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Deutsche Kolonialpolitik
Fatale Gier nach Weltgeltung
von Georg Wendt
"Wer soll den ganzen Kaffee trinken?" - spottete angeblich Otto von Bismarck über die Forderung, das Deutsche Kaiserreich brauche Kolonien. Am 24. April 1884 erklärte der Kanzler dennoch erstmals mit Teilen des heutigen Namibias ein Territorium zur deutschen Kolonie. Eine Politik mit fatalen Folgen für die Einheimischen - aber auch für das Reich.
Die deutsche Kolonialgeschichte begann mit einem handfesten Betrug: Am 1. Mai 1883 erwarb der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz die Angra-Pequana-Bucht im heutigen Namibia. Nur 200 alte Gewehre und 100 Englische Pfund verlangten die ansässigen Nama für den staubtrockenen Küstenstreifen. Dazu kaufte Lüderitz fünf Meilen Hinterland, weil er hoffte, dort wertvolles Kupfer zu finden. Allerdings verschwieg der verschlagene Kaufmann, dass er die fünfmal längere deutsche und nicht die den Nama bekannte englische Meile meinte. Damit reichte das Territorium statt sieben plötzlich 37 Kilometer ins Hinterland hinein. Als der Schwindel aufflog, mussten die militärisch unterlegenen Nama den Betrug zähneknirschend billigen.
Die neuen Lüderitzschen Besitzungen gerieten jedoch bald in Gefahr. Anfang 1884 erhoben die Briten, die schon 100 Jahren zuvor das benachbarten Südafrika erobert hatten, Anspruch auf alle namibischen Territorien - inklusive der frisch umbenannten "Lüderitzbucht". In dieser Situation wandte sich Lüderitz an das deutsche Außenministerium: Das Reich sollte die Lüderitzschen Besitzungen offiziell unter deutschen Schutz stellen - als erste Kolonie des Kaiserreichs.
Bismarcks Kehrtwende
Begeisterungsstürme dürfte dies in der deutschen Regierung nicht ausgelöst haben. Der amtierende Kanzler Otto von Bismarck war entschiedener Gegner einer Kolonialpolitik. Seit der Reichseinigung 1871 hatte sich der "Eiserne Kanzler" als Schlichter zwischen den europäischen Großmächten - also dem britischen Imperium, Frankreich und Russland - versucht. Bismarck befürchtete, dass mit Kolonien das Deutsche Kaiserreich in die Machtgeplänkel dieser imperialistischen Staaten hineingezogen werden würde.
Beginn Texteinschub
Die imperialistischen Staaten der Jahrhundertwende strebten danach, ihren Einfluss wirtschaftlich, politisch und kulturell auf andere Länder und Völker auszuweiten. Vor allem das britische, französische, deutsche und russische Weltreich stritten sich um die Kolonien in Afrika und Asien. Das Streben nach der Weltherrschaft trug auch zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs bei.
Prof. Dr. Andreas Eckert, Historiker und Afrikaexperte an der Humboldt Universität Berlin, hat intensiv untersucht, warum das Reich doch noch in das Wettrennen um die Kolonien einstieg. Er hat Zweifel an der populären These, die besagt, dass Bismarck nur handelte, um seine Position innenpolitisch vor den Reichstagswahlen im Oktober 1884 zu stärken. Wahrscheinlich spielte die Außenpolitik ebenfalls eine wichtige Rolle: "Da nun alle wichtigen Mächte sich anschickten, Kolonien zu erobern, sollte auch das Deutsche Reich nicht zurückstehen". Was auch immer Bismarck letzten Endes dazu bewogen haben mag: An diesem Tag - dem 24. April 1884 - begann die Ära deutscher Kolonialpolitik, die schließlich in eine fatale Gier nach Weltgeltung, in imperialistisches Großmachtstreben gipfelte.
Wo die Sonne niemals untergeht
Nach englischem Vorbild begründete das Deutsche Reich von da an so genannte Schutzgebiete in Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia), Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika (Tansania, Ruanda und Burundi), Deutsch-Neuguinea (unter anderem Teile Papua Neuguineas, Salomonen und große Teile Mikronesiens) und pachtete 1898 das Gebiet Kiautschou in Ostchina. Schließlich war das gesamte Kolonialreich sechsmal größer als das eigentliche "Mutterland" und erstreckte sich über den halben Planeten. Wenn der Kaiser im Berliner Stadtschloss gegen 21 Uhr zu Bett ging, stand für den Gouverneur von Deutsch-Neuguinea in Madang längst das Frühstück bereit: Im deutschen Kolonialreich schien die Sonne niemals unterzugehen.
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Stand: 23.04.2009
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