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19.03.2010

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Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

Teil 2 von "Es wird fortgesoffen"

Begeisterung in Marineblau

Georg M. Wendt

Aus einer Idee ist ein umfassendes Rüstungsprojekt geworden: des Kaisers "liebstes Spielzeug", die stolze neue Flotte. Strippenzieher des Großprojekts ist Alfred von Tirpitz. Wie konnte es dem Großadmiral gelingen, das ganze Volk innerhalb weniger Jahre für seinen Flottenplan zu begeistern?

Im Rückblick scheint es, als sei die Begeisterung im Schneeballprinzip entstanden: Den Ball ins Rollen bringt Kaiser Wilhelm II., der Marine und Großindustrie mit seiner Euphorie – und zugleich mit seiner Wahnvorstellung eines bedrohlichen Großbritanniens – ansteckt. Die Industriellen erhoffen sich aus dem Flottenbau Rüstungsaufträge im Milliardenwert und fördern das private Engagement des 1898 gegründeten Deutschen Flottenvereins großzügig.

Dessen Mitglieder, zumeist Adelige und Bürgerliche in führenden Positionen, betreiben Lobbyarbeit in den höchsten deutschen Ebenen und werben neue Mitglieder an. Vor allem bürgerliche Familien unterstützen Tirpitz' Vorhaben, da sie sich für ihre Söhne eine erfolgreiche Offizierslaufbahn in der Marine erhoffen. Im Heer hätten sie ohne Adelstitel kaum eine Chance, Karriere zu machen.

Volk in Flotten-Hysterie

Und nicht zuletzt unterstützen viele Arbeiterfamilien den eigentlich viel zu teuren Bau der Kriegsschiffe, da er Tausende Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie sichert. 1914 ist aus dem Schneeball eine unaufhaltsame "Flottenlawine" erwachsen, die das Deutsche Reich erfasst hat.

In der Kindermode erfreut sich der Matrosenanzug größter Beliebtheit. Zehntausende zelebrieren gemeinsam mit Kaiser Wilhelm II. die Taufe jedes neues Kriegsschiffes mit großen Volksfesten. Mehr als eine Million Bürger engagieren sich im Deutschen Flottenverein.

Mit voller Kraft in die Katastrophe


Beginn Texteinschub
Soziale Konflikte um 1900
Um die Jahrhundertwende glich das Deutsche Reich einem sozialen Pulverfass. Während die Arbeiter sich in Parteien gegen die ungezügelte kapitalistische Ausbeute organisierten, forderte das mächtige Bürgertum mehr politischen Einfluss im Adelsstaat. Der aufkommende Nationalismus, der sich etwa im Flottenbau und in der Kolonisierung ausdrückte, milderte diesen Konflikt.
Ende Texteinschub

Zunächst scheint es, als profitierten Alle vom fieberhaften Flottenbau: Die Kriegsschiffe versprechen Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze, Karrierechancen und scheinen sogar die bestehenden sozialen Konflikte innerhalb des Reichs zu entschärfen (siehe Infokasten).

"Die Vision einer geeinten Nation im Zeichen von Flottenkaisertum, globaler Macht und autoritärer Expertenherrschaft spielte eine zentrale Rolle in diesem Zusammenhang", resümiert Assistant Professor Dirk Bönker, Experte für die deutsche Flottenrüstung an der US-amerikanischen Duke University.

Briten halten den Rüstungsvorsprung

Tatsächlich ist es aber nur ein Erfolg auf Pump: Flottenbau, Instandhaltung und Personal kosten das Reich jährlich Hunderte Millionen Reichsmark, die es gar nicht hat. Die Aufrüstung darf im Deutschen Reich nur mit indirekten Steuern bezahlt werden: Extra für die Flotte werden Steuern auf Sekt und Zigaretten erhoben. Doch die Einnahmen reichen lange nicht aus: Das Reich verschuldet sich und die Währung verliert zwischen 1890 und 1914 knapp die Hälfte ihres Wertes.

Großbritannien hingegen finanziert seine mächtige Royal Navy mit direkten Steuern und erzielt damit deutlich höhere Einnahmen: Schon 1906 zeichnet sich ab, dass das Deutsche Reich trotz aller Bemühungen diesen finanziellen Nachteil nicht wettmachen kann. Denn in diesem Jahr stellen die Briten die "Dreadnought" fertig: ein ultramodernes Kriegsschiff mit weit überlegener Panzerung und Feuerkraft. Verglichen mit ihr erscheinen alle bisher gebauten deutschen Kriegsschiffe veraltet und nutzlos zu sein.

Risikofaktor für die Außenpolitik

Trotzdem setzt das Deutsche Reich den Flottenbau fort. Die Rüstungsdynamik ist zu stark geworden, da zu viele gesellschaftliche Schichten von dem aussichtslosen Projekt profitieren. Dabei wäre es höchste Zeit, die gefährliche Rüstungspolitik aufzugeben. Großbritannien, das dem deutschen Staat bislang wohlwollend gegenüberstand, fühlt sich immer stärker von der maritimen Aufrüstung und dem arroganten Auftreten des Kaisers in Kolonialfragen bedroht. Die Briten beginnen, sich nach neuen Bündnispartnern umzusehen.

Die deutsche Kolonialpolitik

Fatale Gier nach Weltgeltung

Kaiserliches Reiterdenkmal in Windhoek in der Abendsonne Foto: picture-alliance/dpa

Am 24. April 1884 erklärte Kanzler Otto von Bismarck erstmals mit Teilen des heutigen Namibias ein Territorium zur Kolonie des Deutschen Kaiserreichs. Eine Politik mit fatalen Folgen. [mehr]

1907 schließen sie eine Allianz mit Frankreich und Russland. Versuche des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg, in der Flottenfrage einen Ausgleich mit Großbritannien zu finden, erstickt von Tirpitz schon im Ansatz. Das Deutsche Reich ist von da an fast isoliert. Seine geliebte Flotte fährt schon bald mit voller Kraft in die Katastrophe.

Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg Bild gross Reichskanzler von Bethmann-Hollweg lehnte den Flottenbau ab.

Zwar hat die Flottenaufrüstung nicht direkt den Ersten Weltkrieg herbeigeführt. Laut Historiker Bönker hat sie jedoch maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die deutsch-englischen Beziehungen verschlechtert haben. Als dann das tödliche Attentat vom 28. Juni 1914 auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger und dessen Frau eine internationale Krise auslöste, hat es die angespannte Beziehung zwischen beiden Staaten verhindert, dass sich Deutschland und Großbritannien verständigen konnten. Dies hätte den Weltkrieg wahrscheinlich noch abgewendet.

Nutzlos im Weltenbrand

Als Großbritannien dem Deutschen Reich am 5. August 1914 den Krieg erklärt, beginnt der Weltkrieg. Zwar war die deutsche Hochseeflotte genau für eine solche Situation gebaut worden, doch nun nimmt sie gar nicht erst an den Kampfhandlungen teil. Mit Ausnahme der unentschiedenen Skagerrakschlacht 1916, in der es der deutschen Hochseeflotte gelingt, dem überlegenen englischen Gegner durch geschicktes Taktieren zu entgehen, dümpeln die deutschen Kriegsschiffe in den geschützten Heimathäfen vor sich hin.

Die Flotte ist zu schwach, um eine Schlacht auf hoher See gegen die übermächtige britische Royal Navy zu wagen, und zu unflexibel, um auf den Weltmeeren die Handelswege der Alliierten stören zu können. Der Kaiser fürchtet, dass sein "liebstes Spielzeug" vernichtet werden könnte.

Stattdessen beginnt das Reich einen unbarmherzigen U-Bootkrieg auch gegen Passagierschiffe. Dem fallen auch zahlreiche US-amerikanische Zivilisten zum Opfer, was entscheidend dazu beiträgt, dass die USA im Jahr 1917 auf Seiten der Alliierten in den Krieg eintreten. "Damit war auch dem U-Boot Krieg kein Erfolg beschieden, da der Kriegseintritt der USA letztendlich über den Ausgang des Weltkriegs entschied", sagt Dirk Bönker. Die frischen US-amerikanischen Truppen sind zu viel für das kriegsgebeutelte Reich: Am 8. November 1918 bittet Deutschland um den Waffenstillstand.

Ende einer gigantischen Fehlinvestition

Revolution in Kiel 1918 Foto: picture-alliance/dpa Bild gross Revolution in Kiel 1918

Schon wenige Tage zuvor – am 1. November 1918 – hatten die Matrosen in Kiel gemeutert, weil sie sich nicht in einer letzten sinnlosen "Entscheidungsschlacht" verheizen lassen und "ehrvoll untergehen" wollten. Aus der Revolte erwuchs eine Revolution und am 9. November rief der SPD-Politiker Phillip Scheidemann vom Balkon der Berliner Reichskanzlei die Republik aus.

Und der Kaiser? Seine eigenen Matrosen jagten ihn noch am selben Tag vom Thron. Sieben Monate später versenkte sich die kaiserliche Hochseeflotte vor Scapa Flow selbst. Es ist das Ende der größten Fehlinvestition in der Geschichte des Deutschen Reichs.

Stand: 21.06.2009

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