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Der neue Dokumentarfilm von Michael Moore
"Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte"
Margret Köhler
Er ist einer der unterhaltsamsten Aufklärer und Kritiker Amerikas: Michael Moore. In seinem neuesten Film hat er das US-amerikanische Finanzsystem und die jüngste Bankenkrise im Visier. Doch erstmals zeigen sich bei Moores anarchistischem Reportage-Stil Verschleißerscheinungen.
Da steht er mit einem Megafon vor dem AIG-Gebäude und fordert die Entlassung der Geschäftsführung, die Börse - eine der besten Szenen - umzäumt er mit einem Absperrstreifen mit der Aufschrift "Crime Scene - Do Not Cross" wie Polizisten bei einem Tatort.
Oder er hüpft behände in einen Geldtransporter, fährt bei der Bank Goldman Sachs vor und fordert das von den Bürgern gestohlene Geld zurück. Michael Moore liefert das ganze Programm.
Das Leid der US-Bürger im Fokus
Dazu gehören auch Fragen nach Sinn und Unsinn von Derivaten, auf die sogenannte "Experten" keine Antwort wissen. Da darf auch die weinende Familie, die nach über zwanzig Jahren ihr Haus verlassen und auch noch renovieren muss, nicht fehlen.
Und auch nicht der Pilot, der hinter vorgehaltener Hand von einem anstrengenden Nebenjob berichtet, wegen dem er auch schon mal völlig übermüdet ins Cockpit steigt. Wer hier keine Wut kriegt, hat kein Herz.
Der Provokateur aus Leidenschaft ist mal wieder in seinem Element und verkündet die ewig alte und neue Botschaft, der Kapitalismus sei böse und an allem Schuld. Wer sollte das in der gegenwärtigen Zeit nicht gerne glauben?
Ein paar Krümel vom Wohlstandskuchen
Natürlich pickt sich Michael Moore willkürlich aus dem großen Ganzen die übelsten Schweinereien heraus, die in sein Konzept passen, manipuliert in gewohnter Weise mit wildem Aktionismus.
Vieles, was er als ultimative Erkenntnis verkauft, kennen wir aus den Medien, aber Moore wiederholt sie eben unnachahmlich frech, legt den Finger auf die Wunde.
Der amerikanische Traum zerplatzt wie eine Seifenblase, in guten Zeiten kriegt der kleine Mann von der Straße ein paar Krümel vom Wohlstandskuchen ab, in schlechten Zeiten muss er den Gürtel enger schnallen, während Banker Boni kassieren. Alles ganz einfach.
Früher waren Sachverhalte überschaubar
Manche Informationen überraschen wirklich. Da schließen Banken für ihre Angestellten heimlich Versicherungspolicen ab und kassieren kräftig bei deren Tod, während die Witwe die Beerdigung kaum zahlen kann.
Als Moore vor 20 Jahren mit "Roger & Me" das erste Mal auf den Putz haute und die Verelendung seiner Heimatstadt Flint, Michigan, durch die Entlassung von 30.000 Arbeitern bei General Motors dokumentierte, war das Thema überschaubar.
Die Marke Michael Moore
Seine unkonventionelle Investigationsmethode war ungewohnt, was auch bei seiner filmischen Kontroverse um das Waffengesetz ("Bowling for Columbine") oder die Gesundheitsform ("Sick") noch funktionierte.
Der dicke Durchschnittsamerikaner mit Baseball-Mütze, ausgebeulter Hose und Kassenbrille ärgerte Politiker und Konzernbosse durch Nadelstiche, suchte nach simplen Antworten und wurde durch seine Naivität zur sich gut verkaufenden Marke, die er genüsslich pflegt.
Grobe Skizzen anstatt tiefgehender Analyse
Heute stellt sich der Sachverhalt komplexer dar, was Moore aber nicht weiter kümmert. Er setzt auf Schwarz-Weiß-Zeichnung, vereinfacht Zusammenhänge und führt seinen Gegner vor. Allen voran George W. Bush, auf den Ex-Präsidenten wird nach Herzenslust eingedroschen, was nach "Fahrenheit 9/11" wie ein Aufguss wirkt.
Bei der globalen Krise glückt ihm nicht ganz die Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung, die Hinweise auf das europäische Sozialparadies hinken.
Kinospaß mit Schwächen
Michael Moore begann mit seinem Film "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" im Frühjahr 2008, als die Wirtschaft boomte. Er wollte eigentlich mit dem System Bush abrechnen.
Die Krise überholte ihn, und er versuchte, die unvorhergesehene Entwicklung in die Handlung zu integrieren, die am leicht optimistischen Ende in einer Lobpreisung von US-Präsident Obama mündet.
Moore bestätigt unsere Vorurteile
Trotz aller Schwächen, Dogmatismen und Agitprop macht es Spaß, diesem Bauchmenschen zuzuhören und zuzusehen, wie er die "da oben" piesackt. Der Mann aus der Arbeiterschicht weiß, wo der Nation der Schuh drückt, er bestätigt unsere Vorurteile.
Und: Wir glauben ihm sein Engagement und seine offene Sympathie für die Opfer einer kapitalistischen Gesellschaft. Michael bleibt eben Michael.
Quelle: "Kino Kino" | br-online.de
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br | Stand: 12.11.2009
Film-Info
- Filmtitel:
- Capitalism: A Love Story (Originaltitel; USA, 2009)
- Regie:
- Michael Moore
- Darsteller:
- Michael Moore
- Länge:
- 120 Min.
- Kinostart:
- 12. November 2009
Quelle: br-online.de







