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"Meine Literatur soll die Welt verändern"
Sie gelten als starke Stimme einer neuen Generation afrikanischer Autoren. Was unterscheidet Sie von früheren Literaten?
Der Unterschied ist nicht besonders groß, vielmehr bin ich ein Produkt der Leute, die vor mir geschrieben haben - Mongo Beti (1932 - 2001) etwa oder Aimé Césaire (1913 - 2008), mit denen ich aufgewachsen bin. Wir haben die gleichen Ziele, nämlich die Geschichte Kameruns weiter zu erzählen und dabei neue Visionen für Kamerun zu entwerfen.
Ist es das, was das Schreiben für Sie bedeutet?
"Mut, die Welt neu zu gestalten"Ja, den Mut zu haben, eine andere Welt zu gestalten. Das, was ich heute mache, sehe ich in einer Kontinuität zu dem, was Mongo Beti und zuvor schon Njoya im 19. Jahrhundert versucht haben: die Welt zu verändern, sie ein bisschen besser zu gestalten. Bücher zu schreiben, in denen ich den Leuten eine Vorstellung davon geben, was sein könnte.
Kann es trotz der Diktatur eine Kultur der kritischen Auseinandersetzung in Kamerun geben?
Ja, und was Kamerun betrifft ist diese Auseinandersetzung sogar sehr laut. In Kamerun gibt es einen profunden, in Afrika sehr beachteten kritischen Diskurs. Aber ein weiteres Paradox ist, dass diese Stimme genauso laut wie die Diktatur brutal ist. Das bedeutet: Intellektuelle kamerunische Regimekritiker verschaffen sich Gehör und sie sind wirksam, obwohl die Staatsgewalt zunehmend mit Grausamkeit reagiert. Aber wenn ich mich jetzt von Europa oder den USA aus kritisch über das kamerunische Regime äußere, dann weiß ich ganz genau, dass ich nicht alleine bin - es gibt sehr viele Schriftsteller in Kamerun, die dieselbe Meinung vertreten.
Warum haben Sie Kamerun verlassen?
Ich habe damals, im Alter von 25 Jahren, die Entscheidung getroffen auszuwandern. Zuvor hatte ich in Deutschland mein Studium abgeschlossen und bin mit einigen Büchern, Skripten und Veröffentlichungen in der Hand zurück nach Kamerun gegangen, um dort an der Universität zu unterrichten. Aber dann habe ich mir gesagt: Nein, hier möchte ich nicht unterrichten. Ich möchte nicht abhängig sein vom Gehalt eines Staates, an dessen Spitze ein Mann sitzt, den ich tagtäglich kritisieren werde. Es war eine persönliche Entscheidung.
Wie sehr sind Sie - 15 Jahre nach Ihrer Auswanderung - in Ihrer Heimat präsent?
Mongo Beti zählt zu Nganangs literarischen Vorbildern.Mittlerweile mache ich sehr viel in Kamerun. Ich bin oft dort, veröffentliche häufig Artikel in Zeitungen, habe mehrere Bücher vor Ort publiziert, organisiere Konferenzen, veranstalte Lesungen. Ich bin nicht verschwunden, ich bin präsent, ich bin da! Mittlerweile habe ich sogar das Gefühl, dass ich mehr in Kamerun veröffentliche als Leute, die dort leben. Dabei bin ich völlig unabhängig vom Gehalt des Staates, der mir auf jeden Fall Steine in den Weg legen würde, wenn er nur könnte. Das ist ein riesiger Vorteil.
Für wen schreiben Sie Ihre Bücher?
In erster Linie für mich, denn ich sage immer: Ich schreibe, um abends schlafen zu können, ohne Alpträume zu haben (lacht). Ja, es gibt viele Dinge, die mich aufregen. Oder auch sehr viele Dinge, die mich freuen. Ich schreibe, um diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Danach kommt ja dann erst die Frage: Warum veröffentliche ich das Ganze?
Verraten Sie es uns!
Ich veröffentliche, weil ich grundsätzlich denke, es soll geschrieben, gedacht, vorgestellt werden. Ich kann die gegenwärtige Situation in Kamerun nicht einfach so hinnehmen. Wer wie ich das Glück hat, einen Ort zu haben, an dem Gedanken frei ausgedrückt werden können, sollte diesen Ort auch benutzen, eigene Vorstellungen zu entwerfen. Ich will die Leute konstant und permanent daran erinnern, dass die Welt auch anders sein kann.
Sie haben einmal gesagt, Sie wollten "Unabhängigkeit neu bestimmen". Was haben Sie damit gemeint?
Die Unabhängigkeit, wie sie in den 1960er Jahren auch in Kamerun festgeschrieben wurde, ist ein tödliches Abenteuer. Sie wurde einzig definiert als das Gewaltmonopol des Staates - sie kümmert sich aber nicht um die Unabhängigkeit der Person, des Individuums. Die Freiheit eines Menschen, die Sachen so zu machen und auszudrücken, wie er es will, ist völlig vernachlässigt worden. Und deshalb ist die Geschichte Afrikas von den 1960er Jahren bis heute auch eine Katastrophe! Sehen Sie sich nur an, wie afrikanische Gewaltherrscher von Nigeria bis Somalia ihre eigene Bevölkerung massakrieren. Darin zeigt sich das Problem vieler afrikanischer Länder: Sie verfügen über eine staatliche Unabhängigkeit, in der jedoch die Menschenrechte der Bevölkerung keine Rolle spielen.
Was fordern Sie?
Afrika braucht beides, unabhängige Staaten und unabhängige Menschen. Auf den Zustand, wie er sich heute darstellt, kann ich nicht stolz sein. Um auf Ihre erste Frage zurückzukommen: Solange die Afrikaner als Individuen nicht auch unabhängig sind, sehe ich absolut keinen Grund zu feiern.
Das Interview führte Ellen Hoffers.
Stand: 09.04.2010



