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23.05.2012

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Musik

Beginn des Inhaltes

Iceland Airwaves Festival in Reykjavik

Pop-Avantgarde in Island

Björn Szostak

Wenn Yoko Ono, Björk und Sinéad O'Connor und die Avantgarde des weltweiten Musik-Zirkus sich Mitte Oktober mit kruden Bands in Wollpullovern vereinen, ist die isländische Hauptstadt Reykjavik für fünf Tage Weltmetropole der Popmusik. Iceland Airwaves Festivals begeistert sein Publikum jenseits des Mainstreams und macht isländische Künstler bekannt.

Ausnahmezustand in Reykjaviks neuem Konzerthaus "Harpa". Menschen mit Bierflasche und Iceland Airwaves Ticket haben den Kulturtempel in Beschlag genommen. Das architektonische Juwel aus schwarzem Stein und Glas ist nicht wie sonst üblich Haus der Hochkultur, sondern nur eine von mehreren hundert Konzertlocations des Airwaves Festival in Reykjavik. In Sälen für klassische Musik gibt's Avantgarde-Pop jenseits des Mainstreams mit noch unbekannten isländischen Künstlern und großen internationalen Namen wie Yoko Ono oder Björk.

In einem Heimspiel präsentiert die Isländerin ihr neuestes Werk "biophilia". In einem völlig schwarzen Saal steht das Publikum 360 Grad um eine üppig mit Instrumenten bestückte Bühne. Neben der 46-Jährigen mit roter Perücke, singt und tanzt ein Chor aus gut zwei Dutzend elfengleichen Mädchen, darunter mehrere schwanger. Dazu kommen krude Sounds von Elektronik, Schlagzeug, Orgel und Cembalo. In den Mittelpunkt stellt Björk Guðmundsdóttir ihren zum Markenzeichen gewordenen vokalen Gesang in einzigartiger Tonalität.

Ihr Werk "biophilia" handelt von Entstehung, Leben und Natur auf der Erde. In der Livedarbietung ist biophilia ein Rausch der Bilder auf unzähligen Monitoren, mit zuckenden Blitzen und Visuals zwischen Musik und eindringlichem Sound. Anstrengend und faszinierend wie mitreißend zugleich. Das internationale Publikum wie die Isländer zeigen sich begeistert. Nach gut 100 Minuten eilen sie weiteren Konzerten in den Clubs der gesamten Innenstadt entgegen.

Handball oder Bandprobe

Seit 1999 ist das Airwaves Festival auch immer eine Leistungsschau der isländischen Musikszene. Bekanntermaßen ist knapp südlich des Polarkreises das Wetter meist durchwachsen, da bleibt außer dem Handballtraining und der Bandprobe wenig Beschäftigungsmöglichkeit. Gefühlt spielt jeder Isländer in mindestens einer Band. Die Musikverrückten unter ihnen gleich in mehreren. Die Szene ergänzt und hilft sich, wo sie nur kann und findet beim Festival ausreichend Auftrittsmöglichkeiten und Publikum. Neben Musikfans sind auch Vertreter von Plattenfirmen und Festivalmacher zu finden, die hier Kontakte knüpfen. "In diesem Jahr zeigt das Festival ein junges Gesicht. Es spielen viele junge isländische Bands, deren Bandmitglieder erst in den 1990er-Jahren geboren wurden", so Plattenhändler und Labelchef Lárus Jóhannesson. Herausragend sind so frische Bands wie das Folk Kollektiv Útidúr oder das Post-Dub-Step-Trio Samaris. Die Teenager sind noch weit von der Volljährigkeit entfernt, wirken aber mit ihrem Post-Dub-Step-Sound gepaart mit melancholischen Vocals wie die isländische Antwort auf die Briten The xx.

Überraschende Pop-Perlen

Schon viele Wochen vor Festivalbeginn waren die 6.000 Tickets vergriffen. Das Publikum kommt zur Hälfte aus Island, zur anderen Hälfte aus Europa und Nordamerika. Tagsüber spielen die Bands "off-venue" in Cafés, Szeneläden oder gar privaten Wohnungen. Am Abend öffnen Clubs, Kinos, Theater und Reykjaviks Modernes Museum ihre Pforten für die Konzertgänger. Das Publikum ist euphorisch, aber weiß sich zu benehmen. Zerstörung, Pöbeleien gibt es hier nicht. Rücksichtsvoll stehen gut 500 Leute im Jugendstiltheater Iðnó und lauschen dem Kanadier Owen Pallet. Der Impresario an der Violine ist mit seinen Loop-Sounds Darling der Indie-Szene, hat bei Arcade Fire gespielt und für die Pet Shop Boys produziert. In Björks Studio hat er gerade seine neue Platte aufgenommen und präsentiert die neuen Stücke mit Band in druckvollem Sound, der auch eine Abkehr von eingängigen Streichersounds darstellt.

Der Kanadier Rich Aucoin bringt das Airwaves Festival zum Ausflippen Foto: iceland Airwaves Der Kanadier Rich Aucoin bringt die Besucher des Airwaves Festival zum Ausflippen.

Im Kunstmuseum Listasafn reißt die aus Oklahoma stammende Band Other Lives mit epischen Gitarrenklängen die Herzen von rund 2000 Besuchern auf. Reykjaviks angesagteste Club-Location Nasa platzt schon derweil aus allen Nähten. Lange Schlangen haben sich gebildet. Hübsch zurecht gemachte blonde Jungs und wie Elfen geschminkte Mädchen frieren hier vor der Tür. Drinnen schwitzen und flippen die Kids mit dem Kanadier Rich Aucoin aus. Seine One-Man-Show will mit Elektro-Beats die Welt retten. Das Publikum hat der Kanadier schon jetzt in der Tasche, wie auch zahlreiche Einladungen für Konzerte nach Europa.

Am Tag darauf sind kurz vor dem Good-Bye am Flughafen Keflavik Künstler, Manager und Besucher noch schnell in Islands blauer Lagune zur Hangover-Party. Im hypermodernen Thermalbad kuriert man gemeinsam unter blauem Himmel kollektiv den Kater aus, planscht im Wasser heißer Quellen und plant schon ganz sicher den erneuten Besuch im nächsten Jahr.

Stand: 18.10.2011

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