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Interview mit Robert Wilson
"Mich interessiert die Wirkung, nicht die Ursache"
Ihre Ästhetik der Langsamkeit ist ein Markenzeichen geworden und zieht sich sowohl durch Ihre Theater-Inszenierungen als auch Ihre Videoporträts. Was bedeutet Zeit als Stilmittel für Sie?
Ich denke, die Zeit hat keine Strategie. Wenn man seine Hand ganz bewusst langsam bewegt, sieht das ziemlich langweilig aus. Aber wenn man nicht darüber nachdenkt und die Hand langsamer bewegt als normalerweise (demonstriert es, indem er seine Hand langsam sinken lässt) ist in dieser Bewegung die geballte Energie der ganzen Welt eingefangen. Es gibt eine ganze Menge verschiedener Geschwindigkeiten. Aber die Zeit funktioniert nicht intellektuell, man muss sie erfahren und spüren.
Sie haben mit behinderten Menschen zusammengearbeitet. Inwiefern hat diese Erfahrung Ihre Arbeit beeinflusst?
Beginn Texteinschub
Mein erstes Theaterstück ("Deafman Glance" 1970, Anm. der Red.) wurde zusammen mit einem tauben Jungen geschrieben, der nie zur Schule gegangen war. Er war unter Leuten aufgewachsen, die nicht verstanden, dass sein Problem in der Taubheit bestand. Und soweit ich das einschätzen konnte, kannte er kein einziges Wort. Er hatte eine sehr kuriose Art, die Dinge zu sehen, die mich ganz neu über die Theaterarbeit nachdenken ließ. Er schien in visuellen Zeichen und Impulsen zu denken und half mir damit, die Welt in einem anderen Licht zu sehen.
Mein erstes Stück, in dem Text eine Rolle spielte, ("A Letter for Queen Victoria", 1974 Anm. der Red.) wurde in Zusammenarbeit mit einem 13-jährigen, autistischen Jungen geschrieben. Für mich war es faszinierend zu sehen, wie er Wörter in mathematische und geometrische Begrifflichkeiten sortierte. So hat auch Mozart seine Musik geschrieben.
Glauben Sie, dass die Popkultur sich inzwischen in der Geschwindigkeit verliert?
Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich weiß nichts über die moderne Technik, ich habe noch nie einen Computer benutzt und fasse die Dinger nicht an. Vielleicht nehme ich mir in meiner Kunst mehr Zeit, weil ich aus Texas komme, da läuft alles ein bisschen langsamer ab (lacht).
Was ist amerikanisch an Ihrer Kunst?
Ich denke, man findet in ihr die Landschaft von Texas wieder. Ich wuchs dort unter diesem weiten, offenen Himmel auf. Das ist ganz anders als in Berlin, Schanghai oder New York. Texas hat einfach eine ganz eigene Landschaft. Und ich glaube, dass sich diese Umgebung in all meinen Arbeiten widerspiegelt. Ich glaube, dass sich das Umfeld, in dem wir geboren wurden, immer manifestiert. In René Magrittes Gemälden sieht man das belgische Licht. Und in den Bildern von Willem de Kooning zeigt sich, dass er lange auf Long Island gelebt hat. Der Atlantische Ozean hat ein spezielles Licht, das sich in ihnen zeigt. Und vor kurzem habe ich in Taipeh eine Violinistin aus Brooklyn getroffen, die mir erzählte, dass die Brooklyn Bridge immer präsent ist, wenn sie spielt.
Europäer haben vermutlich einen anderen Zugang zu Ihrer kreativen Arbeit als Amerikaner. In welchem Ausmaß reagieren sie anders auf Ihr Werk?
Jede Kultur hat ihre eigene Art, auf Kunst zu reagieren. In Frankreich sind die Leute sehr ruhig und sprechen kaum im Theater. In den Niederlanden geht es da schon lässiger zu. Die Niederländer sprechen während der Vorstellung, aber das ist nicht notwendigerweise ein Zeichen von mangelndem Respekt, es liegt in ihren gesellschaftlichen Gepflogenheiten begründet. In Japan würde man während einer Aufführung niemals sprechen, dafür ist es in Ordnung, im Theater zu schlafen. Das wäre bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth undenkbar, auch wenn die Aufführungen dort ziemlich lange dauern.
Es gibt Kritiker, die in Ihren Arbeiten einen Einfluss von Bertolt Brecht erkennen. Stimmen Sie diesem Vergleich zu?
Als ich den Dramatiker Heiner Müller vor langer Zeit kennen lernte, sagte er: "Offensichtlich wurde Deine Arbeit von Brecht beeinflusst". Ich antwortete ihm: "Eigentlich weiß ich überhaupt nichts über Brecht". Inzwischen bin ich ein wenig besser informiert und kann sagen, dass wir ähnliche Anliegen haben. Das hat auch Brechts Sohn Stefan bemerkt. Nachdem er eine frühe Theaterarbeit von mir gesehen hat, schrieb er mir in einem Brief: "Sie wären perfekt, um die Arbeit meines Vaters weiterzuführen. Denn Sie haben ein ähnliches Empfindungsvermögen wie er".
Ich glaube, dass meine Werke aus einer inneren Vision geboren wurden. Ein zentraler Punkt in meiner Arbeit liegt in dem Glauben begründet, dass der Körper niemals lügt. Wer auf seinen Körper hört, weiß, was zu tun ist. Ich arbeite deshalb sehr stark mit Intuition.
Böse Zungen behaupten, Sie würden sich in Ästhetik und Stil seit Jahrzehnten wiederholen. Was antworten Sie Ihnen?
Habe niemals Angst davor, Dich zu wiederholen, es ist der einzige Weg um etwas zu lernen! Wenn ich etwas zeichne, beginne ich manchmal mit einem Motiv, das ich schon einmal aufs Papier gebracht habe. Dann lerne ich etwas Neues darüber. Immer wenn man etwas wiederholt, wird es anders sein. Wenn ich meine Hand sinken lasse (macht die Bewegung vor) und es wieder tue (wiederholt die Bewegung) höre ich meiner Umgebung zu. Man hört den Motor eines Autos, jemand läuft vorbei, der Ablauf der Geräusche wird nie wieder derselbe sein. Das Einzige, was konstant ist, ist der Wechsel. Selbst wenn ich im Theater eine Geste so identisch wie möglich wiederhole, ist sie immer anders. Und was man in genau diesem Moment fühlt und erfährt, wird sich ebenfalls unterscheiden. Jede Sekunde ist unterschiedlich, man kann sich also gar nicht wiederholen (lacht).
Und was sagen Sie zum Vorwurf der Oberflächlichkeit, der aufgrund Ihrer kühlen und durchdesignten Ästhetik vorgebracht wurde?
Meine Arbeit ist oberflächlich. Sie soll es auch sein. Ich bin an der Wirkung interessiert, nicht an der Ursache. Wenn ich in Deutschland mit Schauspielern arbeite, wollen sie wissen, warum etwas passiert. Ich sage ihnen, dass ich den Grund nicht kenne und nicht wissen will, warum etwas passiert. Das Geheimnis eines Kunstwerks liegt in der Oberfläche:
"Was für ein Beyspiel! Ein so zahlreiches Heer, von einem zarten jungen Prinzen angeführt, dessen Geist, von göttlicher Ruhm-Begierde geschwellt, einem unsichtbaren Ausgang Troz bietet, und alles was sterblich und ungewiß ist, allem was Zufall, Gefahr und Tod vermögen, aussezt, und das um eine Eyer-Schaale."
Das ist aus Shakespeares Hamlet. Ich habe das Stück kennengelernt, als ich zwölf war. Ich bin nun 68 Jahre alt und zitiere es immer noch. Und jedesmal kann ich wieder neu darüber nachdenken. Das heißt nicht, dass die Worte keine Bedeutung haben. Aber eine Bedeutung zu fixieren, würde bedeuten, all die anderen möglichen Ideen zu zerstören. Deshalb will ich die Oberfläche offen halten, einfach und dehnbar. Ich weiß, die Kritiker werfen mir die Oberflächlichkeit in einem negativen Kontext vor, aber für mich ist es ein Kompliment. Ich halte es mit der Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein. Als man sie fragte, was sie von moderner Kunst hält, antwortete sie: "Ich mag es, sie mir anzusehen".
Das Interview führte Nele Schüller
Stand: 15.04.2010
Interview mit Robert Wilson
Inhalt:
- Teil 1: "Dita von Teese weiß, wie man sitzt"
- Teil 2: "Mich interessiert die Wirkung, nicht die Ursache"






