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09.02.2010

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Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

90. Jahrestag: Die deutsche Flotte versenkt sich selbst

"Es wird fortgesoffen"

Georg M. Wendt

"Deutschlands Zukunft liegt auf dem Meer", verkündete Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1898 und begeisterte Millionen Bürger von der Idee einer gigantischen Kriegsflotte. Doch am 21. Juni 1919 nahm des Kaisers liebstes Spielzeug in der Bucht von Scapa Flow ein glanzloses Ende: Die Flotte versenkte sich selbst.

"Paragraf Elf. Bestätigen!" - Endlich: Das kryptische Signal ist der verschlüsselte Befehl, auf den die deutschen Matrosen gewartet haben. Auf allen Kriegsschiffen der Hochseeflotte öffnen die Notbesatzungen jetzt zeitgleich die Seeventile und verkeilen die Schotten: Das kalte Wasser der Nordsee strömt nun ungehindert in die stählernen Bäuche der massigen Kampfschiffe. An diesem 21. Juni 1919, ein gutes halbes Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, versinkt der Stolz der deutschen Marine im seichten Wasser der Bucht von Scapa Flow, einem britischen Marinestützpunkt auf den schottischen Orkney-Inseln.


Beginn Texteinschub
Weltkriegsende
Am 11. November 1918 unterzeichnete das unterlegene Deutsche Reich im Wald von Compiègne mit den Siegern Frankreich, Großbritannien und USA ein Waffenstillstandsabkommen: das Ende des Ersten Weltkriegs. Darin verpflichtet sich das Reich auch, seine im Krieg kaum eingesetzte Hochseeflotte den Alliierten auszuliefern.
Ende Texteinschub

Schon seit November 1918 harren die deutschen Schlachtschiffe dort aus und warten - auf die Verkündung ihres Schicksals in Versailles. Denn dort richten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs – also vor allem die Briten, US-Amerikaner und Franzosen – über das unterlegene Deutsche Reich. Dabei geht es auch um das Schicksal seiner einst so gefürchteten Flotte vor Scapa Flow.

Konteradmiral Ludwig von Reuter, der Befehlshaber des festgesetzten Kriegsschiffsverbands, befürchtet das Schlimmste: dass seine Flotte in die Hände der verhassten Briten fallen wird. Sein Plan: In einem letzten "heroischen" Akt sollen sich die Kriegsschiffe selbst versenken. Und damit die Ehre der Marine in einem Krieg zurückgewinnen, in dem die so stolze kaiserliche Flotte jahrelang fast ständig nutzlos in den sicheren Häfen von Wilhelmshaven und Kiel auf den großen Angriffsbefehl wartete. Der kam dann erst zu einem Zeitpunkt, als die Lage so aussichtslos geworden war, dass niemand mehr kämpfen wollte, da es den sicheren Tod bedeutet hätte - die deutschen Matrosen meuterten.

Ein Trinkspruch schreibt Weltgeschichte

Noch einmal wollen die Befehlshaber der Hochseeflotte die Weltgeschichte nicht verschlafen. Und an jenem 21. Juni scheint die Gelegenheit zur Selbstversenkung günstig: Am Morgen haben die britischen Bewachungsschiffe die Bucht für ein Manöver in der Nordsee verlassen. Um 10:20 Uhr befiehlt von Reuter an Bord des Flaggschiffs SMS (Seiner Majestät Schiff) "Emden", per Flaggen allen anderen Kriegsschiffen den Code "Paragraf Elf. Bestätigen!" zu signalisieren. Dieser scheinbar harmlose "Paragraf Elf" bezieht sich aber auf eine Bestimmung im "Bierkomment" - einem Regelwerk für das Verhalten studentischer Verbindungen in Kneipen. Er bedeutet: "Es wird fortgesoffen!" - das vereinbarte Signal zur Selbstversenkung.

Als erstes Schiff sinkt um 12:16 Uhr die SMS "Friedrich der Große". Bis zum späten Nachmittag folgen ihr 60 weitere: Mit der SMS "Hindenburg", der SMS "Großer Kurfürst", der SMS "Prinzregent Luitpold" und gar der SMS "Kaiserin" tummelt sich der halbe deutsche Adel am Grund der Bucht von Scapa Flow - die größte Selbstversenkung in der Geschichte der Menschheit. Und ein massiver Verlust für das Reich: Allein die 16 versenkten Großlinienschiffe und Schlachtkreuzer haben einen Bauwert von etwa 738 Millionen Mark. Dies entspricht gut einem Drittel des jährlichen Militärbudgets des Kaiserreichs. Für eine traditionelle Landkriegsmacht ist das ein unvorstellbarer Wert. Noch 30 Jahre zuvor verfügte das deutsche Kaiserreich nämlich über gar keine nennenswerte Flotte - bis ein gedemütigter Kaiser und ein fanatischer Offizier das monströse Rüstungsprogramm erzwangen.

Maritimer Rüstungsrausch

Wilhelm II. als Kind in einem Spielzeugboot Foto: oh. Bild gross Wilhelm II.: Früh übt sich ...

Rückblick: Am 6. April 1891 treffen im Kieler Schloss erstmals die beiden Schlüsselfiguren aufeinander, die schon bald Millionen Deutsche in einen maritimen Rüstungsrausch versetzen werden. Der eine, der junge Kaiser Wilhelm II., begeistert sich schon seit Kindertagen für die Schifffahrt. Der andere, der bürgerliche Offizier zur See Alfred Tirpitz, träumt von einer deutschen Kriegsflotte, die die Weltmeere beherrscht. Beide vereint ein tief sitzendes Minderwertigkeitsgefühl gegenüber dem mächtigen Großbritannien.

Als Kronprinz wurde Wilhelm II. von seiner englischen Mutter wegen seiner körperlichen Behinderung verachtet - als Folge einer schweren Geburt hatte er einen verkürzten linken Arm, den er nur eingeschränkt bewegen konnte. Die Schuld an dieser Beeinträchtigung soll er dem englischen Arzt gegeben haben, der bei seiner Geburt anwesend war - die Mutter habe keine deutschen Ärzte um sich geduldet. Seine britischen Verwandten – seine Großmutter ist Königin Victoria von England – sollen ihn wegen seiner typisch preußischen Art gehänselt haben.

Sehnsucht nach Genugtuung

Tirpitz, der erfahrene Seemann, diente jahrzehntelang auf altersschwachen Schiffen wie der SMS "König Wilhelm", die die englischen Matrosen der hochmodernen Royal Navy, der englischen Kriegsmarine, bestenfalls herablassend belächelten. Beide Männer fühlen sich gedemütigt – und wollen Genugtuung. Und diese will sich Wilhelm II. – seit 1888 endlich selbst Kaiser – verschaffen, indem er die Briten genau auf dem Gebiet übertrifft, für das er sie am meisten bewundert.

Der Monarch will die Vorherrschaft der britischen Royal Navy über die Weltmeere brechen. Aus diesem Grund trifft sich der Kaiser an jenem 6. April 1891 in Kiel mit führenden deutschen Marineoffizieren: Sie sollen seinen Traum, seine Vision, in einem geeigneten Plan verwirklichen. Einer dieser Offiziere, ein gewisser Alfred Tirpitz, begeistert den Kaiser mit einem bemerkenswerten Vorhaben: Das Deutsche Reich soll eine Kriegsflotte bauen, die von keiner anderen dieser Welt übertroffen werden kann. Statt aus kleinen und flexiblen Zerstörern – nützlich für die Kontrolle ferner Kolonien – soll diese kolossale Flotte aus trägen, aber feuerstarken Großkampfschiffen bestehen. Ihr einziger denkbarer Sinn und Zweck: Die Vernichtung der britischen Royal Navy in der Nordsee.

Die graue Eminenz

Alfred von Tirpitz Foto: picture-alliance/dpa Bild gross Großadmiral Alfred von Tirpitz

Nur neun Monate nach dem denkwürdigen Treffen im Kieler Schloss ernennt der Kaiser Tirpitz zum Stabschef im Oberkommando der Marine in Berlin. Endlich ist er angekommen in der Schaltzentrale der Macht. Nach und nach setzt sich der Intrigant, protegiert vom Kaiser selbst, gegen konkurrierende Beamte im Reichsmarineamt durch, bis niemand mehr seinem Flotten-Plan im Weg steht. Zugleich versucht Tirpitz, die wichtigsten Entscheidungsträger im Reichstag – dieser kontrolliert auch den Militärhaushalt – mit geschickter Lobbyarbeit von seiner Idee zu überzeugen.

Das von ihm aufgebaute "Nachrichtenbureau" versorgt die Presse mit fertigen Beiträgen, schickt Offiziere zu öffentlichen Vorträgen in Schulen und Parteizentralen und gewinnt angesehene Politiker, die sein Vorhaben unterstützen. Am 10. April 1898 ist der kurz darauf geadelte Tirpitz, die graue Eminenz der Rüstungspolitik, am Ziel: Der Reichstag befürwortet seine gigantischen Flottenpläne. Für die sagenhafte Summe von 409 Millionen Mark sollen die Werften in Kiel und Hamburg dem Reich 65 neue Kampfschiffe bauen. Und das ist nur der Anfang eines gigantischen Rüstungsprogramms: Bei Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 umfasst die Flotte 156 Kampfschiffe und 19 U-Boote.

Stand: 21.06.2009

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