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Online-Spiel "Second Life"
Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt
Barbara Vorsamer
Im Online-Spiel "Second Life" können sich die Spieler alle Träume erfüllen: Sich selbst neu erfinden, ihre Welt neu erschaffen und alles machen, was sie wollen. Das Ergebnis: Ein sex- und konsumverrücktes Barbieland.
Heute trifft sich April Cremorne mit ihren Freundinnen. Sie schlendern durch ein futuristisch designtes Einkaufszentrum und kaufen Klamotten, Schmuck und Accessoires. Danach fliegen sie an den Strand, um schicke Typen aufzureißen. Mit denen beamen sie sich dann in den angesagtesten Club der Welt, tanzen dort zu Musik von unbekannten Künstlern, um am Ende des Tages auf Aprils Dachterrasse den Sonnenaufgang zu genießen.
Dreidimensionale Realitätssimulation
Willkommen im "Second Life"! Hier lebt jeder das Leben, das er gerne möchte. Hier ist jeder so jung, hübsch und sexy, wie er sich fühlt. Jeder kann fliegen, jeder kann sich beamen, keiner altert oder stirbt, und das ganze Land ist ein Themenpark, der Disneyland blass aussehen lässt. Das Besondere daran: Die User haben das Land erschaffen. Die Spieleentwickler der Herstellerfirma Linden Labs haben "Second Life" außer Himmel und Erde fast nichts mitgegeben. Statt dessen darf jeder einzelne virtuelle Dinge produzieren, verkaufen und kaufen. Das macht die Simulation wesentlich interaktiver als andere Online-Spiele, wie das höchst populäre Rollenspiel "World of Warcraft". Denn dort befinden sich die Spieler in einer fertig entwickelten Welt und spielen eine vorgegebene Geschichte. In "Second Life" dagegen kann jeder machen, was er will.
Ohne den Ballast der Wirklichkeit
Das jedoch ist auch schon der gesamte Inhalt des Spieles. Gereinigt von Realitäts-Ballast wie Krankheit, Hässlichkeit, Armut, Unglück oder Tod kann sich das Online-Leben voll auf das konzentrieren, was die Seligwerdung verspricht. Was das ist? Gefolgert aus Beobachtungen in der virtuellen 3D-Welt ist der Schlüssel zum Glück: Existiere! Kommuniziere! Und vor allem: Konsumiere!
Existiere!
Beginn Texteinschub
Beginn Texteinschub
Das Aussehen ist extrem wichtig im Metaversum. Denn viele dort sind der Meinung, dass die Avatare 'echter' als echte Menschen seien, da jeder so aussieht, wie er wirklich möchte. Das hat zur Folge, dass es nur übertrieben gut ausehende Menschen in "Second Life" gibt. Die meisten Männer sehen aus wie Barbies Ken nach zuviel Anabolika, während für die weiblichen Avatare Riesenbrüste und lange Haare zur Grundausstattung gehören. Der Medienpsychologe Tilo Hartmann von der Universität Erfurt sagt dazu: "Die Avatare sind häufig idealisiert und anonymisiert. Deswegen haben die User wenig Hemmungen, drauf loszureden und vieles von sich preiszugeben."
Kommuniziere!
Ja, Kontakte zu knüpfen ist leicht in "Second Life". Kommunizieren ist das Wichtigste im Spiel, so Markus Breuer, der seit fast zwei Jahren bei "Second Life" dabei ist. Ein "Hallo, wie gehts, ich bin neu hier" in den Chat geschrieben reicht meistens, um mit anderen Avataren ins Gespräch zu kommen. Chatten und Instant Messaging sind die Kommunikationsformen. Nicht neu - der Unterschied ist nur, dass es im Metaversum statt einem Usernamen einen virtuellen Charakter gibt, und statt Emoticons simulierte Mimik. Darüber hinaus ermöglicht der dreidimensionale Raum außer Texten auch gemeinsame Erfahrungen. "Ich kann unabhängig von privaten, körperlichen und räumlichen Grenzen mit Leuten aus der ganzen Welt was unternehmen", so beschreibt ein User die Faszination "Second Life". Viele Spieler verbringen acht Stunden pro Woche und mehr in der Pixelwelt und bauen so langfristige und enge Beziehungen zu anderen virtuellen Charakteren auf. So wurde schon manch Partner aus Fleisch und Blut wegen einer Pixelaffäre verlassen, weil Spieler die unkomplizierte Virtualität dem komplexen Real Life vorziehen.
Einen Fehler sollte ein Einsteiger aber nicht machen: Und zwar sich einfach mal nach dem Motto "Millionen Fliegen können nicht irren" an die beliebtesten Plätze zu beamen. Auf diese Weise landet er nämlich ausnahmslos in Swinger-Clubs, Strip-Bars oder im besten Fall in Spielcasinos.
Konsumiere!
Virtueller Sex ist einer der größten Industriezweige in der Pixelwelt. Die anderen sind der Handel mit Immobilien, Möbeln, Kleidung und Accessoires. Denn theoretisch darf zwar jeder in "Second Life" alles selbst produzieren - praktisch ist es so, dass einige mit Grafik- und Softwareprogrammen besser umgehen können als andere, und dann das Ergebnis ihrer Arbeit an die anderen User verkaufen. Für so manchen Programmierer war das die erste Begegnung mit der eigenen Kreativität. Einige Anbieter machen mit ihrem Waren dermaßen viel virtuelles Geld, dass sie ihren Job in der realen Welt aufgegeben haben und jetzt nur noch in "Second Life" arbeiten.
Mit den simplen marktwirtschaftlichen Rezept von Angebot und Nachfrage kam die virtuelle Volkswirtschaft 2005 auf ein Bruttoinlandsprodukt von 150 Millionen Dollar und erreicht Wachstumsraten, die jene von China und Indien in den Schatten stellt. Denn der "Second Life"-Bewohner ist konsumfreudig - Dinge wie ein schönes Haus, Möbel und tolle Klamotten braucht er schließlich, um bei den anderen Avataren gut anzukommen.
Das Gleiche in Gepixelt
Der Science-Fiction-Autor Neal Stephenson nahm schon vor 15 Jahren in seinem Buch "Snow Crash" an, dass Menschen sich eines Tages in virtuelle Welten flüchten werden, um dann "mit ihren audiovisuellen Körpern auch nichts anderes zu machen, als im wirklichen Leben". Seine Vision scheint sich derzeit in Second Life zu erfüllen. Er hat sich Metaversen ziemlich genauso vorgestellt, wie sie heutzutage aussehen. Denn obwohl die Online-Welt "Second Life" nicht den Beschränkungen der Realität unterliegt, ähnelt sie ihr stark. In einer Welt, in der alles möglich ist, haben sich die Bewohner keine Fantasy-Welt gebaut, kein zweites Mittelerde und keine intergalaktischen Star-Wars-Szenarien. Statt dessen ist die perfekte Welt des "Second Life"-Bewohners eine Mischung aus Malibu Beach und Barbie-Land. Und seine Lieblingsbeschäftigungen sind Einkaufen, Sex haben und Freunde treffen.
Stand: 11.11.2006
Online-Spiel "Second Life"
Inhalt:
- Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt
Das Online-Spiel "Second Life" - "Virtuelle Beziehungen sind einfacher"
Interview mit dem Medienwissenschaftler Tilo Hartmann







