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Interview mit Prof. Dr. Gunther Nickel
Wie viel Politik sollen Literaten wagen?
Schriftsteller produzieren literarische Texte. Hierüber herrscht wohl Einigkeit. Darüber hinaus fordert Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, dass sich junge Literaten auch politisch einmischen sollen, um die deutsche Demokratie weiter zu entwickeln und zu stärken. Prof. Dr. Gunther Nickel vom Deutschen Literaturfonds widerspricht im ARD.de-Interview mit Kilian Zeitz.
ARD.de: Herr Nickel, im "Spiegel" äußerte Günter Grass die Sorge, ein Beitrag junger Literaten zur Entwicklung der Demokratie drohe aktuell abzureißen. Wie bewerten Sie das?
Prof. Dr. Gunther NickelGunther Nickel: Ich weiß nicht, warum sich ausgerechnet Autoren politisch einmischen sollen und nicht auch andere Berufsgruppen – zum Beispiel Metzger, Schuster oder Juristen. Das mag vielleicht daran liegen, dass Herr Grass meint, die Affinität zum Wort würde Schriftsteller in die Lage versetzen, in politischen Bereichen ein profunderes Urteil zu fällen. Aber das ist ja nicht der Fall. Wenn ich beispielsweise in der aktuellen Debatte über Migration, Bildungspolitik und den Missbrauch des Sozialstaates, die Thilo Sarrazin angestoßen hat, mitreden will, dann nützt mir meine Sprachkompetenz allein gar nichts. Ich muss mich vielmehr mit den Ergebnissen der Migrationsforschung oder Kognitionswissenschaften auseinandersetzen, um inhaltlich fundiert mitreden zu können. Dass Autoren, wie alle Bürger, eine politische Haltung entwickeln sollten, das ist schon ganz recht. Aber das sollten sie als Privatpersonen tun. Das Politische steht mit den besonderen Anforderungen, die an sie als Verfasser von literarischen Texten gestellt werden, in gar keinem Zusammenhang.
Aber Literaten haben doch eine ganz andere Plattform, um einen Anstoß zur politischen Meinungsbildung zu geben.
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Wenn sich Autoren als politische Repräsentanten begreifen, dann ist die Frage zu klären, wer sie denn eigentlich dafür gewählt hat. Wir leben schließlich in einer Demokratie, in der wir durch politische Repräsentanten vertreten werden. Und wer das sein soll, darüber stimmen wir regelmäßig ab. Und nun kommt plötzlich eine Berufsgruppe, nämlich die der Schriftsteller, die sagt: "Ja, wir nehmen eine privilegierte Rolle ein in dieser Gesellschaft" – so meint es Herr Grass ja wohl. Dabei haben auch andere Berufsgruppen die Affinität zum Wort, beispielsweise Lehrer oder Journalisten. Warum sollen die denn nicht im politischen Bereich genauso das Sagen haben? Dass Schriftsteller wie Grass hier so eine herausragende Rolle spielen wollen, vermag ich überhaupt nicht zu akzeptieren. Jemand kann schließlich ein guter Fantasyautor sein - und politisch ein Depp. Das gilt für Autoren von Fantasyliteratur genauso wie für Autoren aller übrigen literarischen Genres.
Die Wahl von Repräsentanten ist ja nur eine Dimension unseres demokratischen Systems. Es ist doch als Errungenschaft anzusehen, dass durch freie Meinungsäußerung ein Beitrag zur Weiterentwicklung der Demokratie geleistet werden kann. Sind da nicht Literaten prädestiniert, aufgrund ihrer Bekanntheit und des Gewichts ihrer Aussagen, einen Beitrag zu leisten?
Was qualifiziert sie denn dazu, im politischen Bereich mehr sagen und etwas lauter sagen zu dürfen, als jeder andere Bürger? Das, was Herr Grass als Forderung stellt, ist für mich nur unter einer Voraussetzung plausibel: Nämlich dann, wenn es sich nicht als Forderung an die Schriftsteller als Schriftsteller und nicht mit dem Hintergedanken einer Exponierung der Schriftsteller zu so einer Art politischem Sprachrohr jenseits irgendwelcher Legitimationsinstanzen verstehen lässt. Die Forderung richtet sich dann an jeden Bürger. Nochmals: Warum soll eine bestimmte Berufsgruppe im politischen Raum exponiert werden? Das leuchtet mir nicht ein.
Ist es elitäres Denken von Herrn Grass, wenn er meint, Literaten sollten politisch Stellung beziehen?
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Elite ist ja nichts Schlechtes. Der Gedanke an eine politische Privilegierung des Schriftstellers hat aber in erster Linie historische Ursachen, die ins ausgehende 18. Jahrhundert zurückreichen. Das Bürgertum in Deutschland hat die politische Gewalt damals und über das ganze 19. Jahrhundert hinweg nicht an sich reißen können, sondern nur die ökonomische – und es hat kompensatorisch die großen Dichterheroen gefeiert. Allen voran Friedrich Schiller, der die Symbolfigur des deutschen Liberalismus wurde. Man sah in Schiller einen Helden, der es geschafft hatte, vom Sohn eines Arztes zum Hofrat aufzusteigen, zum Dichter der Nation, der sich tapfer gegen eine Adelsvorherrschaft gewandt hatte.
Und an diesem Modell des Dichters, des Verkünders von Wahrheit gegenüber der Obrigkeit, orientiert sich Herr Grass noch immer. Das ist aber ein Modell, das meiner Meinung nach schon im 20. Jahrhundert nicht mehr funktioniert hat und im 21. Jahrhundert erst recht nicht. Diese Art von Privilegierung des Künstlers, die im 19. Jahrhundert geradezu kunstreligiöse Züge annahm, die sollte eigentlich wirklich vorbei sein.
Wäre es nicht fatal, wenn sich Literaten politisch gar nicht mehr äußern würden?
Ob Integration oder Atomkraftwerks-Laufzeiten: Aktuell gibt es viele politische Debatten, zu denen man Stellung beziehen kannEs hindert Autoren nichts daran, sich schlau zu machen, Kenntnisse zu erwerben in einem Bereich, der politisch relevant ist. Aber das ist für sie dieselbe Arbeit wie für jeden anderen Menschen, da nutzt ihnen ihr Status als Autor erst mal gar nichts. Und dann könnten sie versuchen, das, was sie recherchiert haben, zum Gegenstand eines literarischen Textes zu machen. Aber Maßstab des literarischen Textes wäre dann doch nicht die politische Meinung, die dort vertreten wird, sondern die Art und Weise, in der sie gestaltet ist. Das ist ja das literarische Kriterium und nichts anderes.
Wir haben es im Bereich der Literatur mit der kuriosen Situation zu tun, dass jemand Antisemit sein kann und trotzdem ein Autor von Weltformat. Ein Beispiel dafür ist (der französische Schriftsteller, Anm. d. Red.) Ferdinand-Louis Céline mit seiner "Reise ans Ende der Nacht". Céline war Antisemit, er war Rassist, und trotzdem ist das, was er geschrieben hat, Weltliteratur. Das heißt, die politischen Meinungen des Herrn Céline haben mit dem, was er literarisch geleistet hat, erst mal gar nichts zu tun. Und wir haben dann, wenn wir die Einheit von Person und Autorschaft wahrzunehmen genötigt sind, das Problem, dass wir diese Einheit eben nicht ganz beiseite drängen können oder das ein ungutes Gefühl hinterlässt. Dieses Problem, dieses Auseinanderfallen dessen, was spezifisch literarisch ist und dessen, was die Meinung des Autors als Mensch ist, haben wir aber auch, wenn es sich um Sozial- oder Christdemokraten oder Kommunisten handelt.
Das Interview führte Kilian Zeitz.
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Stand: 20.09.2010




