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23.05.2012

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Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

Deutsche Kolonialpolitik

Kein Platz an der Sonne

von Georg Wendt

Die Gier nach neuen Kolonien nährte im Deutschen Kaiserreich eine kleine, aber recht wirkungsvoll agierende Lobby: "Die Kolonialvereine - bestehend aus Publizisten, Ökonomen, Politikern und Militärs - spielten sicherlich eine wichtige Rolle, das koloniale Engagement der deutschen Regierung zu forcieren", so Prof. Dr. Andreas Eckert. Wie der Bremer Kaufmann Lüderitz träumten einige von ihnen von gigantischen Rohstoffquellen in den Kolonien. Andere wollten den Emigrationsstrom nach Amerika in die neuen Schutzgebiete umlenken. Zu den Kolonialbegeisterten gehörten aber auch rassistische und nationalistische Theoretiker wie der Afrikaforscher Carl Peters, die neuen Lebensraum für das deutsche Volk verlangten.

Im Deutschen Kaiserreich begeisterte diese Gier nach Weltgeltung immer mehr Bürger und Politiker. Reichskanzler Bernhard von Bülow, einer der vielen Nachfolger Bismarcks, forderte 1897 vor dem Reichstag: "Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne". Eine Formel, die laut Eckert auch die Meinung vieler Reichsbürger repräsentierte: "Für die große Mehrzahl der Deutschen war Kolonialbesitz ein legitimer Indikator einer Großmacht". Ein Status, den besonders Kaiser Wilhelm II. - ein prestigesüchtiger Militarist - in seiner Regierungszeit von 1888 bis 1918 für das Reich einforderte.

Koloniale Popkultur mit bitterem Beigeschmack

Kolonialwarenladen anno 1951 Foto: picture-alliance/dpa Bild gross Kolonialwarenladen

Aus dieser Leidenschaft entfaltete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine starke Populärkultur rund um die Kolonien. In Berlin feierten die oberen Zehntausend rauschende Afrikafeste. In Hamburg strömten Massen in die Völkerschau von Tierhändler Carl Hagenbeck, eine Art Zoo mit Menschen aus den exotischsten Teilen der Welt. Und deutschlandweit probierten die Bürger fremdartige Früchte und Nüsse aus den Kolonialwarenläden.

Diese fast kindliche Faszination hatte aber einen bitteren Beigeschmack: "Völkerschauen, Feste und Afrikaromane porträtierten keine fremde Kultur, sondern verbreiteten rassistische Stereotype fern der Wirklichkeit", sagt Prof. Dr. Andreas Eckert, "und die Brutalität gegen die Koloniebewohner könnte auf das Gewaltpotenzial der Deutschen gegenüber Fremden und vermeintlich Minderwertigen rückgewirkt haben". Der Rassismus der Kolonialbewegung wird so auch für die gesellschaftliche Akzeptanz für faschistische Ideologien verantwortlich gemacht - Adolf Hitler berief sich in "Mein Kampf" auf Kolonialtheoretiker und konnte 1933 auf eine breite Unterstützung der Kolonialvereine bauen.

Blutiger Weg in die Isolation

Aber auch innerhalb der Kolonialzeit, die mit dem Verlust aller Gebiete im Versailler Vertrag 1919 endete, fiel die Bilanz verheerend aus. Wirtschaftlich blieben beinahe alle deutschen Schutzgebiete subventionsabhängig, und politisch isolierte das permanent barsche Auftreten Kaiser Wilhelms II. in Kolonialfragen das Deutsche Reich. Die Folge: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stand das Deutsche Reich fast ohne Verbündete da. Zudem führte das aggressive und herablassende Verhalten der Deutschen gegenüber den Koloniebewohnern zu blutigen Konflikten. Als sich die Völker der Herero und Nama ab 1904 gegen die Fremdherrschaft in Deutsch-Südwestafrika erhoben, vertrieben und töteten kaiserliche Truppen zehntausende Einheimische oder internierten sie in Konzentrationslagern. Es ist bezeichnend, dass es in gerade jenem Schutzgebiet geschah, in dem Carl Lüderitz die Einheimischen beim Kauf der Angra-Pequana-Bucht 21 Jahre zuvor so schamlos betrogen hatte.

Stand: 23.04.2009

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