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Archiv | Kultur

Kolonialgeschichte

Afrika in der Gewalt europäischer "Wohltäter"

Julia Harrer

Beginn des Inhaltes

Die Berliner Kongo-Konferenz besiegelte 1885 das Schicksal Afrikas: Die europäischen Kolonialmächte teilten den "schwarzen Kontinent" unter sich auf, ehe sie später Millionen Afrikaner versklavten und ermordeten. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen trennten Freunde und schweißten Feinde zusammen. Das führt selbst heute noch zu Konflikten.

Karikatur, auf der Bismarck eine Afrika-Torte zerteilt;  Foto: dpa/picture-alliance

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Artikel 6 der "Kongo-Akte"
"Alle Mächte, welche in den gedachten Gebieten Souveränitätsrechte oder einen Einfluß ausüben, verpflichten sich, die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen und an der Unterdrückung der Sklaverei und insbesondere des Negerhandels mitzuwirken; sie werden ohne Unterschied der Nationalität oder des Kultus alle religiösen, wissenschaftlichen und wohlthätigen Einrichtungen und Unternehmungen schützen und begünstigen, welche zu jenem Zweck geschaffen und organisirt sind, oder dahin zielen, die Eingeborenen zu unterrichten und ihnen die Vortheile der Civilisation verständlich und werth zu machen."
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Auf der Berliner Kongo-Konferenz 1884/1885 überschlugen sich die 14 Teilnehmer damit, ihre hehren Absichten zu demonstrieren. So war in den offiziellen Verlautbarungen kein Wort davon zu vernehmen, dass es ihnen einzig und allein um die Ausweitung ihrer Macht, ihres Reichtums und ihrer Einflussgebiete ging. Stattdessen ist im Schlussdokument, der so genannten "Kongo-Akte", formuliert, dass "den Eingeborenen" die "Vorteile der Zivilisation verständlich und wert" gemacht werden sollen.

Die europäischen Kolonialmächte tarnten ihre imperialistischen Bestrebungen als selbstlose Mission im Namen des Fortschritts und der Humanität, als Ausdruck ihrer christlichen Nächstenliebe, um den "schwarzen Kontinent" das Licht des aufgeklärten Europas zu bringen. Außerdem müsste Afrika ausführlich kartographiert und der Sklaverei der Kampf angesagt werden.

Afrikas "Helfer" am Pokertisch

Doch tatsächlich saßen die selbst ernannten "Helfer Afrikas" während der Kongo-Konferenz wie am Pokertisch zusammen, um Afrika unter sich aufzuteilen. Sie feilschten um Flüsse, Seen und Gebirge - jede Nation wollte ein möglichst großes Stück vom "Kuchen" Afrika abbekommen. Zwar hatten die europäischen Mächte schon vor langer Zeit damit begonnen, den Kontinent direkt vor ihrer Haustür zu besiedeln, doch jetzt ging es darum, Grenzen festzulegen und ihn verbindlich aufzuteilen.

Aus Sicht der Kolonialisten war dies dringend notwendig geworden, da die imperialistischen Bestrebungen das angestrebte Machtgleichgewicht in Europa gefährdeten. Jede Expansion der Einflussgebiete wurde von den Konkurrenten mit Argwohn betrachtet. Ehe das Pulverfass Europa explodieren konnte und sich die Großmächte gegenseitig den Krieg erklärten, lud der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, der sich als "ehrlicher Makler" profilieren wollte, zum Gipfel nach Berlin ein. Der eigentliche Anlass waren die Gebietsansprüche des belgischen Königs Leopold II., der das an Rohstoffen reiche Kongobecken unter seine Kontrolle bringen wollte, daher der Name Kongo-Konferenz. Tatsächlich ging es jedoch um ganz Afrika.

Massenmord an versklavter Bevölkerung

Der belgische König Leopold II., Foto: Archiv Der belgische König Leopold II. (1835-1909)

Der britische Delegationsleiter Lord Salisbury schilderte einige Jahre nach der Konferenz, dass die Teilnehmer Linien auf einer großen Afrikakarte einzeichneten und selbst solche Gebiete absteckten, die nie zuvor ein Europäer betreten hatte. "Berge, Flüsse und Seen wurden sich gegenseitig zugesprochen, ohne zu wissen, wo die eigentlich lagen", so Salisbury. Dass diese willkürliche Grenzziehung fatale Folgen für einen dauerhaften Frieden in Afrika haben würde, ahnten die unwissenden Kolonialherren damals noch nicht - und selbst wenn sie es gewusst hätten, ist mehr als fraglich, ob sie es interessiert hätte.

Nach zähen Verhandlungen war am 26. Februar 1885 Afrikas Schicksal besiegelt, die Kolonialisierung konnte beginnen. Dadurch, dass die Zölle für Kolonialwaren und koloniale Rohstoffe gleich mit abgeschafft wurden, war der Weg für die wirtschaftliche Ausbeutung des Kontinents endgültig frei. Auch Belgiens König Leopold II. hatte seinen Willen bekommen: Ihm wurde der Kongo zugesprochen. Schon bald zeigte sich, dass der Handel etwa mit Elfenbein, Palmöl und Kautschuk äußerst einträglich war. Für die Kongolesen jedoch begann ein Alptraum: Trotz gegenteiliger Erklärungen in der Kongo-Akte wurden sie versklavt und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Allein unter der Regentschaft Leopold II. sollen bis 1909 laut Schätzungen bis zu zehn Millionen Menschen ermordet worden sein.

Deutsches Streben nach dem "Platz an der Sonne"

Nach der Kongo-Konferenz konnte sich Frankreich seinen Traum eines westafrikanischen "France Afrique" erfüllen, und Großbritannien festigte seinen Platz als koloniale Weltmacht, indem ihm unter anderem Botswana, Gambia, Nigeria, Ghana und Sierra Leone zugesprochen wurden.


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Jedem ein Stück vom Kuchen Auf Beschluss der Kongo-Konferenz durfte das Deutsche Reich Togo, Kamerun, Südwestafrika, Tanganjika und die Insel Sansibar kolonisieren. Sansibar tauschten sie später mit den Briten gegen Helgoland ein. Großbritannien erhielt Gebiete in Süd-, Ost- und Westafrika. Frankreich wurde ein Teil des Kongobeckens, der Sahara und der Sahelzone zugeteilt.
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Das deutsche Kaiserreich war mit dem Ausgang der Kongo-Konferenz ebenfalls sehr zufrieden. Die Deutschen hatten lange nach Großbritannien, Frankreich, Belgien und Portugal mit der Ausbeutung Afrikas begonnen, und dennoch konnten sie sich nun ein ansehnliches Stück des Kuchens sichern. Ein Etappenziel zum angestrebten "Platz an der Sonne" war erreicht, als sich auch dem Deutschen Reich eine neue Welt mit wertvollen Bodenschätzen, zusätzlichen Absatzmärkten und Handelsrouten auftat.

Völkermord in Deutsch-Südwestafrika

Carl Peters, Foto: picture-alliance/dpa "Kolonialherr" Carl Peters

Auch die Deutschen behandelten die Afrikaner keinesfalls in der Art, wie sie es laut Kongo-Vertrag hätten tun müssen. So tat sich insbesondere Carl Peters, der mit der Kolonialisierung des deutschen Ostafrika-Gebiets Tanganjika beauftragt war, mit seinen menschenverachtenden Äußerungen hervor: "Selbst dem Schwarzen dämmert die Erkenntnis auf, dass es besser mit ihm wird, wenn Weiße als Herren des Landes unter ihnen wohnen", behauptete er. Arrogant und stolz präsentierten die Deutschen den Reichtum aus ihren Kolonien, sodass Kolonialwarenladen aus dem Boden schossen. Bei "Völkerschauen" im Berliner Zoo konnten Besucher "echte Neger" bewundern.

Der Hass der Afrikaner gegen die Besatzer in Deutsch-Südwestafrika entlud sich 1904 in blutigen Aufständen. Drei Jahre später waren fast alle Angehörigen der Ethnien Nama und Herero tot, Überlebende wurden versklavt und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Schätzungen zufolge sind dem von Deutschen verübten Völkermord, der in der Wissenschaft als erster Völkermord des 20.Jahrhunderts gilt, zwischen 25.000 und 100.000 Menschen zum Opfer gefallen.

Stand: 08.04.2010

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