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Archiv | Kultur

Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor

"Seid stolz auf die eigene kulturelle Identität"

Ellen Hoffers

Beginn des Inhaltes

Sie rufen dazu auf, stolz auf die eigene afrikanische, kulturelle Identität zu sein: Aimé Césaire, dessen Werk Jean-Paul Sartre als das "einzig revolutionäre unserer Zeit" feierte und Léopold Sédar Senghor. Die beiden Lyriker sind die Schöpfer der kulturphilosophischen Emanzipationsbewegung "Négritude".

Léopold Sédar Senghor, Aimé Césaire Foto: assemblée nationale de france, Kombo: ARD.de

Es muss eine beeindruckende Begegnung gewesen sein. Rückblickend wird Aimé Césaire sagen: "Seit ich Senghor kenne, nenne ich mich Afrikaner". Dieser fragt im Gegenzug: "Ist es erstaunlich, dass Césaire sich seiner Feder bedient, wie Armstrong seiner Trompete?"

Im Paris der 1930er treffen sie aufeinander. Zwei junge Studenten im Exil, fern der Heimat. Senghor aus Senegal, Césaire aus Martinique. Beide aufgewachsen unter der Herrschaft der Kolonialmacht Frankreich. Beide hochgebildet und politisch engagiert, beide auf der Suche nach einer neuen kulturellen Identität, die unter der Kolonialherrschaft Frankreichs so gelitten hat. Sie schließen sich zusammen.

Poesie als Befreiungsakt

Léopold Sédar Senghor, der Bauerssohn aus Djilor und spätere Staatspräsident Senegals, studiert zu dieser Zeit an der Ecole normal supèrieure in Paris, Frankreichs Kaderschmiede, Philologie. Gemeinsam mit dem umtriebigen Césaire gründet der Philosoph und Dichter die Zeitschrift "L'Etudiant Noir", in der sie 1934 den Begriff der "Négritude" prägen, der zum Symbol eines neuen schwarzen Selbstbewusstseins wird.

Aimé Césaire,1948 Aimé Césaire

Poesie als Selbstbesinnung und Selbstbestimmung, als Befreiungsakt und Waffe im politischen Kampf - das politische Programm der Négritude setzt Césaire spätestens mit seinem 1939 erschienenen Langgedicht "Cahier d'un retour au pays natal" (Notizen von der Rückkehr in die Heimat) um und gibt damit das "Startzeichen für eine auf ihren Eigenwert sich besinnende Kultur" (FAZ 2008).

Rückbesinnung auf die eigene afrikanische Kultur


Beginn Texteinschub
"Der Kolonisator, der im anderen Menschen ein Tier sieht, nur um sich selber ein ruhiges Gewissen zu verschaffen, dieser Kolonisator wird objektiv dahin gebracht, sich selbst in ein Tier zu verwandeln. … Man erzählt mir von Fortschritt und geheilten Krankheiten. Ich aber spreche von zertretenen Kulturen, […] von tausenden hingeopferten Menschen. … Ich spreche von Millionen Menschen, denen man geschickt das Zittern, den Kniefall, die Verzweiflung […] eingeprägt hat." Aimé Césaire in "Über den Kolonialismus", 1950
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In den Zielen sind sie sich einig: Mit Verweis auf die Gleichwertigkeit der Eigenart und Würde der Afrikaner plädieren Sie auf eine "Rückbesinnung auf die Werte der afrikanischen Kultur". Sie entlarven die bestehenden kolonialen Strukturen als ungerechtes und unmenschliches System und fordern dessen Beseitigung. In der Frage, wie dies geschehen soll, schlagen sie dagegen unterschiedliche Richtungen ein: Während Césaire, zu dieser Zeit überzeugter Marxist, mit kompromisslosen Anklageschriften eine radikale Position gegen die Kolonisatoren und Sklavenhändler einnimmt, verteidigt Senghor schon damals eine gemäßigte Position, die den Dialog und die Verständigung sucht.

Sprache als Waffe im politischen Kampf

Als dieser intellektuelle Startschuss fällt, steckt Europa noch in tiefster Depression. Der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange, Antisemitismus und Intellektuellenfeindlichkeit gehen Hand in Hand mit dem allgegenwärtigen Rassismus einer Gesellschaft, die die Menschheit in zwei Kategorien aufgeteilt hat: In Herrscher und zu Beherrschende. Oder: Menschen und Neger.

Das Signal der beiden an das Europa der 1930er Jahre hätte nicht deutlicher sein können: Seht her, zwei unmündige Afrikaner, denen die eigene Sprache verboten und jegliche politische Aktivität im eigenen Land verweigert wurde, seht her, sie äußern sich politisch und mit literarischer Schärfe - und zwar in der Sprache ihrer Kolonialmacht. Triumphierend nennt Césaire die französische Sprache les armes miraculeuses, Wunderwaffen.

Später werden Kritiker ihnen vorwerfen, sich der Sprache der Unterdrücker bedient zu haben. Dass sie die afrikanische Kultur preisen, nicht aber zu ihren sprachlichen Wurzeln stehen, erscheint vielen als Widerspruch. Dabei hatte diese Entscheidung wohl vor allem pragmatische Gründe: Wer hätte Senghors Kritik verstanden, hätte er Sie auf Wolof formuliert? Seine Werke richten sich nicht nur gegen die Kolonialisten, sondern auch an die "Kulturen Afrikas", deren Einheit immer wieder proklamiert wird. Wie der ghanaische Politiker Kwame Nkrumah, der seine Idee des Panafrikanismus von vorneherein viel politischer formulierte, wird dieser Gedanke auch Senghors politische Laufbahn bestimmen.

Panafrikanismus und afrikanischer Sozialismus

Die Wege der Dichter trennen sich Ende der 1930er Jahre: Während Césaire 1939 in seine Heimat Martinique zurückkehrt, wird Senghor als senegalesischer Soldat in die französische Kolonialinfanterie eingezogen und gerät 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach Kriegsende beauftragt ihn der damalige französische General und spätere Staatspräsident Charles de Gaulle, an der Ausarbeitung der konstituierenden Versammlung für das französische Kolonialreich mitzuwirken. Senghor beginnt, seine bisher nur in der Theorie existieren Ideen in die Praxis umzusetzen.


Beginn Texteinschub
"[…] Schritt für Schritt können wir so in Zukunft – und ja auch schon heute – jene 'Weltkultur' entstehen sehen, die ein gemeinsames Werk aller verschiedenen Kulturen sein wird, da alle Kontinente, alle Völkerschaften und alle Nationen an ihr mitwirken. Wenn ich sage 'alle Nationen', dann meine ich, dass alle – auch die kleineren und kleinsten Nationen – ohne jede Einmischung der Großmächte selber über ihre Entwicklung entscheiden. Ein solcher eigener Weg setzt jedoch sowohl politische als auch kulturelle 'Freiheit' voraus." Léopold Sédar Senghor in seiner Rede anlässlich der Verleihung des deutschen Buchpreises in Frankfurt, 1968
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Er wird das erste senegalesische Mitglied der französischen Nationalversammlung, 1948 gründet er die Partei BDS (Bloc démocratique sénégalaise) im Senegal und beginnt seine Idee eines afrikanischen Sozialismus zu erarbeiten, den er Zeit seines Lebens verteidigen wird. Der Mensch bildet dabei das Zentrum all seiner Konzeptionen. Senghor ist überzeugt, dass die Menschen in Afrika eine Vergangenheit, eine Kultur und eine zivilisatorische Prägung haben, die man nicht einfach in das Korsett einer Ideologie stecken kann, die im Europa der industriellen Revolution entstand. Verwurzelung in den eigenen Werten und Weltoffenheit (Enracinement et Ouverture) werden zu seinen politischen Maximen. 1960 wird er mit dieser Philosophie zum ersten Staatspräsidenten Senegals gewählt.

Vater der senegalesischen Demokratie

"Vater der senegalesischen Demokratie", "Wegbereiter des Dialoges der Zivilisationen" wird man ihn später nennen - auch wenn seine Amtszeit nicht völlig ungetrübt verläuft. Im Senegal werden Oppositionsparteien erst in den 1970er Jahren zugelassen. Sein Traum der afrikanischen Einheit zerschlägt sich schon viel früher: Die von ihm 1958 initiierte Mali-Konföderation, die den Zusammenschluss der westafrikanischen Länder fortführen sollte, bricht schon zwei Jahre später wieder auseinander. Aber immerhin: Senghor ist der erste Politiker Afrikas, der 1980 seine Macht freiwillig und auf demokratischem Wege übergibt. Was den Senegal bis heute - nach nunmehr zwei friedlichen Machtwechselns - zu einer der stabilsten und vorbildlichsten Demokratien macht.

Und: Er gab den Senegalesen ihre Geschichte zurück. Während seiner Amtszeit schreibt der Geisteswissenschaftler unaufhörlich gegen das eurozentristische stereotype Bild Afrikas an. Vielleicht traf er damit den wichtigsten Aspekt der Aufarbeitung der Kolonialzeit. Das Gefühl der Geschichtslosigkeit, der schwankenden eigenen Identität ist auch heute noch immer Thema - was seine immense Bedeutung als Integrationsfigur im postkolonialen Senegal erklärt.

Gleichzeitig ging dieses Bestreben nach Ausgleich so weit, dass es Kritik auf sich zog: Mit seiner angestrebten "kulturellen Symbiose" zwischen "europäischer Rationalität" und der "intuitiven Vernunft Afrikas" schreibe er selbst Stereotype fest.

"Der Tiger proklamiert nicht sein Tiger-sein, er springt!"


Beginn Texteinschub
"Zu Füßen meines
seit vierhundert Jahren gekreuzigten,
aber noch atmenden Afrikas
Lass mich Dir, Herr,
seine Bitte um Frieden und Vergebung sagen.
...
Denn Du musst wohl denen vergeben,
die meine Kinder wie wilde Elefanten gejagt haben.
Und sie haben sie mit Peitschenhieben dressiert,
und sie haben aus ihnen die schwarzen Hände
derer gemacht, die weiße Hände hatten.
Denn Du musst wohl jene vergessen, die zehn Millionen
meiner Söhne in den elenden Laderäumen
ihrer Schiffe abtransportiert haben.
Die zweihundert Millionen getötet haben. Léopold S. Senghor, Prière pour la paix, Gedichtband "Hosties Noires" (Übersetzung: Gierczynski-Bocande)
Ende Texteinschub

Während Senghor von Anfang an für einen möglichst konfliktfreien Übergang von der Kolonialherrschaft zur Unabhängigkeit plädierte, forderten "revolutionäre" Staaten den vollständigen Bruch mit den ehemaligen Kolonialmächten. Als Senghor die Négritude deklariert, ruft der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka: "Der Tiger proklamiert nicht sein Tiger-sein, er springt!". Der auf Vergebung und Erlösung ausgerichteten, christlich angehauchten Lyrik Senghors setzt der 1939 nach Martinique zurückgekehrte Aimé Cesaire zornig entgegen: "Ja, was denn? Die Indianer massakriert, die islamische Welt um sich selbst gebracht, die chinesische Welt gut ein Jahrhundert lang geschändet und entstellt, die Welt der Schwarzen disqualifiziert, unzählige Stimmen auf immer ausgelöscht, Heimstätten in alle Winde zerstreut [...] und sie glauben, für all das müsse nicht bezahlt werden?".

Aimé Césaire, der 1945 noch der verfassungsgebenden Versammlung angehörte und wesentlich an der Umwandlung der Insel Martinique von einer Kolonie in ein französisches Département beteiligt war, wendet sich vom Kommunismus ab und gründet 1958 die PPM (Parti Progressiste Martiniquais), mit der er für die Autonomie seiner Heimat kämpft.

Aimé Césaire Foto: Archiv der Nationalversammlung/ Frankreich Aimé Césaire - Dichter und Politiker

Sein politischer Einfluss bleibt begrenzt, wohingegen sein Ruhm als Lyriker weit über die Antillen und Frankreichs Grenzen hinauswächst. In wort- und bildmächtigen, frei fließenden Versen erzählt er von seiner ärmlichen Kindheit und der Ausbeutung der Insel Martinique durch die weißen Kolonialherren, erinnert an Sklavenarbeit und die Passionsgeschichte der Schwarzen. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Einforderung von Menschenrechten und Menschenwürde - auch gegenüber den neuen afrikanischen Machthabern, denen er Korruption und Machtmissbrauch vorwirft.

In Deutschland wird vor allem sein Essay "Discours sur le colonialism" (1950/dt. 1970, "Über den Kolonialismus") bekannt, der sich zum Klassiker der Studentenbewegung entwickelt und von der FAZ als "magistraler Angriff auf den formalen, abstrakten und kalten Humanismus des Westens" gewürdigt wird. Césaire wird zum Vorbild einer ganzen Generation afrikanischer Schriftsteller.

Zwei Pole einer Idee

Senghor und Césaire - sie bleiben zwei Pole einer Idee. Sie verdeutlichen zwei, vielleicht gar nicht so widersprüchliche Aspekte eines Unterfangens - der eine ohne den anderen unvollständig. Wie wenige Andere verkörpern sie den Aufbruch Afrikas und gleichzeitig den Zwiespalt, den dieser Aufbruch mit sich brachte und in dem auch heute noch viele afrikanische Gesellschaften zu stecken scheinen: Zum einen ist da die "kulturelle" Bindung an die Frankophonie, die Liebe zur französischen Sprache, ein unterschwelliges Zusammengehörigkeits-Gefühl der ehemaligen französischen Kolonien untereinander und auch zu Frankreich - vielleicht auch der Wunsch nach Aussöhnung. Und andererseits der Zorn und die Trauer um Millionen getöteter Menschen, anhaltende Abhängigkeiten und die Arroganz, mit der sich die ehemaligen Kolonialmächte einer Aufarbeitung der Kolonialzeit verweigern.

Sie bleiben ihren Ansätzen treu: Senghor wird 1984 als erster Afrikaner in die Académie Francaise aufgenommen und erringt damit auch eine formale Gleichstellung innerhalb der französischen Literatur. Er geht als Staatsmann, Humanist und Dichter in die Geschichte ein.

Und Aimé Cesaire? Noch 2005, im Alter von 92 Jahren, erklärte er Nicolas Sarkozy kurzerhand zur persona non grata, als dieser seinen Besuch auf Martinique ankündigte, denn: Frankreich hatte kurz zuvor ein Gesetz verabschieden lassen, das eine positive Darstellung der Kolonialzeit, etwa in Schulbüchern, vorschrieb. Der populäre Césaire drückte wohl die allgemeine Stimmung auf der Insel aus. Sarkozy sah aus Sicherheitsgründen von einem Besuch ab. Es hinderte ihn aber nicht daran, Aimé Césaire nach dessen Tod 2008, als "großen Humanisten" und "Dichter der Entrechteten" zu ehren.

Stand: 29.03.2010

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