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Dizzy Gillespie
"Diz for President!"
Joëlle Ullrich
Er bereitete dem Bebop den Weg, hatte einen schrägen Humor und wollte Präsident der USA werden. Der Trompeter Dizzy Gillespie.
Seine Präsidentschaftskandidatur 1964 war trotz des eingängigen Wahlkampfslogans "Ich kandidiere als Präsident, weil wir einen brauchen" nicht erfolgreich. Was zugleich Schlagzeuger Max Roach die Chance nahm, Verteidigungsminister zu werden.
Ungewöhnliche Aktionen waren typisch für John Birks Gillespie, seit 1935 "Dizzy" genannt. Schon optisch stach er unter den anderen Jazzmusikern heraus: Prall aufgeblasene Backen und eine im Winkel von 45 Grad hochgebogene Trompete. 1953 war jemand versehentlich auf das Instrument gefallen. Gillespie begeisterte sich so für den Ton des nun verformten Schalltrichters, dass er sich von da an eigens Trompeten nach diesem Modell anfertigen ließ. Abgesehen vom ungewöhnlichen Klang hatte das einen weiteren positiven Nebeneffekt: "Ich höre eine Note im selben Augenblick, in dem ich sie spiele. Gewiss geht es hier nur um Bruchteile von Sekunden, aber Bruchteile von Sekunden bedeuten auch sehr viel."
Höher, schneller und weiter
Schnelligkeit spielte für Dizzy Gillespie eine große Rolle. Der Trompeter beherrschte sein Instrument außergewöhnlich virtuos, erreichte scheinbar mühelos alle Höhenlagen und ließ seine Zuhörer nach diesen bald berüchtigten Partien atemlos zurück. Niemand, sagte die Sängerin Sarah Vaughan, könne so schnell spielen wie er und trotzdem etwas vermitteln: "Viele können schnell spielen auf ihren Instrumenten, aber sie sagen nichts." Zur technischen Perfektion kam auch ein breites Wissen der Musiktheorie und Harmonielehre, dass er sich am Laurinburg Institute for Music in North Carolina angeeignet hatte. Viele etablierte Musiker standen daher hinter seinem Können zurück.
Beginn Texteinschub
John Birks "Dizzy" Gillespie wurde am 21.10.1917 in Cheraw/South Carolina als jüngstes von 9 Kindern geboren. Er starb am 6.1.1993 an den Folgen einer Krebserkrankung.
Er war nicht nur Musiker, sondern auch Komponist, Sänger, Bandleader und Arrangeur. Stücke wie A Night in Tunisia, Groovin' High, Manteca und Woody 'n You zählen heute zu den Jazzstandards.
Da er in jungen Jahren häufig die Bands wechselte, eigene gründete und dadurch mit nahezu allen Jazz-Größen zusammenarbeitete, fand er dennoch passende Weggefährten. Künstler wie Charlie Parker und Thelonious Monk teilten seine Auffassung von Musik. Ihnen ging der bis in die 40er Jahre vorherrschende Swing nicht weit genug, er setzte ihrer Kreativität zu enge Grenzen. Die "jungen Wilden" mischten die Jazzszene auf und bewegten sich musikalisch jenseits aller Regeln. Wollte Gillespie zu Beginn seiner Karriere noch ausschließlich Swing spielen, versuchte er nun etwas neues: rasende und manchmal schrille Tonläufe, komplexe Stimmenführung, ungewöhnliche Rhythmen und Harmonien. Die Ausdruckspalette reichte von ungestüm bis aggressiv. Sie seien wie Nitroglycerin, soll Jazzmusiker Quincy Jones gesagt haben. Eine neue Stilrichtung war geboren: der Bebop.
Jazz-Intellektueller mit Gefühl
Mit dem Saxofonisten Charlie Parker verband Gillespie bald eine Freundschaft. Als Parker 1955 starb, war das einer der wenigen Momente, in denen ihn seine Frau Lorraine weinen sah. In der Widmung seiner Memoiren To Be Or Not To Bop schrieb Gillespie, Lorraine habe den Menschen und Musiker aus ihm gemacht, der er werden wollte. Dabei kam ihm zugute, dass sie mit der Rolle als Frau an der Seite eines Musikers umgehen konnte. Von Gerüchten über mögliche Seitensprünge ihres Mannes wollte sie nichts wissen: "Zum Teufel damit, solange er nicht erwischt wird, ist es gut." So fand er bei ihr seit der Hochzeit 1940 auch in kritischen Phasen Halt, denn nicht allen Zuhörern gefiel der neue Musikstil.
Gillespie aber wollte den Jazz gesellschaftsfähig machen und präsentierte sich daher als intellektueller Jazzmusiker, ohne Drogen- und Alkoholskandale. Sogar im Weißen Haus trat er auf. "Dizzy ist im Grunde ein einfacher Mensch, aber er ist schlau wie ein Fuchs und sehr smart", meinte Sarah Vaughan dazu. Die Menschen in seinem Umfeld berichteten von ständigen Witzeleien. In Verbindung mit der verbogenen Trompete und den dicken Backen war es daher nicht verwunderlich, dass man Gillespie auch als "Clown des Jazz" bezeichnete.
Ernstere Töne
Der Tod seiner Mutter 1959 und 1968 der Wechsel zum ursprünglich persischen, vor allem in Indien, Afrika und Südamerika verbreiteten Glauben der Baha'i brachten seine ernsthafte Seite stärker zum Vorschein. Im Mittelpunkt seiner neuen Religion standen ethisches Handeln und die Einheit der Menschheit. Der "Clown" in ihm trat etwas zurück und sein Engagement für politische Themen wurde ausgeprägter. Ein besonderes Anliegen war ihm die Überwindung des Rassismus. Gillespie erzählte in seinen Memoiren eine Anekdote, die sich nach einem seiner Auftritte ereignete. Der weiße Jazzsaxofonist Jimmy Dorsey kam zu ihm und sagte: "Ich hätte dich wahnsinnig gerne in meiner Band, wenn du nicht so schwarz wärest." Woraufhin Gillespie ihm entgegnete: "Kennst du weiße Trompeter, die so spielen wie ich?"
Er ließ als einer der ersten Jazzmusiker afrokubanische und lateinamerikanische Elemente in seine Musik einfließen und setzte damit einen neuen Trend. 1973 ging er mit den Jazz Giants, in denen auch Thelonious Monk mitspielte, auf große Afrika-Tour. 1988 gründete er das United Nation Orchestra, mit dem er Ägypten, Marokko, Kanada und Südamerika bereiste, um seine Vision eines vereinten Nord-, Mittel- und Südamerikas zu verbreiten. Aus dem Plan, sich zur Ruhe zu setzen und seinen Lebensabend in Afrika zu verbringen, wurde jedoch nichts. Noch Anfang 1992, kurz vor seinem 75. Geburtstag und ein Jahr vor seinem Tod, gab er im New Yorker Jazzclub "Blue Note" ein mehrwöchiges Gastspiel. Zu sehr hing er an seiner Musik. In Abwandlung seines Wahlkampfslogans könnte man sagen: Er blieb Bebopper, weil wir einen brauchten.
Stand: 22.10.2007







