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Mensch & Alltag
Hormonexperte Helmut Schatz im Interview
"Frühlingsgefühle sind keine Einbildung"
Der Frühling ist bald wieder da - und mit ihm die Zeit des Turtelns im Park und des Flirtens in der Fußgängerzone. Sonnenschein und Blumendüfte scheinen uns zu berauschen. Doch was passiert da eigentlich? Der Hormonmediziner Helmut Schatz über die Auslöser unserer Frühlingsgefühle.
ARD.de: Die Sonne scheint, die Knospen sprießen, es ist die Zeit der Liebe. Was ist tatsächlich dran an den sprichwörtlichen Frühlingsgefühlen?
Helmut Schatz: Die Frühlingsgefühle gibt es in der Tat. Sie sind nicht eingebildet, denn was auch immer wir fühlen, hat einen Grund. Die Frage ist nur, wodurch die Frühlingsgefühle zustande kommen. Dafür gibt es vielfältige Ursachen und auch Antworten. Im Allgemeinen lässt sich sagen: Im Frühling erwacht die Natur. Der Mensch ist Teil der Natur, also erwacht auch er.
Hormonmediziner Prof. Dr. Helmut SchatzViele führen den Stimmungsumschwung auf das bessere Wetter zurück – wie viel Einfluss hat die Sonne auf unser Gemüt?
Die Sonne besitzt einen sehr großen Einfluss auf uns. Ihre Leuchtkraft ist enorm. Denken Sie an einen Schlitz im Vorhang, durch den ein Sonnenstrahl in Ihr Schlafzimmer strömt. Seine Kraft ist viel gewaltiger als die des künstlichen Lichts. Im Frühling werden die Tage länger, die Sonne zeigt sich immer häufiger, die Vögel zwitschern. All das sorgt dafür, dass wir uns wohl fühlen und aktiver sind. Außerdem riecht man den Frühling. Der Mensch ist mehr duftgesteuert als bislang gedacht. Nicht umsonst gibt es das Gedicht von Eduard Mörike: "Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte, süße, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land." Was dieser Frühlingsduft mit uns macht, und wie er dies bewirkt, ist aber noch kaum erforscht. Das versuchen Duftforscher gerade heraus zu finden.
Was löst denn der Frühling in uns aus?
Um mit einem Klischee aufzuräumen: Eines ist sicher – es sind nicht die Sexualhormone. Viele Frauen in der so genannten zivilisierten Welt nehmen heute die Pille. Damit befinden sie sich hormonell ständig in einem Zustand ähnlich einer Schwangerschaft. Der Frühling könnte an ihren Sexualhormonen somit kaum etwas verändern. Und bei den Männern liegt der Testosteron-Gipfel des Jahres nicht im Frühling, sondern am Anfang des Sommers.
Bei den Naturvölkern des Nordens, wie den Inuit, spielen Sexualhormone im Frühling aber möglicherweise eine Rolle, viele Frauen haben während der kalten Jahreszeit keine Menstruation.
Die Sonne sorgt für unser Wohlbefinden: Im Frühling werden weniger Schlafhormone und mehr Glückshormone ausgeschüttet.Ja, das mag sein. Es ist sogar wahrscheinlich, dass es bei den Inuit ausgeprägtere und heute noch wirksamere Jahresrhythmen gibt als in der zivilisierten Welt. Doch dazu gibt es keine genauen, mir bekannten Studien.
Welche Hormone verschaffen uns denn das schöne Frühlingsgefühl, wenn es nicht die Sexualhormone sind?
Angeführt werden hier stets das Melatonin und zum anderen das Serotonin. Melatonin ist unser Schlafhormon. Es wird in der Zirbeldrüse im Gehirn gebildet und sorgt dafür, dass wir müde sind, wenn es dunkel ist. Melatonin ist also das Schlüsselelement der inneren Uhr des Menschen. Eine Studie hat belegt, dass wir im Winter 80 Prozent mehr Melatonin in unserem Körper haben, als im Sommer (A.L.Morera, Journal of Pineal Research, 2006).
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Es existiert also eine Verbindung zwischen der Dunkelheit und der Produktion von Melatonin: Wenn es dunkler ist, haben wir mehr Melatonin im Körper und fühlen uns schläfriger. Ist es heller, produziert die Zirbeldrüse weniger Melatonin und wir sind wacher und aktiver.
Und was hat es mit dem Serotonin auf sich?
Serotonin wird vermehrt im Frühling und im Sommer ausgeschüttet. Es ist unser Glückhormon, das lokal im Gehirn wirkt. Wenn wir etwas Süßes essen, steigt dessen Konzentration. Leider ist es im Gehirngewebe selbst praktisch nicht messbar. Dass wir im Frühling mehr Serotonin im Körper haben, liegt wahrscheinlich am Licht, vielleicht auch an der Wärme.
Angeblich ist der Frühling die beste Zeit, um schwanger zu werden ...
Das ist ein Ammenmärchen. Früher war das vielleicht so. Aber heute werden die meisten Kinder Ende August/ Anfang September – und in einer kurzen Phase um Weihnachten herum - gezeugt. Also nach dem Sommerurlaub und wenn es kuschelig warm unter dem Tannenbaum ist.
Trübe Herbststimmung und Winterblues sind das Gegenteil von Frühlingsgefühlen und Sommerlaune: Sind Dunkelheit und Kälte daran Schuld?
Im Frühling werden zwar viele Menschen aktiver, doch mehr Schwangere gibt es nicht - der Zeugungshöhepunkt ist später.Herbst und Winter sind die Zeit, wenn Murmeltiere ihren Winterschlaf halten und die Menschen früher in ihren Stuben blieben, um zu stricken. Es ist in der gesamten Natur so angelegt, während der kalten Jahreszeit weniger aktiv zu sein. Wir greifen in unseren Grundbiorhythmus ein, wenn wir in dieser Zeit in die Sonne fliegen. Anders sieht es aus, wenn jemand an Depressionen leidet. Russische Forscher haben herausgefunden, dass bei Depressiven die Melatonin-Produktion höher ist als bei Gesunden (K. V. Danilenko, Arctic Medicine Research, 1994). Das Ziel ist, das Melatonin im Körper der Erkrankten zu senken. Helfen können dabei zum Beispiel Lichtkammern mit einem außergewöhnlich hellen Licht von mindestens 2.000 bis zu 10.000 Lux – das ist etwa so hell wie das Licht von 2.000 bis 10.000 Kerzen.
Können wir uns denn auch zu anderen Jahreszeiten Frühlingsgefühle verschaffen?
Sicher, doch wir müssen nicht unbedingt versuchen, die Natur zu verändern und unseren Grundbiorhythmus umzukrempeln. Wenn wir ständig Last-Minute-Flüge in den Süden buchen, können wir die Frühlingsgefühle bei uns in Deutschland gar nicht mehr genießen. Außerdem wirkt der Frühling mit seinem Erwachen der Natur ungemein auf unsere Psyche. Denn wie Hermann Hesse so schön sagte: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne."
Das Interview führte Anja Hübner
Professor Helmut Schatz war Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Bergmannsheil der Ruhr-Universität und praktiziert seit seiner Emeritierung als niedergelassener Facharzt für Innere Medizin in Bochum. Sein Spezialgebiet ist die Endokrinologie, die Lehre von den Hormon- und Stoffwechselerkrankungen. Der Hormonmediziner ist außerdem Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.
Stand: 10.03.2010
