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23.05.2012

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Archiv | Kultur

Beginn des Inhaltes

Tommy Dorsey

Gentleman of Swing

Von Rachel Schröder

Mit seinen sinnlichen Posaunen-Soli und herzerweichenden Balladen wurde Tommy Dorsey zu einem der populärsten Bandleader der 30er Jahre.

"Well, shitheel, are you going to give me trouble or are we going to be okay, or what?" – Gentlemanlike waren seine Äußerungen gegenüber Musikerkollegen längst nicht immer. Wer bei Tommy Dorsey erfolgreich sein wollte, musste sich mit seinem Temperament arrangieren. Und doch war Dorsey einer der erfolgreichsten Big Band Leader der Swing Ära. Er entdeckte und förderte Stars wie Frank Sinatra, der mit dem Tommy Dorsey Orchestra einige seiner größten Hits landete, etwa "This Love Of Mine" und "I'll Never Smile Again". Dorsey war für ihn "in jeder Beziehung eine Schule", sagte Sinatra später über seinen Förderer. "Von seinem Spiel lernte ich einiges über Dynamik, Phrasierung und Stil. Und mir machte die Arbeit Spaß, weil er darauf achtete, dass einem Sänger immer der perfekte Rahmen geboten wird." Vor allem aber wurde Dorsey mit seinen lyrischen Posaunen- und Trompeten-Soli berühmt, eines der legendärsten wohl "I'm Getting Sentimental Over You", die Melodie, die ihm den Titel "Sentimental Gentleman Of Swing" einbrachte.

Tanzbarer Swing: das Dorsey Brothers Orchestra

Tommy (Thomas) Dorsey wurde am 19. November 1905 in Shenandoah, Pennsylvania geboren. Bei seinem Vater erhielten er und sein Bruder Jimmy eine fundierte musikalische Ausbildung, bei der auch der Grundstein für Tommys Vorliebe für Dixieland gelegt wurde. In den 20er Jahren spielte er bei den California Ramblers und im Orchester von Paul Whiteman. Während der Wirtschaftskrise hielt er sich zusammen mit seinem Bruder Jimmy als Mitglied verschiedener Tanz- und Unterhaltungsorchester über Wasser. Seit 1928 spielten die Dorseys außerdem in Broadway Shows wie "Everybody's Welcome". 1934 gründeten die Brüder in New York das Dorsey Brothers Orchestra. Mit Solisten und Arrangeuren wie Glenn Miller, Fulton McGrath, Dick McDonough und Bobby Van Eps kristallisierte sich schnell ein tanzbarer Swing-Stil heraus. Doch schon sehr bald war das Dorsey Brothers Orchestra Geschichte: Nach einem handfesten Streit der nicht eben harmoniebedürftigen Brüder verließ Tommy wutschnaubend die Bühne des New Yorker Glen Island Casino und sollte zehn Jahre lang nicht mit seinem Bruder reden.

  • Swing entstand gegen Ende der 30er Jahre, als sich der Chicago-Stil der weißen Musiker mit dem New-Orleans-Jazz der Schwarzen vermischte. Durch diese Mischung aus "schwarzem", ursprünglichem Jazz und den "sauberen", aus Europa importierten Harmonien ließ sich der Swing als erste Form der populären Musik an ein Massenpublikum verkaufen. Die Swing-Ära war nicht nur die Zeit der Big Bands, sondern brachte eine ganze Reihe berühmter Solisten hervor, wie zum Beispiel Coleman Hawkins, Benny Goodman, Benny Carter und Fats Waller.

Von Mickey-Mäusen und süßen Posaunen-Soli

Nach dem Ende des Dorsey Brothers Orchestra machte jeder mit seiner eigenen Band weiter, Tommy mit weitaus mehr Erfolg. Dabei ist schon fast in Vergessenheit geraten, dass er mit Jazz als improvisierter Musik – besonders in den frühen 30er Jahren – nicht besonders viel am Hut hatte. Seine Improvisationen galten als rhythmisch steif und melodisch einfallslos. Dorsey selbst muss sich seiner Grenzen bewusst gewesen sein: Soli rückten im Tommy Dorsey Orchestra mehr und mehr in den Hintergrund, während Dorsey selbst seinen Posaunenstil, den legendären "sweet style", weiterentwickelte. Doch auch damit haperte es Anfang der 30er noch: Die spätere Erkennungsmelodie "I'm Getting Sentimental Over You", erstmals eingespielt 1932 bei DBO, wurde (möglicherweise nicht nur dank des etwas zu düster geratenen Arrangements) zunächst ein Flop. Auch Dorseys Arrangements ließen zu wünschen übrig. Eingefleischte Hot-Jazz-Fans nannten seinen Stil einen "Mickey Mouse non-style", wie er in "It's Written in the Stars" und "One Umbrella for Two" zu finden ist.

Zwischen Klassik und Dixieland - Dorseys Erfolgsgeheimnis

Dorsey folgte eher den Trends seiner Zeit, als dass er innovativ sein wollte. Ihm ging es darum, sein Publikum auf die Tanzfläche zu kriegen, egal wie. Hits aus Broadway-Musicals und Neueinspielungen klassischer Stücke wie "Song of India" von Rimsky-Korsakov und Johann Strauss' Walzer "An der schönen blauen Donau" kamen beim Publikum einfach besser an als der Hot Jazz anderer Swing-Orchester. Und so war der Jazz in Dorseys Orchester auf eine kleine Dixieland-Combo reduziert: The Clambake Seven. Kenner führen Dorseys Vorliebe für den Dixieland-Stil auf seine musikalische Ausbildung zurück. Aufgewachsen an der Ostküste, in Pennsylvania, New Jersey und Ohio, kam er kaum in Kontakt mit Jazzgrößen wie King Oliver, Louis Armstrong, Coleman Hawkins, Duke Ellington, Bubber Miley und Bessie Smith. Gunther Schuller brachte diese Theorie in seinem 1989 erschienenen Buch "The Swing Era" auf den Punkt: "Somehow neither of them drank long enough at the true fountainhead of jazz. And it didn't take much to pull them [Anm.: die Dorsey-Brüder] away from jazz." Als Interpret romantischer Balladen blieb Dorsey dagegen lange Zeit unerreicht. Er war in der Lage, selbst hohe Noten wie das zweigestrichene Cis brillant zu spielen – eine Art Markenzeichen Dorseys. Charakteristisch für viele seiner Stücke ist deshalb auch, dass sie in für Jazz unüblichen Tonarten wie A-Dur oder E-Dur notiert sind.

Karriere-Sprungbrett für Frank Sinatra

Frank Sinatra 1944. Foto: dpa Bild gross Frank Sinatra 1944

Nach 1936 führte die Mitarbeit von Arrangeuren wie Bill Finegan und – vor allem – Sy Oliver zu einer immer größer werdenden Kluft zwischen Swing-Jazz à la Benny Goodman und den seichten, romantischen Songs mit Frank Sinatra und Pied Pipers. Zudem gab es jetzt ein Bariton-Saxofon, während Dorsey bisher die Bassklarinette bevorzugt hatte. Sy Olivers Hot-Swing-Einflüsse (aus dem "authentischen" Hot Jazz der Schwarzen) zeigten sich in Stücken wie "Opus No 1", "Swanee River", "The One I Love" und "How Do You Do Without Me?".

Das Ende der Big Bands

Ende der 40er Jahre war die Swing-Ära beendet. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage waren die großen Tanzorchester zu teuer geworden. Die Musikindustrie setzte mehr und mehr auf einzelne Starsänger und Background-Chöre – eine Entwicklung, die bereits 1942 begonnen hatte. Damals hatte die amerikanische Musikergewerkschaft (American Federation of Musicians) zu einem Streik, dem so genannten "Recording ban", aufgerufen, der bis 1944 andauern sollte. Die Gewerkschaft wollte damit erreichen, dass Musikern eine Einnahmebeteiligung an den von ihnen eingespielten Werken gewährt wurde. Die bis dahin übliche Hierarchie und die Stellung der Musiker als einmalige Dienstleister gehörte damit der Vergangenheit an, was letztlich auch dem Bandmodell des Rock 'n' Roll, in dem alle Musiker gleichgestellt sind, den Weg ebnete.

Die "fabelhaften" Dorsey-Brüder als Filmstars

Auch wenn die abendlichen Big-Band-Veranstaltungen in den 40ern immer unattraktiver und zudem in den 50ern durch das Fernsehen als neues Unterhaltungsmedium verdrängt wurden, blieb der Ruhm der Dorsey-Brüder ungebrochen: 1943 trat Tommy Dorsey in dem Musical-Film "Girl Crazy" mit Judy Garland auf, und 1947 brachte Regisseur Alfred E. Green das Leben der Dorsey-Brüder in dem Film "The Fabulous Dorseys" auf die Leinwand. Mitte der 50er Jahre erlebten die Musiker durch Fernsehshows und Hörfunksendungen eine Art Revival. Tommy Dorsey starb am 26. November 1956 in Greenwich, Connecticut, im Alter von gerade mal 51 Jahren.

Stand: 20.11.2005

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