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23.05.2012

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Archiv | Kultur

Beginn des Inhaltes

Interview mit Grammy-Sieger Andreas Neubronner

"Ist halt 'nur' Klassik"

Gleich drei Grammys haben Produzent Andreas Neubronner und Tonmeister Peter Laenger aus Stuttgart im Februar 2010 gewonnen - fast völlig unbemerkt von den deutschen Medien, obwohl es sich um die wichtigsten Musikpreise der Welt handelt. Im ARD.de-Interview erklärt Neubronner, weshalb klassische Musik selbst im Land Bachs und Beethovens nur ein Nischendasein fristet.

Archivbild: Andreas Neubronner mit Grammys; Foto: picture-alliance/dpa

Anfang Februar wurde in den USA verkündet, dass Sie gemeinsam mit Peter Laenger drei Grammys für eine Gustav-Mahler-Aufnahme gewonnen haben. Wo waren Sie im Augenblick der Bekanntgabe?
Die Bekanntgabe war abends in Los Angeles. Wegen der Zeitverschiebung war es hier in Stuttgart etwa fünf Uhr morgens - da lag ich im Bett und hab tief und fest geschlafen.

Im Ernst? Sie haben nicht im Staples Center, wo die Preisverleihung stattfand, mitgefiebert?


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Produzent Andreas Neubronner (58) und Tonmeister Peter Laenger (56) haben mit ihrer Stuttgarter Musikproduktionsfirma "Tritonus" seit 1989 insgesamt 17 Grammys gewonnen. Zuletzt erhielten sie Anfang Februar drei dieser Auszeichnungen für ihre Aufnahme von Mahlers achter Sinfonie, die das San Francisco Symphony Orchestra eingespielt hat. Gewürdigt wurden ihre Leistungen in der Sparte "Klassik" für die beste Produktion, die beste Aufnahme sowie die beste Choraufnahme.
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Nein, das ist ja so: Ich habe nach der Nominierung eine Einladung fürs Bankett bekommen - für eine Person - aber das war dann auch schon alles. Das Hotel und die Anreise, das hätte ich alles selbst zahlen müssen. Und Los Angeles ist schon etwas weit dafür, dass ich nicht einmal wusste, ob ich überhaupt etwas gewinne.

Sie sind also nicht vorab darüber informiert worden?
Nein, ob sie einen Grammy gewinnen, das erfahren nur die bekannten Popgrößen - unsereinem sagt so etwas niemand. Und da war mir das finanzielle Risiko einfach zu groß, dort zwölf Stunden hinzufliegen, den Abend abzusitzen, um dann zu erfahren: "Das war wohl nichts" - und um anschließend wieder zwölf Stunden nach Hause zu fliegen. Also bin ich lieber gleich in Stuttgart geblieben.

Um mal ein Klischee aufzuwärmen: Da spricht der Schwabe!
(lacht) Ja richtig, das könnte man meinen - aber nur meine Firma hat ihren Sitz in Stuttgart, ich selbst komme aus Bremen.

Wie haben Sie dann schließlich, nachdem Sie aufgewacht waren, von der Auszeichnung erfahren?
Ich habe im Internet nachgeguckt. Zwei Mitglieder des San Francisco Symphony Orchestras, die mit ihren Laptops vor Ort waren, hatten mir die gute Nachricht per E-Mail geschickt.

Sie und Peter Laenger haben in den vergangenen gut 20 Jahren ja sehr viele Grammys gewonnen. Ist das nun schon zur Routine geworden?
Von Routine kann überhaupt keine Rede sein. Ein Grammy ist die höchste Auszeichnung, die in der Musikproduktion zu vergeben ist. Und wenn man dann sagen würde "das ist schon Routine", dann wäre das ganz schön arrogant. Nee, wir haben uns wahnsinnig gefreut. Auch deswegen, weil Mahlers achte Sinfonie das größte sinfonische Werk ist, das es überhaupt gibt, weil es ein wunderschönes Stück ist und weil die Zusammenarbeit mit all den Musikern des Orchesters einfach fantastisch war.

Was ist in Ihnen in dem Moment, in dem Sie die Glücksnachricht lasen, vorgegangen?
Wir alle, die in die Produktion involviert waren, hatten große Hoffnungen und Wünsche. Während der Aufnahmen, die an vier Abenden entstanden sind, haben wir schon gespürt, dass hier etwas ganz Besonderes entsteht. Die Auszeichnung war die Bestätigung dieses Gefühls. Auf der anderen Seite wäre ich auch sehr enttäuscht gewesen, wenn's nicht geklappt hätte. Insofern würde ich sagen: Genugtuung ist das richtige Wort.

Gewürdigt wurden Ihre Leistungen als Produzent und Tonmeister für die Aufnahme von Gustav Mahlers achter Sinfonie mit dem San Francisco Symphony Orchestra. Bei der Uraufführung in München vor fast genau 100 Jahren hatten knapp 1.000 Musiker mitgewirkt. Ist Ihre aktuelle Aufnahme mit einer ähnlich opulenten Zahl an Musikern und Sängern entstanden?

Aufführung der 8. Sinfonie Gustav Mahlers im Jahr 1916 des Philadelphia Orchestras; Foto: Archiv Bild gross Musiker so weit das Auge reicht: Aufführung der "Sinfonie der Tausend" im Jahr 1916.

Nein, es sind etwa 400 gewesen. Diese Giganten-Besetzungen macht man heute nicht mehr. Heute wird jede Stimme einfach vergeben, früher, so vermute ich, gleich doppelt, sodass das Orchester stark angewachsen ist. Aber auch mit 400 ist die Zahl der Musiker riesengroß, da passt keine Maus mehr auf die Bühne. Der Chor musste sogar hinter der Bühne stehen, auf zusätzlich aufgebauten Podesten.

Wie kann ich mir die Schwierigkeiten vorstellen, die es mit sich bringt, so viele Musiker und Sänger zusammen aufzunehmen?
Die Herausforderung für mich war, das Stück so heterogen aufzunehmen. Es gibt kammermusikalische, ganz klein besetzte Teile, die sehr, sehr, sehr intim sind. Und dann gibt es bombastische Teile, bei denen auch noch die Konzertorgel im Hintergrund voll mitspielt - plus ein Fernorchester aus sieben Bläsern, die auf der anderen Seite des Saales auf einer Empore aufgestellt sind, acht Solisten, ein 270-Mann-Chor und 120 bis 130 Musiker. Das sind unglaubliche Klangkontraste und eine Wahnsinns-Dynamik, die wir dann doch ein ganz klein wenig einebnen mussten. Sonst hätte die Gefahr bestanden, dass man die leisen Stellen fast nicht mehr hört.

Die Berichterstattung in Deutschland über die weltweit bedeutendsten Musikpreise erschöpfte sich fast ausschließlich in der Schilderung des "Duells" zwischen R’n’B-Sängerin Beyoncé Knowles - sechs Grammys - und Country-Star Taylor Swift - vier Grammys. Über den Klassikbereich im Allgemeinen und Ihren Erfolg im Speziellen war hingegen selbst in Ihrem Heimatland fast gar nichts zu lesen, zu hören oder zu sehen. Frustriert Sie das?


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Der Österreicher Gustav Mahler (1860 - 1911) war einer der bedeutendsten Komponisten der Spätromantik und erlangte als Dirigent ebenfalls Weltruhm. Seine achte Sinfonie ist auch als "Sinfonie der Tausend" bekannt geworden, da eine gigantische Anzahl Musiker und Sänger - annähernd 1.000 - bei der Uraufführung im Jahr 1910 in München mitgewirkt hat. Mahlers bis heute andauernde Popularität in den USA ist insbesondere auf sein letztes Engagement zurückzuführen: Von 1907 bis zu seinem Tod dirigierte er das Orchester der New York Metropolitan Opera. Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann setzte dem charismatischen Komponisten posthum ein literarisches Denkmal: So weist der Protagonist seiner Novelle "Der Tod in Venedig" deutliche Ähnlichkeiten zu Mahler auf.
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Zumindest was meine Person betrifft eigentlich nicht - ich weiß ja, wie das Nachrichtengeschäft tickt. Vor drei Jahren, als Peter Laenger und ich auch schon mal drei Grammys gewonnen haben - ebenfalls mit Mahler und auch mit dem San Francisco Symphony Orchestra - da hat immerhin eine NDR-Korrespondentin sofort über uns im Radio und im TV berichtet. Aber wohl nur, weil wir die einzigen waren, die die deutsche Fahne hochgehalten hatten. Dass unsere Namen diesmal so gut wie gar nicht in den Nachrichten auftauchten, ist mir ziemlich gleichgültig. Im Gegensatz dazu bin ich jedoch sehr frustriert darüber, dass es die klassische Musik in der Öffentlichkeit zunehmend schwerer hat, wahrgenommen zu werden. Da passt es ins Bild, dass sich kaum ein Medium dazu herabgelassen hat, über unsere Grammys zu berichten. Getreu dem Motto: "Ist ja eh 'nur' Klassik!"

Woran liegt das?
Weil eben überall der Pop im Mittelpunkt steht. Es gibt nur ganz wenige Galionsfiguren wie etwa die Opernsängerin Anna Netrebko oder der chinesische Starpianist Lang Lang, aber ansonsten wird Klassik einfach überall von der Mainstream-Musik überlagert. Es gibt aber ein großes Feld von professionellsten, großartigsten Musikern im Bereich der klassischen Musik, die es ganz schwer haben, mal aus den engen, geschlossenen Zirkeln herauszutreten und das Gehör einer größeren Öffentlichkeit zu finden.

Stand: 18.02.2010

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