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Nneka im Interview
"Alles was wir brauchen, finden wir in uns"
"So gut wie 'The Miseducation of Lauryn Hill'", befand die britische Sunday Times über das Debütalbum "Victim Of Truth" der nigerianischen Sängerin Nneka. Mit ihrer Musik ruft sie zu mehr Selbstbewusstsein auf: "Wir können viele Probleme selbst lösen".
ARD.de: Nigeria wird am 1. Oktober den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit begehen. Werden Sie feiern?
Nneka: Ja, auf jeden Fall. Es werden in Nigeria viele Feiern stattfinden. Ich denke, das wird eine große Sache - zumindest für die Menschen, die sich der Geschichte der Unabhängigkeit bewusst sind. Es gibt aber auch viele, die über die Geschichte ihres Landes so gut wie nichts wissen. Ich jedenfalls werde leidenschaftlich feiern – denn gleichzeitig ist dieser Tag für mich auch eine Möglichkeit, mit meiner Band aufzutreten und mit lauter Stimme unseren "Anführern" zu sagen, dass es Dinge gibt, die sich in unserem Land ändern müssen.
Was genau kritisieren Sie?
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2005 veröffentlichte sie das Debütalbum "Victim Of Truth", auf dem sie Elemente aus Soul, Reggae, Afrobeat und HipHop zu einer eigenen Mischung verwob. 2008 folgte das Album "No Longer at Ease" und die Single "Heartbeat", die der Sängerin in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich zu Popularität verhalf. Erst kürzlich veröffentlichte Nneka in den USA das Album "Concrete Jungle". Sie selbst sagt über ihre Musik:"Für meine Musik gibt es keine Schublade. Ich mache, was ich will."
Die Politiker verkaufen uns und das zu billig, zum Beispiel an die Erdölindustrie. Sie verkaufen unsere Unabhängigkeit. Man muss schlicht und einfach feststellen, dass unsere Regierung sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Volk entledigt hat.
Wie reagieren die Menschen darauf?
Wir leben weiter, richten uns eben ein. Für die Menschen auf der Straße ändert sich nichts. Korrupte Führer sind, als hätte man keine Führer - die Armut bleibt die gleiche. Die politischen Eliten haben sich von den Menschen abgekoppelt.
Sie sind im Niger–Delta aufgewachsen, einer Region, die unter andauernden Konflikten um die Erdölförderung leidet. Wie würden Sie die aktuelle Situation beschreiben?
Vor zwei Wochen ist gerade wieder eine Bombe in meiner Heimatstadt Warri hochgegangen. Die Menschen haben damit gegen die Erdöl-Konzerne und ihre Machenschaften protestiert. Sie sind sauer, dass sie nicht von den Ressourcen ihres Landes profitieren. Das Geld sacken die Konzerne und politischen Eliten ein, aber die Bevölkerung hat nichts davon. Dazu kommt die enorme Umweltverschmutzung. Es ist ein absurder Wahnsinn, mit dem die Menschen hier leben müssen.
Das klingt alles etwas resigniert ...
Oh nein, der Eindruck täuscht. Es gibt viele Menschen, die daran interessiert sind, Nigeria voranzubringen - vor allem Leute in meinem Alter. Auch viele Nigerianer in der Diaspora setzen sich ein. Diese Bewegung empfinde ich als positiv - sie wird das Land verändern.
Sie sagen, dass Afrika an sich in der Lage ist, viele Probleme allein zu lösen. Warum geschieht das nicht?
Eigentlich haben wir alles. Alles, was wir brauchen, finden wir in uns. Wir haben Ressourcen, wir hätten sogar Geld – wenn die Erdöleinnahmen geregelt in den Staatshaushalt fließen würden. Und wir haben gebildete Menschen. Am Ende läuft alles darauf hinaus, dass wir eine verantwortungsvolle Regierung brauchen. Und die haben wir nicht.
Es gibt auch in Nigeria Menschen, die für das Allgemeinwohl arbeiten möchten. Aber wenn diese Menschen in höhere Positionen kommen und zum Wohlergehen der Bevölkerung handeln, dann werden Sie von den Machthabern schnellstens eliminiert. Die Eliten haben Angst, ihre Macht zu verlieren. Also ersticken sie solche Ansätze im Keim. Es ist die reinste Mafia (lacht).
Sie selbst bezeichnen Ihre Musik als politisch. Das zweite Album "No longer at ease" (2008) trägt den Namen eine Buchtitels des kritischen nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe. War das Absicht?
Ja und nein, eher eine glückliche Fügung. Der Titel ist mir lange im Hinterkopf rumgespukt und er passte genau zu meinem damaligen Gefühl. Ich kenne das Buch "No longer at ease" von Achebe noch aus meiner Kindheit. In der Schule haben wir all diese afrikanischen Schriftsteller gelesen: Chinua Achebe, Wole Soyinka, und so weiter ... Ich habe die Geschichte dann noch einmal gelesen und mich wieder erinnert: Alles, aber wirklich alles stimmte mit meinem Leben überein. Es war, als wäre es meine eigene Geschichte!
Chinua Achebe hat einmal gesagt: "... jede gute Geschichte, jeder gute Roman, sollte eine Botschaft enthalten, einen Zweck haben." Gilt das auch für Ihre Musik?
Jeder, der etwas leidenschaftlich tut, übernimmt in irgendeiner Form Verantwortung für seine Umgebung. Wenn ich keine Botschaft hätte, würde ich nichts sagen. Mit meiner Musik möchte ich den Menschen Hoffnung und das Gefühl der Freiheit geben. Ich möchte Geschichten erzählen, die sie zum Nachdenken anregen. Nicht, dass ich denke, ich sei "erleuchteter" als andere - nein, gar nicht. Ich selbst habe einen langen Weg zu gehen und viel zu lernen, es gibt so viel, das ich nicht weiß. Aber ich habe ein Herz und eine Meinung, und ich liebe die Musik.
In Ihrem Lied "Heartbeat" kritisieren Sie die starke kulturelle Beeinflussung durch die westliche Welt. Was ist nötig, um eine eigene, kulturelle Unabhängigkeit zu erreichen?
Diese Unabhängigkeit können wir nur erreichen, wenn wir verstehen, dass wir die koloniale Mentalität ablegen müssen. Der "weiße Mann" gilt vielen Afrikanern noch immer irgendwie als überlegen. Sie denken: "Er ist weiß, er fliegt in einem Flugzeug, er hat Geld - dann muss er wohl besser sein als ich." Diesen institutionalisierten Komplex müssen wir los werden. Im Moment lähmen wir uns selbst.
Sie veröffentlichen Ihre Musik sowohl in Nigeria als auch in Deutschland. Wie unterscheiden sich die Reaktionen? Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Botschaft in Europa verstanden wird?
Ja, das Lustige ist, die Menschen verstehen es! Es gibt so viele, die nach Konzerten zu mir kommen und sich mit mir unterhalten wollen. Sie stellen Fragen wie: "Sollten wir Afrika in Ruhe lassen?" oder "Was können wir machen?" Ich sehe, dass meine Botschaften aufgenommen werden - und jeder pickt sich die Dinge heraus, mit denen er sich identifizieren kann.
Erst kürzlich haben Sie eine Platte in den USA veröffentlicht. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
In den USA sind die Menschen im Moment sehr offen, was Afrika angeht. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber sie spielen selbst die Musik des nigerianischen Saxophonisten Fela Kuti am Broadway. Die Leute sehen sich das an und sie lieben es! Sie haben festgestellt, das Afrika mehr ist als ein Kontinent der Repression, Korruption, Aids, Armut und des Chaos'.
Wir haben in Afrika unsere Kultur, unseren Stolz, unsere Fähigkeit, mit wenig zufrieden zu sein. Und das müssen die Menschen außerhalb Afrikas verstehen lernen. Wir brauchen uns gegenseitig, wir brauchen "mixed cultures". Wir müssen uns vernetzen und letztendlich verstehen, dass wir alle nur Menschen sind.
Sie sind in Nigeria aufgewachsen und mit 18 nach Deutschland gekommen. Warum sind Sie nun wieder nach Nigeria zurückgekehrt?
Obwohl ich in Deutschland eine gute Zeit hatte, bin ich dort nie wirklich angekommen. Ich bin regelmäßig nach Nigeria gefahren – wenn ich das Geld hatte. Inzwischen verbringe ich die meiste Zeit in Nigeria. Wissen Sie, ich habe das Gefühl, hier noch so viel tun zu können. Aber um irgendetwas in Nigeria bewegen zu können, muss ich vor Ort sein.
Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Deutschland beschreiben?
Ich liebe Deutschland. Ich liebe Deutschland für das, was es für mich getan hat. Für die Möglichkeiten, die sich mir eröffneten, mich zu entwickeln – ohne Deutschland hätte ich keine Musik machen können. Ich bin zur Hälfte deutsch – und ich bin stolz darauf. Das ist super: Ich kann mir aus beiden Seiten das Beste heraussuchen (lacht).
Welche Entwicklung wünschen Sie sich für Afrika und insbesondere für Nigeria?
Also, da gibt es vieles ... Erstens: Wir müssen unsere Nationalhymne ändern. Wir müssen sie ändern, weil wir immer noch die Kolonial-Hymne singen! (lacht)
Wie bitte?
Doch, wirklich! Ich habe sogar eine neue Version gemacht, die afrikanischer klingt, mit ein bisschen Reggae. Die alte Hymne klingt wie eines der Lieder, die in katholischen Kirchen gesungen werden. (lacht) Na ja, die Melodie ist ganz schön, aber der Text muss auf jeden Fall geändert werden - und damit die Botschaft!
Zweitens: Wir brauchen Freiheit, echte Freiheit. Wir brauchen politische Führer, die nicht nur an sich selbst denken, sondern Leute mit neuen Ideen und Visionen. Alle die, die in kolonial- und postkolonialen Zeiten nur dafür gekämpft haben, um an die Macht zu kommen und noch heute diese Macht ohne Rücksicht auf das Volk festhalten, diese alten Männer müssen verstehen, dass es endlich Zeit ist, zu gehen.
Das Interview führte Ellen Hoffers.
Stand: 10.04.2010



