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Billie Holiday
Das kurze, ergreifende Leben einer Jazz-Ikone
Anja Hübner
Kaum eine Jazz-Sängerin sang so mitreißend und voller Emotionen wie Billie Holiday. Sie spielte mit der Rhythmik ihrer Songs, die bei jedem ihrer Auftritte anders klangen. Holiday stand mit großen Jazz-Musikern auf der Bühne, doch ihr Leben war bestimmt von Gewalt, Drogen und Gefängnis.
"Ich ertrage es nicht, denselben Song zwei Abende hintereinander auf die gleiche Weise zu singen, geschweige denn zwei Jahre oder zehn Jahre." So äußert sich die Jazz-Sängerin Billie Holiday in ihrer Autobiographie "Lady sings the Blues" von 1956. Und das war typisch für Holiday. Fast nie sang sie genau die Noten, die auf dem Papier standen. Sondern Holiday variierte, sie veränderte die Tonhöhe und die Rhythmik ihrer Musik. So klang ein und derselbe Song bei jedem Auftritt anders.
Verzögerung als Stilelement
"Charakteristisch für Holiday war die Verzögerung in ihrem Gesang", sagt der Direktor des Jazzinstituts in Darmstadt, Wolfram Knauer. Sie habe zum Beispiel später mit einem Text eingesetzt oder ihn in die Länge gezogen. "Das war ihr persönlicher Stil." Holidays Lieder sind geprägt von einem Leben voller Schicksalsschläge: Eine schwere Kindheit, Misshandlungen, Gefängnis und Drogen zählten dazu. "Holidays Musik lebt auch von ihrer gebrochenen Persönlichkeit", meint Knauer.
Keine unbeschwerte Kindheit
Billie Holiday, die eigentlich Elinore Harris hieß, wuchs als Kind bei ihren Verwandten in Baltimore auf, nachdem ihr Vater und auch ihre Mutter sie allein gelassen hatten. Die einzige Vertrauensperson war ihre Großmutter, eine ehemalige Sklavin und Mätresse eines Plantagenbesitzers. Als Billie elf Jahre alt war, vergewaltigte sie ein Nachbar. Der Richter gab ihr offenbar eine Mitschuld und ließ sie in ein Erziehungsheim einweisen. Trost suchte Holiday in der Musik.
Ihr Vorbild: Louis Armstrong
Sie schwärmte für den Jazztrompeter und Musiker Louis Armstrong und für die Bluessängerin Bessie Smith. Der einzige Plattenspieler in ihrem Wohnviertel stand in einem Bordell. Dorthin ging sie, um die Musik zu hören und die Lieder nachzusingen. Schließlich ging sie nach New York, nannte sich von nun an Billie, nach ihrem geliebten Stummfilmstar Billie Dove, und nahm den Nachnamen ihres Vaters, des Gitarristen Clarence Holiday, an. 1930 hatte sie ihren ersten Auftritt in einem Nachtclub.
Beginn Texteinschub
1933 entdeckte sie der Produzent John Hammond, der für sie einige Aufnahmen mit dem Klarinettisten und Bandleader Benny Goodman organisierte. Das war ihr Durchbruch. Ein Jahr später lernte sie den Saxofonisten Lester Young kennen, der ihr musikalischer Begleiter und Freund wurde. Von ihm bekam sie den Spitznamen "Lady Day". Holidays frühe Lieder wie "No Regrets" und "A Fine Romance" von 1936 klingen temperamentvoll, passend zum leichten Swing der Ballsäle jener Jahre. Erst später wurden ihre Lieder melancholischer.
Stimme als Instrument
"Mein Instrument ist meine Stimme", soll Holiday gesagt haben. "Das Besondere an Holidays Gesang ist, dass sie einen Text so interpretiert, wie ein Musiker ihn spielen würde", schreibt das Klassik-Magazin "Fono Forum".
Holidays Musik entwickelte sich in dieser Zeit vom Geheimtipp zum Kassenschlager. Sie riss das Publikum mit ihrer Stimme mit. 1937 tourte sie mit dem Jazz-Pianisten Count Basie durch die USA, anschließend mit dem Klarinettisten Artie Shaw. Doch auch als gefeierter Star erlebte Holiday während ihrer Tourneen in den Südstaaten die US-amerikanische Wirklichkeit: Rassendiskriminierung bestimmte ihre Gesangskarriere. Wenn sie in ihr Hotel wollte, kam es vor, dass sie den Hintereingang benutzen musste. Bei einem Auftritt zwangen sie die Veranstalter wiederum, sich auf der Bühne schwarz anzumalen, damit sie wegen ihrer eher hellen Haut nicht irrtümlich für eine Weiße gehalten wurde.
Kampf gegen Rassismus
Diese Erlebnisse verarbeitete Holiday unter anderem in der Anti-Rassismus-Hymne "Strange Fruit" (Seltsame Frucht) aus dem Jahr 1939, die zu ihrem größten Erfolg wurde. Dieser Song thematisierte die Lynchmorde in den Südstaaten - denn die "seltsame Frucht" ist eine Allegorie für einen an einem Baum aufgehängten Schwarzen: "Southern trees bear a strange fruit, blood on the leaves and blood at the root, black body swinging in the southern breeze, strange fruit hanging from the poplar trees." (Bäume im Süden tragen eine sonderbare Frucht. Blut auf den Blättern und Blut an der Wurzel. Schwarzer Körper schaukelt in der Brise des Südens. Sonderbare Frucht hängt von den Pappeln.)
Holidays Abstieg
350 Titel nahm Holiday im Laufe ihres Lebens auf. "God Bless the Child" aus dem Jahr 1941 klingt gefühlvoller und eindringlicher als ihre frühen Stücke. Doch in den 1940er Jahren begann Holidays Abstieg. Ihre Ehemänner - sie war drei Mal verheiratet - misshandelten sie. Holiday begann, Drogen zu nehmen und nach Auftritten wurde sie immer wieder um ihre Gage betrogen. Im Jahr 1944 stand sie als erste schwarze Jazz-Sängerin auf der Bühne der New Yorker Metropolitan Opera. Ein großer Triumph, doch das Heroin ließ Holidays Stimme immer brüchiger werden.
Tod mit 44 Jahren
"Holiday hatte keine besonders schöne Stimme, aber eine charakteristische", meint Wolfram Knauer vom Jazzinstitut in Darmstadt. Gerade ihre späten Aufnahmen hätten eine besondere Intensität. In den 1950er Jahren trat Billie Holiday weiter auf, tourte auch durch Europa. Zwischendurch saß sie jedoch immer wieder wegen Drogenbesitzes im Gefängnis. Anfang Juni 1959 wurde sie in eine New Yorker Klinik eingeliefert. Nach sechs Wochen im Hospital starb Billie Holiday am 17. Juli 1959 im Alter von nur 44 Jahren in Armut.
Stand: 22.07.2009





