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23.05.2012

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Archiv | Kultur

Beginn des Inhaltes

Ende des Kolonialismus

1960 - das Afrikanische Jahr

Julia Harrer

Ein Kongolese entreißt im Jahr 1960 dem belgischen König das Zeichen der Regentschaft: den Degen. Eine Tat mit Symbolcharakter, denn das Afrikanische Jahr läutete das Ende des Kolonialismus ein. Doch die Unabhängigkeit bedeutete für die Afrikaner nicht immer auch Freiheit.

Ein Kongolese entreißt dem belgischen König den Degen, Foto: Robert Lebeck

Gleich 17 afrikanische Staaten wurden im "Afrikanischen Jahr" 1960 unabhängig. Die Kolonialmächte begannen, sich aus Afrika zurück zu ziehen - und den Menschen die Probleme zu hinterlassen, für die sie einen großen Teil der Verantwortung trugen. Die willkürlichen Grenzziehungen seit der Kongo-Konferenz 1885 in Berlin erwiesen sich als große Bürde, da sie nun Ethnien miteinander verbanden, die sich bis dahin traditionell aus dem Weg gegangen waren.


Beginn Texteinschub
Unabhängigkeit 1960
01.01. Kamerun (franz. Teil)
27.04. Togo
26.06. Madagaskar
30.06. Demokratische Republik Kongo
01.07. Somalia
01.08. Benin
03.08. Niger
05.08. Burkina Faso
07.08. Elfenbeinküste
11.08. Tschad
13.08. Zentralafrikanische Republik
15.08. Republik Kongo
17.08. Gabun
20.08. Senegal
22.09. Mali
01.10. Nigeria
28.11. Mauretanien
Ende Texteinschub

Außerdem haben einige Kolonialisten - wie etwa Frankreich - ihnen wohlgesonnene und von ihnen abhängige Vasallenregime installiert, ehe sie "ihre" afrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit entließen. So änderte sich für viele Bevölkerungen zunächst wenig, außer dass sie nun von afrikanischen Machthabern unterdrückt wurden, statt von europäischen. Viele Staaten waren zwar formell unabhängig, doch die Bevölkerung blieb unfrei.

Eine afrikanische Gesamtbilanz zu ziehen, ist schwierig und auch nicht beabsichtigt, schließlich handelt es sich um einen sehr großen und sehr pluralistischen Kontinent. Es ist auch keineswegs so, dass der Schritt in die Unabhängigkeit immer und zwangsläufig mit großen Problemen verbunden war und stets Militärdiktaturen, Putsche und Bürgerkriege nach sich zog. Es sollen daher bloß einige Beispiele genannt werden - positive und negative.

Suche nach nationaler und persönlicher Identität

In Mauretanien ringen seit der Unabhängigkeit am 28.11.1960 zwei sehr unterschiedliche und traditionell verfeindete Gruppen um Macht und Einfluss im Staat: die arabischen Mauren und die französischsprachigen Schwarzafrikaner. Es kam immer wieder zu Aufständen und Putschen, der bislang letzte liegt gerade einmal zwei Jahre zurück.

Dadurch wurden auch die jüngsten Hoffnungen auf eine Konsolidierung der Demokratie zunichte gemacht. Mauretanien blickt zum 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit auf eine von Vertreibungen, weiterhin praktizierter Sklaverei und Vetternwirtschaft geprägten Geschichte zurück. Auch im Jahr 2010 haben die verfeindeten Gruppen ihre Differenzen nicht ausgeräumt. Vor 50 Jahren noch französische Kolonie, heute eines der ärmsten und politisch instabilsten Länder der Erde.

Staat am Abgrund

Noch prekärer ist die Lage in Somalia oder - genau genommen - in dessen verschiedenen Teilen. Von Stabilität im Staat kann nämlich keine Rede sein. Nachdem die Kolonialmächte 1960 abzogen waren, wurden der britische und der italienische Teil zusammengelegt. 1969 kam es zu einem Militärputsch. Der Verfall des Landes setzte 1977 ein, als somalische Truppen im Ogaden-Krieg in Äthiopien einfielen.

Seit Ende der 1980er Jahre bekämpften sich im Bürgerkrieg zahlreiche Ethnien und Aufstandsbewegungen, die 1991 Präsident Siad Barre gewaltsam stürzten. Und seit diesem Zeitpunkt herrscht Ausnahmezustand: Noch im gleichen Jahr wurde im Nordwesten des Landes die unabhängige Republik Somaliland ausgerufen. Somaliland hat sich seitdem durchaus zu einem stabilen Staat entwickelt, dem jedoch die internationale Anerkennung fehlt. 1997 erklärte sich Puntland im Nordosten zur autonomen Region. Nach Friedensverhandlungen wurde im kenianischen Exil 2004 eine Übergangsregierung gebildet, die bis 2009 hielt - der Präsident trat zurück. Dann wurde ein Übergangsparlament gewählt.

Auch in der Zentralafrikanischen Republik fehlen bis heute stabile staatliche Strukturen, weite Teile des Landes stehen unter der Kontrolle bewaffneter Milizen. Die Zentralafrikanische Republik ist ein Phantomstaat im Herzen Afrikas geworden: außer Kontrolle und instabil - und das, obwohl er reich an Diamanten und anderer Bodenschätze ist.

Stabiles Senegal

Ganz anders dagegen stellt sich die Lage im Senegal dar. Zwar zählt der westafrikanische Staat zu den am wirtschaftlich schwächsten der Erde. Etwa die Hälfte der Senegalesen lebt von umgerechnet zwei US-Dollar am Tag. Das Land verfügt nur über wenige Bodenschätze, die Industrie ist kaum entwickelt.

Dennoch wird der westafrikanische Staat seit seiner Unabhängigkeit am 20.08.1960 ununterbrochen zivil regiert, seit 1976 existiert ein funktionierendes Mehrparteiensystem, und die etwa 20 Ethnien im Lande leben friedlich zusammen. Nicht nur die Demokratie konnte sich dort frei entfalten, sondern auch eine freie Presse.

Gute Geschäfte in Afrika

Unabhängigkeitsparade Elfenbeinküste, Foto: dpa/picture-alliance Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit der Elfenbeinküste am 7. August 1960.

Die verschiedenen Entwicklungen in den Ländern zeigen, dass der Rückzug der Kolonialmächte nicht zwangsläufig zu Freiheit, Demokratie und einem wirtschaftlichen Aufschwung geführt hat. Bis heute präsentieren sich die Ex-Kolonialisten gerne als verantwortungsbewusste Aufbauhelfer in Sachen Politik und wichtigste Handelspartner in der Wirtschaft. Sie unterstützen die in ihren Augen hilfsbedürftigen Länder mit Spenden und Entwicklungshilfen.

Doch bei diesem Engagement lassen sich handfeste wirtschaftliche und politische Eigeninteressen - um es mal vorsichtig auszudrücken - nicht immer von der Hand weisen. Die Industrienationen profitieren zweifellos von den afrikanischen Rohstoffen, die sie dann lieber im eigenen Land verarbeiten als in den Herkunftsstaaten. So muss sich etwa die Entwicklungshilfe fragen lassen, weshalb sie jahrzehntelang kaum die Industrialisierung Afrikas gefördert hat. Auf diese Weise hat sie dazu beigetragen, dass ein an Rohstoffen reicher Kontinent wirtschaftlich gesehen kaum auf die Beine gekommen ist.


Beginn Texteinschub
Ein internationales Komplott
Der Fall Patrice Lumumba [swr]
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Es hat sich in der Vergangenheit oft gezeigt, dass den ehemaligen Kolonialisten verlässliche Regime, die militärisch, politisch und wirtschaftlich von ihnen abhängig waren, wichtiger waren als funktionierende Demokratien. Den sichtbarsten Beweis dafür lieferte Belgien, das den ersten demokratisch gewählten kongolesischen Ministerpräsidenten, Patrice Lumumba, zunächst stürzen und am 17. Januar 1961 ermorden ließ. Einer der Gründe für diesen "staatlichen Mord im Auftrag allerhöchster Stellen" (SWR2): Lumumba plante, die im belgischen Besitz befindlichen Bergbau- und Plantagen-Gesellschaften zu verstaatlichen.

Stand: 08.04.2010

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