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23.05.2012

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Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

Einblicke in die Untiefen der Recyclingberge

"Auf Mülltrennung kann man getrost verzichten"

Rachel Schröder

Mülltrennung könnte längst der Vergangenheit angehören. Denn es gibt modernste Technologien zur maschinellen Mülltrennung. Trotzdem halten Entsorgungsunternehmen und Bundesregierung an dem aufwändigen Trennsystem fest. Ein Ausflug in die Welt des Recyclings.

Ballen aus Kunststoffflaschen Foto: ARD.de/Rachel Schröder

Der Boden ist matschig vom Regen, in der Luft hängt ein schwerer, süßlich vergorener Müllgeruch. Hier, im Industriegebiet von Worms, betreibt die Jakob Becker GmbH eine der vielen großen Sortieranlagen für Verpackungsmüll in Deutschland. 160 Tonnen Verpackungsabfälle werden jeden Tag sortiert. Tag und Nacht. Bis zu 35.000 Tonnen im Jahr.

Matthias Lettermann, Typ Bruce Willis, Anzug, Porschebrille, leitet den Betrieb. Auch sein Büro ist vom Müllgeruch durchzogen. Ihn scheint das nicht zu stören. "Wenn Sie eine Woche hier gearbeitet haben, riechen Sie das nicht mehr", erklärt der Leiter des Betriebs routiniert. "Die Kläranlage da drüben ist für unsere Nasen schlimmer." Durch die Fenster dringt der beharrlich schnurrende Lärm seiner Maschinen.

Ein Monstrum aus rot lackiertem Stahl

Die Deutschen gelten in der Branche als Sammelweltmeister, das Geschäft mit dem Verpackungsmüll ist lukrativ. Auch Lettermann wünscht sich deshalb vor allem Abfall. Den gibt es reichlich in der Halle nebenan. Ein Bagger wühlt sich durch einen Haufen Gelber Säcke. Daneben Container - für "Störstoffe", die da nicht hineingehören, erklärt Lettermann. Die Maschine, ein Monstrum aus rot lackiertem Stahl, arbeitet effizient. Sackaufreißer, Förderbänder, Aluminiumabscheider, Infrarotspektroskope, Siebe, Zahnräder und Schächte. Alles wird aufwändig nach Formen und Materialien sortiert. Ein einziger Mitarbeiter sortiert aus, was die Maschine übersehen hat. "In den frühen 90er-Jahren hatten wir 30 Mitarbeiter im Schichtbetrieb. Heute haben wir nur noch zwei. Das meiste erledigen die Maschinen", erläutert Lettermann.

Zahllose, zu bunten Ballen gepresste Kunststoff- und Metallreste warten auf dem Umschlagplatz hinter der Halle auf ihre Abholung. Mineralwasser- und Weichspülerflaschen, Aluminiumdeckel. Selbst der Restmüll ist noch zu etwas gut: Er wird als sogenannter Ersatzbrennstoff in Energie umgewandelt. Die noch brauchbaren Wertstoffe wandern von hier zur nächsten Firma, wo sie geschreddert und gesäubert werden. Bis aus Joghurtbechern Kugelschreiber und aus PET-Flaschen Fleecejacken geworden sind, wollen viele europäische und asiatische Unternehmen an den Materialien verdienen und liefern sich einen erbitterten Wettkampf. "Rosinenpickerei" heißt das Buhlen um wertvollen Abfall im Fachjargon.

Das Milliardengeschäft mit dem Müll

Zu Ballen gepresster Recyclingmüll Foto: ARD.de/Rachel Schröder Bild gross Kunst oder Kommerz? Bunte Metallreste, in handelsübliche Ballen verpackt

Das Duale System Deutschland und der Gelbe Sack sind in die Jahre gekommen und gelten längst als nicht mehr zeitgemäß. Weil vor allem Deponiestandorte fehlten und man irgendwie die Müllflut in den Griff kriegen wollte, ersann Umweltminister Töpfer zusammen mit Wirtschaftsverbänden Ende der 1980er-Jahre das Trennsystem mit dem Grünen Punkt. Die Idee: Verpackungshersteller und Lebensmittelkonzerne sollten dazu gebracht werden, an der Verpackung zu sparen. Was ursprünglich als Non-Profit-Unternehmen gedacht war, setzt heute jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro um. Allein 2009 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamts 5,7 Millionen Tonnen Verkaufsverpackungen inklusive Glas und Pappe vor den Haustüren abgeholt. Reduziert haben sich die Müllberge bis heute kaum.

Für das teure Entsorgungssystem müssen vor allem die Verbraucher aufkommen. Sie zahlen Müllgebühren für den Restmüll, finanzieren das Verpackungsmüllrecycling - und trennen, was das Zeug hält. Für die Recycling-Branche ist es die einzige Möglichkeit, an die wertvollen Stoffe heranzukommen. Den kompletten Hausabfall einfach als Ersatzbrennstoff zu nutzen, also zur Energiegewinnung zu verbrennen, sei dumm, erklärt ein Kunststoffexperte, der nicht namentlich genannt werden möchte. Wenn man zum Beispiel Joghurtbecher aus Polyethylen verbrenne, gewinne man zwar Energie aus dem Erdölanteil im Kunststoff. Doch der Rest der Energie, die in dem Becher steckt, werde dann verpulvert.

Wertvoller als Joghurtbecher: Staubsauger, Föne und Rasierer

Doch gerade das Thema Energiebilanz ist umstritten. Viele Wissenschaftler halten das Recyceln von Plastikverpackungen für viel zu aufwändig im Vergleich zur Verbrennung. Etwa Martin Faulstich von der TU München, der unter anderem Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung ist. Der viel beschäftigte Ingenieur hält durchaus mehrere Verwertungswege der Plastikverpackungen für sinnvoll. Denn "ob manche Kunststoffe zu Ersatzbrennstoffen werden oder ob sie recycelt werden, spielt keine große Rolle. Da ist die Ökobilanz relativ ausgeglichen", erklärt er. Eigentlich gehe es gar nicht so sehr um die Wiederverwertung von Kunststoff, sondern von strategischen Metallen und seltenen Erden, die im Elektroschrott stecken - etwa in Fönen, Handys und Rasierapparaten. Die Preise für die Metalle seien in den letzten Jahren massiv angestiegen. Und Hauptabbauland China lasse die Stoffe zum Teil schon jetzt nicht mehr außer Landes, weil man dort erst einmal den eigenen Bedarf decken wolle. Das habe zum Umdenken geführt, erklärt Faulstich. Hierzulande sorgt man sich jetzt nicht mehr nur um den Verpackungsmüll, dem der Gelbe Sack vorbehalten war, sondern um alle recycelbaren Materialien.

Beschlossene Sache: Ab 2015 kommt die Wertstofftonne

Elektroschrott: Alte Staubsauger Foto: picture-alliance/dpa

Die Bundesregierung hat daher im Oktober 2011 die Einführung der Wertstofftonne beschlossen. Darin sollen ab 2015 nicht nur Verpackungen, sondern auch kleinteiliger Elektroschrott, Spielzeug und alte Plastikeimer landen - alles, was außer Verpackungen noch verwertbar ist. Auch Bioabfall soll laut der Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes getrennt gesammelt werden. Es bleibt also bei der bunten Mülltonnensammlung im Hinterhof. Dabei ginge es sehr viel einfacher - meint zumindest Klaus Wiemer, einer der massivsten Gegner des Getrenntsammelsystems. Der promovierte Ingenieur und Leiter des Bereichs Abfallwirtschaft und Altlasten an der Universität Kassel betrachtet das Duale System als Geldmacherei auf Kosten der Verbraucher. "Je mehr verwertbare Abfälle vor den Haustüren abgefahren werden, desto mehr freut sich die Industrie" - zumindest dann, wenn nicht die Kommunen selbst, sondern die Privatwirtschaft für die Abfuhr sorge, denn dann können die Erlöse nicht an die Bürger zurückgegeben werden, etwa über eine Senkung der Müllgebühren.

Auch aus dem Restmüll können Wertstoffe recycelt werden

Seit vielen Jahren kämpft Wiemer für eine energetisch saubere Abfallwirtschaft. Er erzählt von Versuchen, bei denen selbst nasser Restmüll biologisch getrocknet und dann über moderne Förderbänder getrennt wurde. Und selbst nach der Müllverbrennung könne man noch wichtige Bestandteile recyceln. "Metalle etwa werden sozusagen blankgebrannt und können aus der Asche wiedergewonnen werden. Das ist ein Recycling-Vorgang der höchsten Güte und deshalb kann man auf die Getrenntsammelsysteme getrost verzichten." Doch die Privatwirtschaft hält nichts vom Ein-Tonnen-System und verweist auf die sogenannten Querkontaminationen, die auch hochentwickelte Maschinen manchmal nicht mehr entfernen können. Etwa PET-Flaschen, die im Restmüll mit Feuchtigkeit und Dreck zu einem unverwertbaren Gebilde verkleben.

Doch die Fakten sprechen für sich. So hat ein Modellversuch 2008 in Kassel gezeigt, dass es sehr wohl ohne den Trennmarathon zu Hause geht. Die hessische Kommune hat "nasse Tonnen" für Garten- und Küchenabfälle sowie "trockene Tonnen" für den gesamten Rest aufgestellt. Mit modernen Trennanlagen wurde der Müll entsprechend recycelt, während der nasse Abfall zur Energiegewinnung in Biogasanlagen diente. Doch umgesetzt hat man das vielversprechende System nicht. Zu viele Unternehmen verdienen ihr Geld mit dem Trennsystem. Erst wenn der Rohölpreis weiter ansteigt, so dass es sich rentiert, statt des schwarzen Brennstoffs Abfall zu verfeuern, dürfte Mülltrennung Geschichte sein.

Ihr Kommentar: Trennen Sie Müll?

 

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Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zu: ""Auf Mülltrennung kann man getrost verzichten"" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Jay | 13.01.2012 | 17.18 Uhr
Ich trenne bio, papier bzw. pappe und restmüll (plastik, dosen...)
GuterWille | 13.01.2012 | 17.06 Uhr
Ja.
Papier, Glas, gelber Müll (Verpackungen mit dem grünen Punkt) und Restmüll.
Und ich versuche (etwas, nicht genügend!) Verpackungen zu vermeiden, einzusparen, bei loser Ware alte von zuhause mitzubringen.
Igor | 13.01.2012 | 16.54 Uhr
Ja ! Besonders die orangene Tonne hat sich als praktisch erwiesen, inhaltlich wertvoll empfinden wir die braune und die blaue. Leider gibts bei uns zu wenig blaue Papiertonnen.

Stand: 13.01.2012

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