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23.05.2012

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Archiv | Kultur

Beginn des Inhaltes

Interview mit Volker Seitz (Teil 2)

"Wir haben das Gute mit guter Absicht verwechselt"

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie "kein Problem Afrikas kennen, das nicht direkt oder indirekt auf die fehlende Bildung zurückzuführen ist". Doch gerade dieses Hauptproblem sei noch immer nicht ernsthaft angegangen worden. Haben afrikanische Regierungen kein Interesse an einer gebildeten Bevölkerung?

Schule in Mosambik Foto: picture-alliance/dpa "Ich kenne kaum ein Problem, dass nicht auf fehlende Bildung zurückzuführen ist"

Dies trifft in der Tat auf viele Regime zu. Das verdeutlicht schon die Tatsache, dass es in ganz Afrika gerade einmal 100 Wirtschaftshochschulen gibt. Genauso wie bei den Krankenhäusern kümmert das die Machteliten jedoch nicht, weil ihre eigenen Kinder ohnehin in Europa oder in den USA studieren.

Sehen afrikanische Machteliten eine gebildete Bevölkerung also bloß als nicht notwendig an?
Leider nein, das Problem ist tiefgreifender. Nicht wenige Regierungen blockieren das Bildungswesen ihrer Länder ganz bewusst - aus Angst vor einer gebildeten neuen Generation. Gut ausgebildete junge Afrikaner lassen sich nicht mehr manipulieren, sie fordern Rechte. Heute lernen die Menschen nicht, wie sie sich gegen Korruption wehren können, was Demokratie bedeutet, wie sie Computer benutzen oder wie sie sich vor Aids, Tuberkulose oder Malaria schützen können. Für viele Regierungen ist die Flucht der Jugend nach Europa auch kein Alarmzeichen, sondern willkommen, da auf diese Weise Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit exportiert werden. Sie werden dadurch den Druck los.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann geht es also auch um einen Generationenkonflikt: junge Bildungselite gegen alte Machtelite.
Stimmt. Der ghanaische Wirtschaftswissenschaftler George Ayittey hat ein treffendes Bild gefunden. Er bezeichnet Afrikas junge, gut ausgebildete Bildungselite als "Geparden-Generation", weil sie sich schneller bewegt als die "Flusspferd-Generation", die vielerorts noch an der Macht ist. "Flusspferde" beklagten sich immer noch über den Kolonialismus und Imperialismus, während "Geparden" Demokratie, Transparenz und ein Ende der Korruption forderten.

Die "Geparden" kommen in den bestehenden autoritären Strukturen kaum zum Zug. Welche Hoffnungen legen Sie in diese neue Generation?

Sie wird eines Tages an die Macht kommen. Wir müssen uns dann fragen lassen, warum wir wider besseres Wissen die korrupten alten Männer, die teils jahrzehntelang Macht und Kontrolle über die Bevölkerungen hatten, so lange unterstützt haben. Es ist jetzt dringend geboten, dass die Verantwortlichen der Entwicklungszusammenarbeit mit den "Geparden" sprechen, die immer wieder betonen, dass es in Ländern ohne gefestigte Gewaltenteilung und redliche Haushaltsführung weiterhin Ungerechtigkeiten und Fluchtbewegungen geben wird. Missstände sowohl in unserer Entwicklungshilfeindustrie als auch in Afrika dürfen nicht weiter beschönigt werden.

Wenn unsere Entwicklungsgelder autoritäre Machtstrukturen, Korruption und mangelhafte Wirtschaftspolitik zementieren, dann stellt sich die Frage, welches Interesse wir an einem zerrütteten und abhängigen Afrika haben.
Ich glaube nicht, dass wir bewusst freie, unabhängige Staaten verhindern wollen. Aber Wohltätigkeit ohne echte Selbsthilfe geht nicht an die Wurzeln der Armut. Wirksam helfen kann man nach meinen Erfahrungen nur, wenn man sich selbstlos an den wahren Bedürfnissen der eigentlichen Empfänger orientiert. Wahre Freundschaft gegenüber Afrika muss in Zukunft kritische Zusammenarbeit bedeuten.

Es ist in Europa gängige Praxis, Korruption in afrikanischen Ländern als kulturelles und unlösbares Problem darzustellen. Warum kommen wir nicht weg von solchen kurios anmutenden Erklärungsversuchen?
Ich weiß es nicht, aber diese Vorstellung begegnet mir immer wieder. Ich halte das für eine schon an Rassismus grenzende Beleidigung der Afrikaner. In den erfolgreichen Staaten wie Ruanda und Botswana gibt es kaum Korruption, weil sie schwer bestraft wird. Der frühere Staatschef von Botswana, Festus Mogue, hat sich nachweislich während seiner zehnjährigen Präsidentschaft nicht bereichert. Als er aus dem Amt ausschied, stand er kurz vor der Privatinsolvenz.

Wie sollte die Hilfe für Afrika konkret aussehen?
Die effizienteste Hilfe ist immer noch die Bildungs- und Wirtschaftsförderung. Ein größerer Teil der jährlich über sechs Milliarden Euro deutscher Hilfe könnte in Risikokapital umgewandelt werden. Mit Krediten könnten dann etwa Konserven- oder Zuckerfabriken errichtet werden. Das würde die Menschen eher aus der Armut befreien. In Kamerun werden Tonnen von Gemüse exportiert, die dann in Frankreich in die Dose kommen. Warum kann das Gemüse nicht in Afrika verarbeitet und dann exportiert werden?

Ist Dirk Niebel der richtige Mann, um die Entwicklungszusammenarbeit künftig in sinnvolle Bahnen zu lenken?
Ich hatte die Möglichkeit mit Minister Niebel zu sprechen und bin guter Hoffnung, dass er künftig afrikanische Länder bevorzugt, in denen die Eliten Lösungen im eigenen Land suchen und vor allem die Bedürfnisse ihrer eigenen Bevölkerung ernster nehmen. Es ist zu begrüßen, dass er die Wirksamkeit des Geldverteilens in Frage stellt und stattdessen nach neuen, tauglichen Wegen sucht, um endlich eine eigenständige Entwicklung in Afrika in Gang zu setzen. Wir sollten in Zukunft nur noch Bildung, Aufbau demokratischer Strukturen, Kleinkredite und arbeitsintensive Beschäftigungsprogramme unterstützen. Viel zu lange haben wir das Gute mit der guten Absicht verwechselt.

Das Interview führte Ellen Hoffers.

Stand: 12.04.2010

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