 'helfen'?" Afrikanische Intellektuelle, Kritiker, Wirtschaftsexperten kommen in unserem Afrika-Bild einfach nicht vor.

Bundesminister Dirk Niebel im Virunga Nationalpark im Kongo Foto: picture-alliance/dpa Dirk Niebel auf Safari im Kongo

Auch im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit seien Vorstellungen von "Afrikanern als Kindern, denen man das alles erst mal beibringen müsse", anzutreffen. Unter dem Vorwand solch paternalistischer Sichtweisen überzog die Weltbank in den 1980er Jahren beinahe den ganzen Kontinent mit Strukturanpassungsprogrammen - und das beeindruckend erfolglos. Als sich dann herausstellte, dass diese neoliberal getriebene Gesamtüberholung doch nicht zum erwünschten Ziel führte, wurde "Korruption" als elementarer Bestandteil der "afrikanischen Kultur" entdeckt und somit als unlösbareres, endogenes Problem identifiziert.

Als genauso funktional erwies sich die Wiederbelebung des Klischees des "faulen Afrikaners". Ebenfalls aus der Kolonialzeit stammend, wird es immer dann reaktiviert, wenn irgendetwas schief läuft. Gerade hat etwa Shanta Devarajan, Chef-Ökonom der Weltbank, per Pressemitteilung verlauten lassen, Schuld an der katastrophalen Lage der afrikanischen Länder sei vor allem die Arbeitsmoral der Menschen - sie erschienen einfach zu selten zum Dienst. Kein Wort wird dagegen über die häufig miserable Entlohnung vieler afrikanischer Staatsangestellter verloren. Man erinnere sich nur an die Empörung, die Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) nach seinen Bemerkungen zur Arbeitsmoral der Rumänen entgegenschlug - hier jedoch wird ein ganzer Kontinent mir nichts, dir nichts der Faulheit bezichtigt, und niemanden interessiert es.

Schutzschild Stereotyp

Mitunter entsteht der Eindruck, wir hätten uns bewusst eine Art Schutzschild aus Stereotypen aufgebaut, die sich nicht nur untereinander, sondern auch jeglicher Realität widersprechen. Solange wir die Erklärung dulden, dass sich der "Stamm der Hutu" und der "Stamm der Tutsi" in Ruanda gegenseitig quasi grundlos die Köpfe eingeschlagen haben, müssen wir uns auch nicht mit der Rolle Frankreichs und der Uno während dieses grausamen Konflikts auseinandersetzen.

Wenn wir immer noch glauben, dass "schwarze Kinder" in der Kolonialzeit im Grunde der Führung des "weißen Mannes" bedurften, dann müssen wir uns auch nicht eingestehen, dass wir noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts "echte Neger" in Zoos begafft haben. Und wenn wir denken, unser Gewissen mit einer Spende an Hilfsorganisationen, die mit traurigen Stereotypen werben, beruhigen zu können, dann müssen wir uns auch keine Gedanken über die Kameruner, Äthiopier oder Senegalesen machen, die uns täglich begegnen und die wir mit unserer Unwissenheit brüskieren.

Stand: 07.04.2010

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