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23.05.2012

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Archiv | Kultur

Beginn des Inhaltes

Jazz in Deutschland

Von "Maschinenmusik" bis Free Jazz

Von Rachel Schröder

Die deutsche Jazz-Kultur beginnt nach dem 1. Weltkrieg, mit Charleston, Shimmy und kurzen Kleidern. Ein Streifzug durch fast 100 Jahre Jazz in Deutschland.

Die Geschichte des Jazz beginnt mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, als eine exotische, "anstößige" neue Musikform über britische und amerikanische Soldaten aus der Neuen Welt nach Deutschland kommt: Bubikopf, kurze Kleider und ausgelassene Lebensfreude ersetzen die von Gehorsam, Vaterlandstreue und "Anständigkeit" geprägte Moral des Kaiserreichs. Ein Kulturschock, der sich in reichlich Polemiken zeigt. Denn unter dem als "Pinkelmusik", "Maschinenmusik" und "Niggermusik" bekannten neuen Musikstil kann sich kaum jemand etwas vorstellen. Mit den Goldenen Zwanzigern ändert sich die Haltung der Deutschen zum Jazz: In vielen Städten, allen voran Berlin, kommt ein Modetanz nach dem anderen auf: Turkey-trot, Fishwalk, Castlewalk, Charleston, Black Bottom und Shimmy. 1922 komponiert der Komponist Paul Hindemith einen "Shimmy", und seit 1924 - dem "Goldenen Jahr des Jazz" - entstehen mehr und mehr Jazz-Kappellen, die ersten US-Bands treten in Berlin auf und über den Rundfunk werden immer mehr Jazz-Platten aus dem Ausland verbreitet. Auch wenn Instrumente wie das Saxophon in den 20ern noch als "Clownelement" und "Negerpfeife" betrachtet werden, so steigt die Sensibilität gegenüber dem Jazz bis in die 30er Jahre soweit, dass er schließlich als "seriöser" Musikstil voll etabliert ist.

Jonny spielt auf

Label einer Schlagerplatte von Sam Woodings Chocolate Kiddies. Quelle Polydor Bild gross Sam Wooding "verjazzte" deutsche Schlager wie "Wollen wir nicht Freunde sein".

In Deutschland entstehen zahlreiche Jazz-Sinfonien und Jazz-Sinfonie-Orchester, und auch in der Werbung und im Film treten Jazz-Musiker auf. Sam Wooding "verjazzt" mit seiner Band deutsche Volkslieder wie "O du lieber Augustin" und "Wollen wir nicht Freunde sein". Die Comedian Harmonists feiern ihre ersten Erfolge. Ernst Krenek komponiert seine Jazz-Oper "Jonny spielt auf", und Alfred Baresel verfasst ein praxisnahes "Jazzbuch". Obwohl der Jazz inzwischen an Popularität gewonnen hat, halten sich nach wie vor Vorurteile gegenüber der neuen "Modemusik" aus Amerika: Der Saisonschlager von 1926 heißt: "Der Neger hat sein Kind gebissen".

Jazz im Untergrund - Die Swing-Kids

Das ambivalente Verhältnis der Deutschen zum Jazz ("Dreckbazillus", "musikalische Impotenz", "Niedrigkeit") in den 20ern gipfelt während des Dritten Reichs im Rundfunkverbot für "Niggerjazz". Trotz des strikten Verbots lebt der Jazz als "Untergrund-Jugendkultur", eine Art Widerstand, weiter. Die Hafenstadt Hamburg wird - neben anderen großen Städten wie Berlin, Hannover, Köln und Düsseldorf - schnell zum Zentrum der so genannten "Swing-Kids". Mit auffällig gestylten Klamotten leben sie eine Lässigkeit, die den Nazis ein Dorn im Auge ist. Weil sie "Feindsender" und "verbotene" Schallplatten hören, werden sie in vielen Fällen verfolgt und umgebracht.

Der Neubeginn - Jazz in Deutschland seit den 50er Jahren

Das Albert-Mangelsdorff-Quintett während eines Auftritts. Foto dpa Bild gross Der renommierte deutsche Posaunist Albert Mangelsdorff mit seinem Quintett.

Nach dem Ende der Nazi-Diktatur, in den 50er Jahren, gilt Frankfurt lange Zeit als die Jazzhauptstadt Deutschlands. Hier wird der legendäre "Jazzkeller" (die Wiege des Jazz in der Stadt am Main), das "Deutsche Jazz-Festival Frankfurt" (heute das weltweit älteste Festival seiner Art) und nicht zuletzt das Jazz-Ensemble des Hessischen Rundfunks gegründet. Zu den einflussreichsten westdeutschen "Jazzern" seit den 50er Jahren gehört der Posaunist Albert Mangelsdorff (1928-2005) und der Trompeter Manfred Schoof. Mangelsdorff entwickelt in den 70er Jahren eine Spieltechnik, bei der er zusätzlich in die Posaune singt.

Weitere bedeutende deutsche Jazzmusiker sind der Saxophonist Peter Brötzmann, der Schlagzeuger Günther "Baby" Sommer, der Sänger Peter Petrel (Ehrenbürger von New Orleans), der Pianist und Komponist Alexander von Schlippenbach sowie die Trompeter Markus Stockhausen und Till Brönner. In Deutschland gibt es heute zahlreiche Jazz-Clubs und Festivals, bei denen international renommierte Musiker gastieren. Und an vielen Musikhochschulen gehört die einstige "Maschinenmusik" längst zur Grundausbildung.

ARD | Stand: 20.09.2006

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