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Afrika-Konferenz "Kontinuitäten und Brüche"
50 Jahre Unabhängigkeit in Afrika
Gastbeitrag von Professor Thomas Bierschenk, Universität Mainz
In diesem Jahr feiern viele Länder Afrikas südlich der Sahara ein halbes Jahrhundert politische Unabhängigkeit - vielerorts, insbesondere in Afrika selbst, aber auch in Europa und hier in Deutschland ist dies für Wissenschaftler und Politiker Anlass, Bilanz zu ziehen.
Seit 1960 hat sich die Situation des Kontinents tiefgreifend verändert. Die Bilanzen und Rückschauen werden der Komplexität dieser Entwicklung allerdings oft nicht gerecht. Zwei Themen, unter denen wir gelernt haben, Afrika "zu sehen", dominieren: Demokratie und Entwicklung, bzw. ihre jeweilige Abwesenheit, also Diktatur, Staatsverfall, Bürgerkrieg, Armut, Hunger.
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Dabei gerät jedoch aus dem Blick, wie umfassend sich der Kontinent in den letzten 50 Jahren verändert hat - nicht nur auf politischem und wirtschaftlichem, sondern auch, und vielleicht sogar in erster Linie, auf gesellschaftlichem und kulturellen Gebiet. Vielschichtige Verdichtungs-, Differenzierungs- und Transformationsprozesse haben dazu geführt, dass afrikanische Gesellschaften heute bedeutend komplexer sind als zu der Zeit, in der die afrikanischen Staaten unabhängig geworden sind.
Undifferenzierter Blick auf einen pluralistischen Kontinent
Professor Thomas BierschenkSchon die einfachen Fragen, ob Afrika demokratischer geworden ist und ob es sich (ökonomisch) "entwickelt" hat, sind schwer zu beantworten. Und zwar vor allem deshalb, weil sie sich meist, ohne zu differenzieren, auf den ganzen Kontinent beziehen. Kein anderer Kontinent verführt Kommentatoren derart zu Generalisierungen wie Afrika.
Man stelle sich einmal vor, große deutsche Zeitungen hätten nur einen einzigen "Asien-Korrespondenten", der dann etwa aus Singapur über den Irak berichtet. Genau das ist die Situation in der Berichterstattung über Afrika in den deutschen Medien. Ein Korrespondent ist durchschnittlich für fast 25 Länder zuständig, von denen manche vom jeweiligen permanenten Standort des Journalisten weiter entfernt liegen als von Hamburg.
Musterländer und zusammengebrochene Staaten
Seit dem Demokratisierungsschub der 1990er Jahre haben sich die politischen Verhältnisse in Afrika sehr stark auseinanderentwickelt. Auf der einen Seite des Spektrums finden wir "Musterländer" wie Benin, Ghana und Südafrika, deren demokratische Glaubwürdigkeit weitaus ernster zu nehmen ist als beispielsweise die der meisten arabischen Staaten - auch wenn der Demokratisierungsprozess immer prekär bleibt.
In anderen Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik oder Teilen der beiden Kongos ist der Staat nur eine Art äußere Hülle. Und dann gibt es die "zusammengebrochenen" Staaten ohne durchsetzungsfähige Zentralregierungen wie in Somalia - das in Teilen (Somaliland) allerdings ausgesprochen gut funktioniert, dem aber die internationale Anerkennung fehlt.
Adressat gut gemeinter Ratschläge
Kein anderer Kontinent war seit Ende des Zweiten Weltkriegs so sehr Adressat gutgemeinter Ratschläge von außen und Ort vielfältiger entwicklungspolitischer Interventionen und Politikexperimente wie Afrika. Hier liegt, über die harten wirtschaftlichen Probleme hinaus, vielleicht das größte Entwicklungshindernis Afrikas: Die Begriffe und Ansätze, unter denen über realistische Entwicklungsoptionen Afrikas verhandelt wurde und immer noch wird, werden meist nicht von afrikanischen Akteuren selbst erarbeitet, sondern sind weitgehend von außen vorgegeben.
Mindestens ebenso tiefgreifend wie diese politischen und ökonomischen Entwicklungen waren die gesellschaftlichen Veränderungen. Der Bevölkerungsanstieg im vergangenen halben Jahrhundert war beispiellos, von 300 Millionen auf heute eine Milliarde Menschen, begleitet von massiven Bevölkerungsverschiebungen und rapider nachholender Urbanisierung. Das subsaharanische Afrika wird zu einem Kontinent der Millionenstädte. Doch auch die ländlichen Gebiete Afrikas sind heute kein Hort der Tradition mehr, sondern vielfältig - ökonomisch, politisch, kulturell - an die städtischen Zentren angebunden.
Jugendliche Dynamik als Chance begreifen
Parallel zu Bevölkerungswachstum und Urbanisierung hat sich der Schulbesuch rasant ausgeweitet. Kein anderer Kontinent hatte dabei mit einem derartig katastrophalen kolonialen Erbe zu kämpfen. Erst als Afrikaner selbst in der späten Kolonialzeit größeren politischen Einfluss erhielten, wurde Bildung zu einer Priorität. Aber erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts hat Afrika, nach einer beispielslosen nachholenden Entwicklung, die Einschulungsraten erreicht, die asiatische Entwicklungsländer schon Mitte der 1950er Jahre aufwiesen.
Demographisches Wachstum und Migration machen afrikanische Gesellschaften zu sehr jungen Gesellschaften: Zwei von drei Afrikanern sind weniger als 25 Jahre alt, doppelt so viel wie im alternden Europa. Diese Jugendlichkeit des Kontinents wird meist nur als Problem wahrgenommen, und in der Tat sind viele gerade auch der gewaltförmig ausgetragenen Konflikte solche zwischen Generationen. Es ist vielleicht die größte Herausforderung afrikanischer Eliten, die mit dieser Jugendlichkeit verbundene Dynamik und Kreativität als Chance zu sehen und in produktive Bahnen zu lenken.
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Teil 2: Ein Kontinent holt auf
Stand: 06.04.2010
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Eine Webdokumentation [arte]
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50 Jahre nach der Unabhängigkeit [dw]
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