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Autobiografischer Bericht
"Ich? Nach Deutschland?"
Gastbeitrag von Professor Tirmiziou Diallo
Der aus Guinea stammende Professor Tirmiziou Diallo berichtet in seinem Gastbeitrag, wie er als Schüler am Unabhängigkeitskampf teilgenommen hat, wie er bei Adorno und Horkheimer Soziologie studierte und wie erstaunt er darüber war, dass in Deutschland nicht jeder Französisch spricht.
Die Entkolonialisierung Afrikas steht in direktem Zusammenhang mit dem Ausgang des Zweiten Weltkriegs. Viele Europäer wissen noch immer nicht, dass auch Afrikaner in beiden Weltkriegen mitgekämpft haben. Im Ersten an der Seite der Franzosen, im Zweiten zusätzlich an der Seite der Engländer. Der französische General und spätere Staatspräsident, Charles de Gaulle, hatte zuvor an die Afrikaner appelliert, dass sie Frankreich gegen die Nationalsozialisten zu Hilfe kommen sollen. Als Gegenleistung hat er ihnen im Falle des Sieges versprochen, dass sie dann auch selbst ihre Freiheit von der Kolonialherrschaft erhalten werden.
Man weiß heute nicht, wie viele Millionen Afrikaner damals ihr Leben verloren haben, um die Freiheit Europas zu verteidigen. Untersuchungen dazu gibt es nicht. Vielleicht weil es den Franzosen peinlich ist, dass sie als bereits besiegtes Land im Zweiten Weltkrieg ausgerechnet unter Mithilfe von Afrikanern befreit wurden. Das wollen sie lieber nicht wahrhaben. Fest steht jedenfalls, dass sich de Gaulle nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands nicht mehr an sein Versprechen erinnern wollte.
Kampf für die Einheit Afrikas
Die afrikanischen Soldaten, die im Krieg gekämpft hatten, haben nach ihrer Rückkehr mit Recht gefordert: "Auch wir wollen nun die versprochene Unabhängigkeit." Damit ging der Kampf los, an dem ich persönlich, damals noch als kleiner Junge, teilgenommen habe. Es gab Länder, in denen mit Waffen gekämpft wurde, wie etwa in Algerien, und andere Länder, in denen nur politisch gerungen wurde - wie in den meisten schwarzafrikanischen Ländern, so auch in meiner Heimat Guinea. Als Schüler habe ich im Namen der in den 1950er Jahren gegründeten Partei von Sekou Touré gekämpft. Unser Ziel war nicht allein die Unabhängigkeit Guineas, sondern die Afrikanische Union, die Einheit eines unabhängigen Afrikas.
Meine Generation ist in diesem Geist aufgewachsen. Es war nie unser Bestreben, dass nur einzelne afrikanische Länder unabhängig werden sollten. Zumindest regional, unter den westafrikanischen Ländern, die vorher schon unter der Kolonialherrschaft eine Konföderation gebildet hatten, wollten wir diese Gemeinschaft weiterführen. Es war egal, ob jemand aus Mali, aus Guinea oder aus Kamerun stammte, das Ziel war die Einheit Afrikas. Wir hatten keine nationalen Gefühle. Die heutige Generation kennt diesen Gedanken überhaupt nicht mehr.
Studium bei Adorno und Horkheimer
Beginn Texteinschub
Meine Familie stammt aus dem Dorf Bantiguel, das mein Urgroßvater im 19. Jahrhundert gegründet hatte und das bis heute als Gelehrtendorf gilt. Später habe ich meine Heimat verlassen und bin als Stipendiat nach Europa gekommen. Zunächst war ich in Frankreich, in Paris, doch dann gab es bald Probleme: Der wachsende Druck in den französischen Kolonien zwang de Gaulle zu einem Referendum. Er ließ die Afrikaner 1958 darüber abstimmen, ob sie der Communauté Française beitreten wollen. Weil Frankreich drohte, im Falle einer Loslösung sämtliche politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu beenden, traute sich nur ein einziges Land, dies abzulehnen: Guinea.
Folglich begann die französische Regierung, Guinea politisch und wirtschaftlich zu boykottieren. In diesem Zuge wurde auch mein Stipendium nicht mehr verlängert. Guineas Erziehungsminister schickte mir daraufhin einen Brief, indem er mir mitteilte, ich solle nach Deutschland gehen. Mir sei ein Stipendium der Bundesrepublik Deutschland bewilligt worden - als einem der ersten afrikanischen Studenten überhaupt. Doch ehe ich mein Studium fortsetzen durfte, musste ich sechs Monate Deutsch lernen. Damals habe ich mich gefragt: "Ich? Nach Deutschland? Deutsch lernen?" Die französischen Kolonialisten hatten es uns so dargestellt, als ob es kein europäisches Land gäbe, in dem nicht Französisch gesprochen werde.
Ich wollte der Weisung meines Landes Folge leisten, und so bin ich nach Deutschland gegangen. Bei Adorno und Horkheimer habe ich habe dann Soziologie in Frankfurt studiert. Ich habe während dieses Studiums die Geistesgeschichte Europas mitbekommen und gelernt, wie sich Europa von den Griechen bis heute entwickelt hat. Das hat mir die Welt eröffnet - auf eine Art und Weise, für die ich nur dankbar sein kann. In Frankreich hätte ich das nie erfahren. Insofern habe ich eine sehr persönliche, innige Einstellung zu Deutschland.
Stand: 08.04.2010
