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23.05.2012

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Bücher

Beginn des Inhaltes

Interview mit Autor Daniel Erk über sein Buch

"Je schlimmer Hitler, desto entlasteter die Deutschen"

Warum lachen wir über Hitler? Blogger und Autor Daniel Erk spricht im Interview mit ARD.de über sein Buch "So viel Hitler war selten". Und warum der Holocaust nicht "happy" ist.

Buchcover von "So viel Hitler war selten", Autor Daniel Erk Foto: Heyne Verlag, Gerald von Foris, Kombo: ARD.de

ARD.de: Herr Erk, sind Sie auch auf den Hitler-Medienzirkus-Zug aufgesprungen?

Daniel Erk: Ich bin gerade dabei und stelle fest: das funktioniert unglaublich gut. Ja, ich profitiere auch vom Hitler-Rummel. Natürlich sitzt man als Autor im Glashaus, wenn man einerseits dieses seltsame Bedürfnis nach morbidem Skandal und grenzwertiger Unterhaltung bedient – und all das andererseits aus guten Gründen ablehnt. Aber wie soll man einen Gegenstand ergründen, ohne sich ihm zu nähern?

Wie ist Ihnen Hitler im Alltag am liebsten?

Sachlich, historisch. Mir geht der Mythos, das Geraune, die billige Witzelei unglaublich auf die Nerven.

… und am widerwärtigsten?

Als Entschuldigung und Ablenkungsmanöver. Der Historiker Hannes Heer hat das gut beschrieben: Wir reden deshalb so unsinnig viel über Hitler, um nicht über unsere Großeltern sprechen zu müssen. Je schlimmer Hitler, desto entlasteter die Deutschen.

Daniel Erk "So viel Hitler war selten"

Das Böse wirkt nur noch banal

Der nationalsozialistische Führer Adolf Hitler während einer Rede

Hitler geht immer. Der kleine Mann mit dem Bart ist einfach nicht totzukriegen - egal ob in den Medien, im Film oder in der Kunst. Warum, das erklärt der Berliner Blogger Daniel Erk in seinem ersten Sachbuch "So viel Hitler war selten". [mehr]

Darf man über ihn Lachen oder macht man sich damit gleich schuldig?

Gegenfrage: Warum sollte man nicht über Hitler lachen? Die Pathos-geladene Inszenierung der Nazis, der lächerliche Führerkult, das herrische Getue, das bietet doch alles beste Anlässe zur Belustigung. Worüber ich nicht lachen mag: den Holocaust, die Opfer der Wehrmacht, Antisemitismus und die Gefahren des Faschismus.

Warum haben Sie sich mit Hitler beschäftigt?

Weil mir auffiel, dass Hitler überall ist – und eben nicht nur in den Geschichtsbüchern und der kollektiven Erinnerung. Dieser Hitler, der heute durch die Gazetten und Fernsehkommentare geistert, ist vielmehr ein Abziehbild und Schatten – ein Hitler-Gespenst, das in der Welt umgeht.

Ist die Beschäftigung mit einer Figur auch die Projektion der eigenen Verantwortung auf einen Bösewicht?

Der Hitler-Wahn der Deutschen ist irre neurotisch. Diese ständige "Er war's, er war's!" – man macht es sich zu einfach, wenn man alle Schuld auf Hitler projiziert. Die "Titanic" hat das vor ein paar Jahren auf den Punkt gebracht mit der Titelzeile: "Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?"


Beginn Texteinschub
Daniel Erk wurde 1980 in Stuttgart geboren. Er studierte Public Policy, Politikwissenschaft sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft in Göttingen und Berlin. Heute arbeitet er als freier Journalist und Autor.
Ende Texteinschub

Ihr liebster Hitlervergleich?

Ist eigentlich ein Goebbels-Vergleich. Der Berliner Autor Frédéric Valin schrieb einmal, Hitler-Analogien seien immer ein bisschen wie Goebbels – "weil sie hinken und zum Satzende gerne mal überschnappen".

…und bei neuen: Schmunzeln oder Empörung?

Ermüdung, fast immer.

Gibt’s einen richtigen oder gar entspannten Umgang mit Hitler?

Entspannt wird der Umgang nicht werden, und das aus guten Gründen. Das wäre auch nicht wünschenswert. Ein sachlicher, verantwortungsvoller, erwachsener Umgang dagegen ist überfällig. Das emotionale Pathos der Nachkriegsgeneration verfängt einfach nicht mehr. Es mag in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern gute Gründe gegeben haben, schweres moralisches Geschütz aufzufahren. Aber dieses Vokabular der "barbarischen Gräueltaten" während des "dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte", das ist zur Phrase verkommen, weil es vorwegzunehmen ersucht, was man angesichts der Verbrechen und Toten nur persönlich empfinden kann: Entsetzen, Trauer und die Entschlossenheit, gegen Faschismus einzutreten.

Wo würden Sie einschreiten?

Wenn mit Betroffenheit und Hitler Kampagne gemacht werden soll. Wenn jeder Hinz und Kunz mit Hitler verglichen wird. Und wenn Neonazis versuchen, den grassierenden Hitler-Humor für sich zu nutzen und wie etwa die NPD im mecklenburgischen Jamel einen Grill mit dem Schriftzug "Happy Holocaust" in den Garten stellt. Und keiner sagt was.

Wo liegt für Sie die Gefahr, wenn Hitler seinen Schrecken verliert?

Ich glaube, das droht gar nicht. Was dagegen zum Problem werden könnte: Dass wir Faschismus und Antisemitismus nur noch als solchen erkennen, wenn er samt Bürstenbart, Hakenkreuz und Horst-Wessel-Lied auftritt.

Das Interview führte Björn Szostak.

Stand: 10.01.2012

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