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23.05.2012

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Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

2. Teil der Serie zur "Falling Walls"-Konferenz

Dem Mitleid auf der Spur

Alice Lanzke

Die Fähigkeit zur Empathie gehört zu den grundlegendsten menschlichen Eigenschaften. Doch was passiert dabei eigentlich in unserem Gehirn und kann man diese Fähigkeit trainieren? Fragen, denen die Neuropsychologin Tania Singer auf der Spur ist.

Logo der Wissenschaftskonferenz "Falling Walls" Foto: Falling Walls Foundation

Warum leiden wir förmlich mit, wenn wir sehen, dass sich jemand die Hand in der Autotür einklemmt? Warum empfinden wir unweigerlich Mitleid, wenn wir in den Nachrichten Menschen auf Haiti sehen, die alles verloren haben? Grundlage für unsere spontanen Reaktionen ist Empathie - die Fähigkeit zum Einfühlen und Nachempfinden der Erlebnisse und Gefühle anderer. Durch sie können wir menschliche Beziehungen aufbauen und erhalten. Sie ist eine Voraussetzung für moralisches Handeln und wird bereits von Kleinkindern an den Tag gelegt. Obwohl Empathie zu den grundlegenden menschlichen Eigenschaften gehört, wissen wir doch recht wenig darüber, warum wir eigentlich über die Fähigkeit zum Nachfühlen verfügen. Was passiert dabei im Gehirn und gibt es eine Grenze für Empathie, die man nicht überschreiten sollte? Lässt sich das Einfühlen in andere vielleicht sogar trainieren? Fragen, denen die Neuropsychologin Tania Singer nachgeht. Ihre zum Teil erstaunlichen Forschungsergebnisse präsentierte sie bei der Wissenschaftskonferenz "Falling Walls" am 9. November in Berlin.

Der kleine, große Unterschied

Um der Empathie auf die Spur zu kommen, wirft sie mit Kernspin-Tomografen einen Blick in die Hirne von Testpersonen, die sie Situationen aussetzt, in denen man typischerweise empathisch reagiert. So beobachtete sie etwa, was im Gehirn eines Menschen passiert, dessen Partner einen Stromstoß in die Hand bekommt. Die Partner wussten vorher, wen es als nächstes treffen würde. Nach einiger Zeit konnte Singer mit ihrem Team eine lange gehegte Vermutung bestätigen: So wurden bei der Versuchsperson, die physisch keinen Schmerz empfand, die selben Hirnregionen aktiv, wie bei dem Partner, der gerade einen Stromstoß bekam. Mitleid lässt Menschen also im wahrsten Sinne des Wortes mitleiden.

Doch Singer fand noch mehr heraus: So wandelte sie den gleichen Versuch ab, indem sie ihn mit mehreren Teilnehmern durchführte, die zuvor ein Spiel mit festgelegten Rollen spielen mussten. Einige mussten sich dabei immer fair verhalten, andere besonders fies spielen. Danach bekamen die Teilnehmer wieder Stromstöße in die Hand, per Kernspin-Tomograf wurden die Hirnaktivitäten überwacht. Das Ergebnis: Während Männer nur Empathie mit den Spielern empfanden, die vorher fair gespielt hatten, litten Frauen mit allen mit – wenn auch in schwächerem Maße mit den unfairen Spielern.

Mönche als Probanden

Illustration: Grafische Kurven, die zu einem Gehirn führen, Logo der "Falling Walls"-Wissenschaftskonferenz Foto: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften/Falling Walls Foundation/ Montage: ARD.de Der Empathie auf der Spur: Was passiert dabei im Gehirn?

Wichtig für Tania Singer ist in ihrer Forschung die Unterscheidung zwischen Empathie und Mitgefühl: Empathie sei die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen – sie berge aber die Gefahr, sich das Leid eines anderen zu sehr zu eigen zu machen und die sichere Distanz zu verlieren. Mitgefühl hingegen sei eine positive Emotion, die die Sorge um andere umfasse und eine Motivation zum Handeln beinhalte. Buddhistische Mönche üben sich oft jahrelang darin, ihr Mitgefühl zu stärken – und sind damit ideale Testpersonen für Singer. Die Neuropsychologin fand heraus, dass derart geschulte Mönche tatsächlich in der Lage sind, Mitgefühl auf Kommando abzurufen und dabei sogar die Stärke des Mitgefühls zu steuern.

Im Anschluss ließ Singer Probanden über einen kurzen Zeitraum die gleichen Trainingsmethoden wie die buddhistischen Mönche anwenden und untersuchte danach, ob sie ebenfalls in der Lage waren, Mitgefühl auf Kommando zu empfinden. Ihr Ergebnis: Schon nach kurzer Zeit konnten die Testkandidaten gesteigerte Aktivitäten in den entsprechenden Hirnregionen vorweisen. Mit anderen Worten: Die Fähigkeit zur Empathie und damit auch zum Mitgefühl sind trainierbar. Langfristig will Singer so ein Training für jeden entwickeln, das etwa in der Schule oder bei der Lösung von Konflikten helfen könnte.

Stand: 26.11.2010

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