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09.02.2012

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Rock & Pop

Beginn des Inhaltes

"Tocotronic"-Sänger Dirk von Lowtzow im Interview

"Wir sind eine gut funktionierende Homo-Ehe"

Die Hamburger Band Tocotronic hat die deutsche Popkultur in den vergangenen 20 Jahren entscheidend geprägt. ARD.de hat mit Sänger Dirk von Lowtzow über das neue Album "Schall und Wahn" gesprochen - und über seine Freude darüber, wenn Jemand zu seiner Musik knutscht oder etwas kaputtschlägt.

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow/ Live-Auftritt von Tocotronic; Foto: picture-alliance/dpa/Michael Peterson/Kombo: ARD.de

ARD.de: Um viele Hamburger Bands ist es still geworden, Blumfeld haben sich sogar aufgelöst. Wie steht es um Tocotronic?
von Lowtzow: Wir sind eine gut funktionierende Homo-Ehe. Jeder hat Freiräume und seine Soloprojekte. Da kann jeder seine eigenen Interessen wahrnehmen, aber da kommt auch Inspiration zu Tocotronic zurück. Daraus entstand auch "Schall und Wahn", die letzte Platte der Berliner Trilogie.

Was steckt dahinter?
Die letzten drei Alben haben wir in Berlin im gleichen Studio mit den gleichen Leuten aufgenommen. Die Platten sind inhaltlich wie musikalisch miteinander verknüpft. Techno hat uns für "Pure Vernunft darf niemals siegen" inspiriert, bei "Kapitulation" war's der räumliche Punkrocksound und jetzt sind wir bei der räumlichen Opulenz bei "Schall und Wahn". Ich empfehle, die drei Alben hintereinander anzuhören.

Worum geht's in Eurem Album "Schall und Wahn"?
Das Album handelt unter anderem von der Idee der Liebe als verbrecherische Handlung: Blut ist ein roter Faden und die Liebe eine vampiristische Geste. Ich wollte auch die Liebe als höchstes Glück beschreiben, das aber gleichzeitig auch in Neid und Gier umschlagen kann. Die Liebe geht so weit, dass sie zur totalen Identifizierung wird, in der man sich zugleich als Opfer und Henker erlebt.

Neues Tocotronic-Album "Schall und Wahn"

Der Zweifel nach der Kapitulation

Tocotronic (v.l.): Jan Müller (Bass), Dirk von Lowtzow (Gitarre, Gesang), Rick Mc Phail (Gitarre), Arne Zank (Schlagzeug) Foto: picturealliance/dpa

Drei Jahre nach "Kapitulation" meldet sich Tocotronic mit "Schall und Wahn" zurück. ein Album, auf dem die Hamburger Musiker alte Gewissheiten über Bord geworfen haben, auf dem sich zwischen leise, zweifelnde Töne jedoch auch laute und ruppige mischen.

Mit dem Song "Stürmt das Schloss" klingt Tocotronic wie in den frühen Jahren. Erzielt ihr damit Identifikation fürs Stammpublikum?
Das ist mir zu gruppenimmanent. So sollte man nicht arbeiten. Da würde man ja eher zu seinem eigenen Werbetexter werden. Manche Stücke sind assoziativer, manche agitatorischer. Das kommt rein aus der Lust an der Textform.

In Eurer Single "Macht es nicht selbst" erwähnst Du Selbstbefriedigung und Selbstauslöschung, später singst Du auf der Platte noch von "Gift". Ist die Selbsttötung ein Leitthema?
Selbstauslöschung ist keine Selbsttötung oder Suizid. Es geht mehr um das Auslöschen des Subjekts. Ich finde sowohl die Idee der Entsubjektivierung als auch die Zerbröselung des Ichs absolut spitze. Da sehe ich keine Verbindung zum Selbstmord.

Warum entscheidet Ihr Euch "im Zweifel für den Zweifel"?
Das hat keine persönlichen Hintergründe. Das ist ein künstlerisches Manifest und Programm. Der Zweifel in der Kunst und das Unselbstbewusste ist uns lieber als das selbstbewusste Nicht-Zweifelnde. Picasso hat mal gesagt: "Ich suche nicht, ich finde." Wir dagegen finden nicht, wir suchen.

Und wenn "Liebe tötet"?
Das ist aus der Perspektive eines umgedrehten Jesus geschrieben, der aus Liebe getötet wird, aber noch aus dem Grab heraus hasst. Textformen, wie man sie in der Bibel oder im Koran findet, sind für mich interessant, weil sie antinarrativ sind und die Form der Aufzählung annehmen. Gustave Flaubert hat sich in "Die Versuchung des Heiligen Antonius" dieser Form angenommen. Das finde ich hochinteressant, und es war für mich inspirierend. Ich selbst bin total unreligiös.

Woher rührt die Beschäftigung mit Texten?
Wir haben ja alle keine Uni von innen gesehen. Als Texter, der ich für die Band bin, schadet es ja nicht, sich mit Texten und Textsorten auseinander zu setzen. Gelegenheit macht Diebe, da eignen wir uns gerne etwas an. Wie auch der Titel des Albums "Schall und Wahn" von William Faulkner, der wiederum den Titel von Shakespeare gestohlen hatte.

Liegt die Deutungshoheit immer bei den Hörern?
Das kann man nicht anders machen. Ich schreibe die Songs, dann gebe ich sie aus der Hand. Wenn jemand die Platte hört und dazu knutschen möchte, finde ich das wunderbar. Wenn jemand unsere Musik hört und etwas kaputtschlagen oder tanzen will, finde ich das auch herrlich. Wir sind keine Oberlehrer, wir schreiben nichts vor – das wäre ja fürchterlich.

Mitklatschen stört auch nicht mehr?
Wir sind musikalisch anders sozialisiert. Wenn man wie wir vor gut 20 Jahren "Gun Club", "Sonic Youth" oder meine permanente Lieblingsband "The Fall" gesehen hat, wäre Mitklatschen das Uncoolste gewesen. Diese Bands hatten auch ein sehr cooles, distanziertes wie mürrisches Verhalten gegenüber dem Publikum an den Tag gelegt. Wir fanden das schon cool. Inzwischen ist uns das egal - Hauptsache die Leute klatschen im Takt.

Das Interview führte Björn Szostak.

Stand: 22.01.2010

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