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Volker Seitz im Interview
"Entwicklungshilfe zementiert die Unmündigkeit Afrikas"
Benin, Niger, zuletzt Kamerun: Volker Seitz hat 17 Jahre als Diplomat in Afrika gelebt und gearbeitet. Heute kritisiert er die jahrzehntelang ausgeübte Praxis der Entwicklungshilfe - und fordert ihre Reform: "Wahre Freundschaft gegenüber Afrika muss in Zukunft kritische Zusammenarbeit bedeuten".
ARD.de: Sie bescheinigen vielen afrikanischen Machteliten mangelndes Interesse, Probleme wie Korruption, Intransparenz und Analphabetismus zu beseitigen. Wie sinnvoll ist Entwicklungszusammenarbeit unter solchen Bedingungen überhaupt noch?
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Jahrgang 1943, hat als deutscher Diplomat in verschiedenen afrikanischen Ländern gelebt und gearbeitet. Bis zu seiner Pensionierung war er als deutscher Botschafter in Kamerun tätig (2004-2008). Er ist Autor des Buches "Afrika wird armregiert" (aktualisierte und erweiterte Neuauflage 2010), in dem er sich für eine Reform der Entwicklungszusammenarbeit - früher "Entwicklungshilfe" - einsetzt.
Volker Seitz: Ich habe als Diplomat in Afrika sehr viele Jahre geglaubt, dass wir die richtige Entwicklungspolitik betreiben - und deshalb habe ich die Maßnahmen des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) unterstützt. Doch mit der Zeit ist mir klar geworden, dass die Entwicklungszusammenarbeit der Industrieländer in den vergangenen 50 Jahren kein geeignetes Instrument zur Selbsthilfe war. So wie sie in der Vergangenheit betrieben wurde, ist Entwicklungspolitik jedenfalls nicht nur nicht zielführend, sondern sogar kontraproduktiv.
In Ihrem Buch gehen Sie mit Ihrer Kritik an den Industriestaaten sogar noch weiter. Den internationalen Entscheidungsträgern werfen Sie vor, Afrikas Probleme nicht lösen zu wollen - es gelte gar als "politisch unkorrekt", diese überhaupt zu benennen. Wie lässt sich das erklären?
Viele Organisationen sind an der Entwicklungszusammenarbeit beteiligt.Als Botschafter in Kamerun habe ich das BMZ oft über Fehlentwicklungen informiert. Doch jedes Infragestellen der Entwicklungszusammenarbeit war unerwünscht, da dies den Finanztransfer ins Stocken bringen könnte. Und wenn das Geld nicht ausgegeben werden kann, dann können auch unmöglich immer mehr Mittel vom Finanzminister verlangt werden. Auf diese Weise halten wir eine gut funktionierende "Zusammenarbeit" zwischen einer florierenden Hilfsindustrie und den afrikanischen Machteliten am Leben - zum beiderseitigen Nutzen.
Dass afrikanische Machteliten davon profitieren, liegt auf der Hand - aber worin liegt der Nutzen für uns?
Einmal abgesehen von handfesten wirtschaftlichen Interessen: Wir können auf diese Weise unser Gewissen beruhigen. Viele junge Afrikaner werfen uns doch heute schon vor, dass wir Entwicklungszusammenarbeit in der heutigen Form nicht deshalb leisten, weil wir von ihrer Wirksamkeit überzeugt sind, sondern weil es für uns der einfachste und billigste Weg sei, Engagement gegen Armut und Ungerechtigkeit in der Welt zu demonstrieren.
Nennen Sie bitte ein Beispiel für eine fehlgeleitete Entwicklungszusammenarbeit.
Es ist vielen afrikanischen Ministern nicht einmal peinlich, einen ansehnlichen Betrag dafür zu fordern, dass sie ein Entwicklungsprojekt, etwa eine Schule, einweihen. Da ist es kaum verwunderlich, dass solche Projekte wieder verkümmern, sobald die ausländischen Experten weggegangen sind. Besonders deutlich wird die Fehlentwicklung anhand der so genannten Budgethilfe.
Was verbirgt sich dahinter?
Die Budgethilfe wurde erfunden, um Entwicklungsgelder besser abfließen zu lassen. Es sind finanzielle Hilfen, die direkt in den Haushalt afrikanischer Staaten einfließen - oft ohne dass dafür überhaupt Bedingungen gestellt werden, wofür diese Gelder eingesetzt werden müssen. Und selbst wenn dies geschieht, wird anschließend nicht kontrolliert, ob die Hilfen vereinbarungsgemäß eingesetzt wurden. Deshalb sind Budgethilfen nur dann richtig, wenn auf der Empfängerseite kompetente Institutionen und nationale Instanzen wie Rechnungshöfe oder unabhängige Parlamente bestehen, die ihre Regierungen kontrollieren. Dies ist jedoch fast nirgendwo der Fall - und nur in wenigen Ländern wie etwa Ruanda oder Ghana gehen die Führungseliten verantwortungsvoll mit dem Geld um.
Die Probleme entspringen also dem Zwang, dass einmal für Entwicklungszusammenarbeit bewilligtes Geld auf "Teufel komm raus" ausgegeben werden muss?
Genau. Warum sollten die Regime die Probleme ihres Landes lösen, wenn sie mit fremder Hilfe rechnen können? Warum sollte es nicht möglich sein, von einer Regierung zu verlangen, dass sie zunächst mit eigenen Mitteln etwa ein Krankenhaus errichtet, ehe zusätzliche Gelder bewilligt werden? Allerdings wird sich dann ein weiteres, bislang verdecktes Problem zeigen: Viele Machteliten haben gar kein echtes Interesse daran, dass Krankenhäuser in ihren Ländern gebaut werden. Wenn sie krank werden, sind sie - im Gegensatz zum überwiegenden Teil der Bevölkerung - nicht auf ihr eigenes, völlig desolates Gesundheitssystem angewiesen. Stattdessen lassen sie sich lieber in Frankreich, der Schweiz oder den USA behandeln.
Bleiben wir beim Beispiel Krankenhausbau - auf welche Weise kann Entwicklungspolitik die Initiativen vor Ort fördern?
Indem sie darauf drängt, dass Regierungen die Bevölkerung an den Entwicklungsanstrengungen beteiligen. Heute wird ein Krankenhaus von einer Hilfsorganisation geplant, von der Regierung gebilligt und die Bevölkerung darf applaudieren, wenn es eingeweiht wird. Da es ohne Beteiligung der Bevölkerung gebaut wird - und oft auch an ihren Bedürfnissen vorbei -, verfällt es jedoch nach kurzer Zeit, bis ein beflissener Geldgeber sich bereiterklärt, Haus und Geräte zu erneuern. So zementieren wir die Unmündigkeit der Armen. Wenn die Bevölkerung dagegen mit Hand anlegen würde, wäre es auch ihr Krankenhaus.
Stand: 12.04.2010
Inhalt:
- "Entwicklungshilfe zementiert die Unmündigkeit Afrikas"
- "Wir haben das Gute mit guter Absicht verwechselt"



