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Archiv | Kultur

Etran Finatawa im Interview

"Afrikanische Gesellschaften stagnieren nicht!"

Beginn des Inhaltes

Die nigrische Band Etran Finatawa überwindet mit ihrer Musik Grenzen: Zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ethnien und Sprachen. Bandleader Alhousseini Mohamed Anivolla spricht über den permanenten Wandel afrikanischer Gesellschaften im Kleinen.

Die Musiker von Etran Finatawa Foto: Ulf Lieden

ARD.de: Ihre Band setzt sich aus Mitgliedern der Ethnien Woodaabe und Tuareg zusammen, sie singen in zwei Sprachen und vermischen unterschiedliche traditionelle Musikstile. Welche Absicht steckt dahinter?


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Tuareg,
sind eine zu den Berbern zählende Gruppe in Afrika, die seit Jahrhunderten nomadisch im Gebiet der heutigen Staaten Mali, Algerien, Niger, Libyen, Burkina Faso und Marokko leben. Gesprochen werden mehrere Sprachen, von Songhay über Arabisch bis Tamashek. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Aufständen der Tuareg, die sich daran gehindert fühlten, ihre traditionelle nomadische Lebensweise fortzuführen.

Woodaabe,
gehören zur ethnischen Gruppe der Fulbe, die sich als einige der wenigen Gruppen Afrikas noch ein vor allem nomadisches Dasein bewahrt haben. Die Woodaabe leben heute vor allem im Niger, wo sie etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.
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Alhousseini Anivolla: Wir haben Etran Finatawa gegründet, weil wir zeigen wollten, dass verschiedene ethnische Gruppen zusammenarbeiten können. Dass verschiedene Kulturen nebeneinander stehen und dennoch etwas Neues schaffen können, ohne sich selbst oder ihre kulturelle Identität zu verlieren. Eine Einheit kann aus verschiedenen Elementen bestehen - aus traditionellen und modernen Elementen, aus verschiedenen Kulturen und Ethnien.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf das Projekt?
Wir werden sehr genau beobachtet. Die Menschen sind mittlerweile sehr stolz darauf, uns zusammen musizieren zu sehen. Dass verschiedene Ethnien zusammen etwas erschaffen, wird als positiv empfunden. Wir werden als Zeichen des Friedens verstanden und sind so für viele zu einem Vorbild geworden - auch für andere Musikgruppen.

War das von Anfang an so?

Am Anfang waren die meisten Menschen im Niger eher misstrauisch. Sie hatten das Gefühl, wir wollten etwas zerstören. Sie haben nicht verstanden, dass man durch eine Zusammenarbeit nicht die eigene Kultur gefährdet.


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Etran Finatawa,
gegründet 2004 beim "Festival du Desert" in Timbuktu/Mali, vereinigt Musiker zweier Ethnien - Tuareg und Woodaabe - sowie deren Musikstile und traditionelle Instrumente. Mit ihrem Desert Blues, wie sie ihre Musik nennen, hat die Band mittlerweile in Niger große Popularität erreicht – und auch in Europa und den USA sind sie gern gesehene Gäste. Der Name Etran Finatawa setzt sich aus den Sprachen Tamaschek und Fulfulde zusammen und bedeutet Sterne der Tradition.
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Jeder von uns hat seine kulturellen Wurzeln behalten, wir tragen sie nur zusammen – und bereichern uns gegenseitig. Nachdem sie das merkten, fingen sie irgendwann an, uns zu ermutigen, diesen Weg weiterzugehen. Daran ist auch zu sehen, dass afrikanische Gesellschaften nicht stagnieren, sondern sich durchaus weiterentwickeln.

Sie verbinden traditionelle Instrumente und Musikstile mit modernen Elementen – und bringen damit zwei scheinbar widersprüchliche Elemente zusammen. Wie wichtig ist es, die Vergangenheit, die eigene Herkunft im Auge zu haben, um in die Zukunft zu gehen?

Sehr wichtig! Es ist wichtig, um sich im Gleichgewicht zu halten. Die Gitarre - wir nennen sie Ichumar - die wir verwenden ist so ein Beispiel: Sie hat nicht viel mit europäischen Musikstilen zu tun, sondern ist Teil unserer Tradition - sie ist ein Symbol unseres Ursprungs. Ja, es ist nur eine Gitarre. Aber diese Gitarre ist mit uns verbunden. Wir sind traditionell. Aber wir benutzen diese Tradition, bauen darauf auf und schaffen etwas Neues. Unsere Musik ist modern, ohne unsere Herkunft zu verleugnen.

Im Niger hat rechtzeitig zum Jubiläumsjahr der 50-jährigen Unabhängigkeit das Militär geputscht, nachdem sich die vorherige Regierung unrechtmäßig eine dritte Amtszeit verschaffen wollte. Nun herrscht seit einigen Wochen eine Übergangsregierung. Wie sieht es derzeit bei Ihnen im Land aus?


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Niger
Mitte Februar 2010 setzte das Militär Nigers in einem weitgehend unblutigen Staatsstreich den amtierenden Präsidenten Mamadou Tandja ab und beendete damit eine einjährige Krise. Im Mai 2009 hatte Präsident Tandja das Parlament und den Obersten Gerichtshof aufgelöst, nachdem diese sich geweigert hatten, die Begrenzung der Präsidentschaft auf zwei Amtszeiten aufzuheben. Auf den Straßen der Hauptstadt Niamey war seitdem kein Tag ohne heftige Proteste vergangen. Derzeit herrscht eine Übergangsregierung in dem Land, das als eines der ärmsten der Welt gilt - die Analphabeten-Rate liegt bei 80 Prozent.
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Im Moment ist es ziemlich ruhig – zumindest im Vergleich zu dem Lärm, den es vor dem Putsch gab. Das war wirklich beängstigend, fast nicht mehr auszuhalten. Aber jetzt beginnen die Menschen, ihren Rhythmus wieder zu finden. Sie machen sich langsam wieder auf in ihren Alltag. Es ist gut, dass das Militär den letzten Präsidenten abgesetzt hat. Er war dabei, unser Land zu zerstören. Nein, im Moment würde ich sagen, es geht allen den Umständen entsprechend gut.

Der Vorsitzende der Übergangsregierung verspricht eine Rückkehr zur Demokratie und die Bekämpfung der Korruption. Wie schätzen Sie diese Aussagen ein?
Wissen Sie, Niger hat mehrere Staatstreiche erlebt - und alle sind vorbeigegangen. Den Leuten, die jetzt sagen "Macht schnell, gebt die Macht an die Zivilgesellschaft ab, macht schnell mit der Demokratie" denen sage ich: Wir brauchen erstmal Ordnung. Und Ordnung schafft man nicht in zwei, drei Tagen. Man organisiert nicht mal eben schnell eine Wahl. Vor allem nicht hier. Sie sollten sich Zeit nehmen und es richtig machen. Jetzt haben wir schon einige Kandidaten, der nächste Schritt sind die Wahlen.

Meinen Sie, das Militär wird die Macht einfach so wieder abgeben?

Ja, ich denke schon. Sie haben nicht die Absicht zu regieren. Sie haben klar gesagt, dass sie nicht gekommen sind, um zu bleiben. Ja, ich glaube ihnen das.

Am 3. August feiert Niger seinen 50-jährigen Jahrestag der Unabhängigkeit. Werden Sie feiern?
Ja, ich denke, es wird große Feiern geben. Wir werden die Tatsache feiern, dass wir Nigrer sind. Und frei. Und ich werde mitfeiern, klar!

Das Interview führte Ellen Hoffers.

Stand: 10.04.2010

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