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Mensch & Alltag
Rechtsmedizinerin Saskia Guddat im Interview
"Wir jagen nachts keine Verdächtigen"
Fernsehserien wie "Quincy" oder "CSI" beweisen, dass Forensik für viele Menschen ein spannendes Thema ist. Was diese Arbeit wirklich ausmacht, verrät Rechtsmedizinerin Saskia Guddat im Interview mit ARD.de.
Mit 28 Jahren ist Dr. Saskia Guddat eine der jüngsten Ärzte der Berliner Charité. Hier macht sie seit 2,5 Jahren ihre Facharzt-Ausbildung am Institut für Rechtsmedizin, das gerade gemeinsam mit dem Medizinhistorischen Museum in Berlin die Ausstellung "Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf" zeigt. Die Schau, die Guddat mitkonzipiert hat, ist für sie Gelegenheit, die Forensik in ihrer ganzen Bandbreite darzustellen.
ARD.de: Frau Dr. Guddat, Serien über Rechtsmediziner wie "CSI", "Crossing Jordan" oder vor Jahren schon "Quincy" sind große Fernseherfolge: Wie erklären Sie sich das Interesse der Menschen an der Forensik?
Guddat: Ich denke, dass die Faszination, die unser Beruf ausübt, damit zu tun hat, dass der Tod in unserer Gesellschaft kaum noch sichtbar ist. Sterbende kommen ins Krankenhaus. Es gibt keine offenen Särge mehr. Dadurch ist der Tod zu etwas Unbekanntem geworden - der wie alles Fremde fasziniert. Dazu kommt natürlich, dass die Fälle, die wir behandeln, und hier vor allem die ungelösten Todesfälle, sehr interessant sind.
Bekommen Sie denn den Erfolg der Serien bei sich am Institut mit?
Ja, in jedem Fall. Wir merken das daran, dass sich bei uns immer mehr Menschen bewerben, darunter sehr viele, die gar keine Mediziner sind, sondern unsere Arbeit nur aus dem Fernsehen kennen. Das sind dann so skurrile Fälle wie der eines Tierpflegers, der sich überlegt hat, nun gerne Forensiker zu werden. Dabei wissen die wenigsten, dass man dafür erst einmal mindestens sechs Jahre Medizin studieren und dann auch noch eine fünfjährige Facharztausbildung machen muss ...
Welche falschen Vorstellungen haben die Serien denn noch geweckt?
Das fängt schon bei der Berufsbezeichnung an: In den Serien werden die Forensiker oft als Pathologen bezeichnet - was eigentlich ein Übersetzungsfehler ist. In Deutschland führen Pathologen zwar auch Obduktionen durch, allerdings nur bei natürlichen Toden, während der Rechtsmediziner für die unklaren Fälle zuständig ist. Diese Trennung ist sogar gesetzlich geregelt. In den USA wird dagegen zwischen dem "clinical pathologist" und dem "forensic pathologist" unterschieden.
Dann stimmt es sicher auch nicht, dass sich Rechtsmediziner wilde Verfolgungsjagden mit Verdächtigen liefern?
Nein, in den Fernsehserien wird unser Berufsbild einfach falsch dargestellt. Wir rennen nicht aus dem Sektionssaal mitten in der Nacht zum Haus des Verdächtigen, um eigene Ermittlungen anzustellen. Ich habe auch genug Opfer von Tötungsdelikten gesehen, bei denen ich sicherlich nicht im Dunkeln den Verdächtigen jagen möchte. Genauso unrealistisch ist die Ausrüstung und Vorgehensweise der Fernsehforensiker: Sie tragen oft Schutzanzüge, die aussehen, als ob sie für einen Astronauten entwickelt worden seien - dabei birgt die dargestellte Todesursache kein Infektionsrisiko. Auf der anderen Seite wird oft gezeigt, dass eine Leiche ohne Handschuhe untersucht wird - in Zeiten von HIV und Hepatitis absolut undenkbar.
Heißt das dann, dass Sie in Ihrer Arbeit eigentlich gar keinen Kontakt zu den Tätern haben?
Nein, das stimmt auch nicht: In manchen Fällen führt uns die Polizei einen Täter vor, damit wir Rechtsmediziner herausfinden, ob er vom Opfer verletzt wurde. In solchen Situationen sind wir allerdings nicht allein mit dem Täter, sondern haben Polizeibeamte an unserer Seite. Generell ist dieses Bild, dass wir nur mit Leichen arbeiten, falsch - zum Beispiel, wenn wir Gutachten bei Kunstfehlern erstellen. Da muss der Geschädigte ja nicht tot sein.
Was sind denn überhaupt die Aufgabenbereiche der Rechtsmedizin neben der Arbeit im Sektionssaal?
Das ist ja nur ein Ausschnitt unserer Arbeit und schon dieser ist schon enorm vielfältig. Allgemein kann man sagen, dass wir im Sektionssaal ungeklärte Todesfälle untersuchen: Das können genauso Opfer von Tötungsdelikten wie von Kunstfehlern sein. Bei Verbrechen untersuchen wir, welche Verletzungen vorliegen und was man daraus über den Tathergang sagen kann. Bei anderen Fällen versuchen wir zu klären, ob ein Suizid wirklich ein Selbstmord war oder nachgeholfen wurde oder ob eine Brandleiche schon vor dem Feuer tot war. In der klinischen Rechtsmedizin unterstützen wir mit unserer Arbeit die Ermittler und vermitteln dem Gericht die Ergebnisse unserer Untersuchungen in einer verständlichen Art und Weise. Daneben gibt es eben noch den Gutachter-Bereich, dann natürlich die Forschung und die Lehre: So lernen Medizinstudenten bei Rechtsmedizinern die ärztliche Leichenschau. Insgesamt also eine unglaubliche Bandbreite - deswegen ist die Arbeit ja so spannend.
Man merkt, dass Sie von Ihrem Beruf begeistert sind - warum haben Sie sich dafür entschieden?
Ich fand die Arbeit schon immer unheimlich interessant und nach einem Schülerpraktikum mit 15 habe ich mich dann entschlossen, Medizin zu studieren, um dann meinen Facharzt für Rechtsmedizin zu machen. In dem Beruf stellen sich einfach jeden Tag neue Herausforderungen, es gibt ständig neue Fälle.
Über einige dieser Fälle kann man sich nun auch als Laie informieren - in der Ausstellung "Vom Tatort ins Labor" im Berliner Medizinhistorischen Museum, die Sie mitkonzipiert haben. Was ist die Idee hinter der Schau?
Wir wollen den Menschen zeigen, wie die Arbeit der Rechtsmediziner wirklich aussieht, in welchen Bereichen wir arbeiten und was die Unterschiede zum Fernsehen sind. Die Ausstellung ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten präsentieren wir den Besuchern den fiktiven Fall der Anna M., der aber auf verschiedenen realen Fällen basiert. Dabei beginnen wir mit einem nachgestellten Tatort - denn damit fängt unsere Arbeit tatsächlich oft an. Von da geht es zum Sektionstisch, ins Labor und schließlich vor Gericht. Im zweiten Teil der Ausstellung beleuchten wir die neun häufigsten nicht-natürlichen Todesursachen wie zum Beispiel Erhängen, Gift oder Strom ...
Dieser Teil der Ausstellung ist auch sehr explizit illustriert, manche Besucher würden die Bilder vielleicht sogar drastisch nennen ....
Wir haben sehr darauf geachtet, bei den Bildern nur Ausschnitte zu zeigen, die Befunde sollen im Vordergrund stehen. Außerdem ist die Schau nur für Besucher über 16 Jahren.
Die Ausstellung läuft ja bereits seit 6. März - haben Sie bereits Resonanz bekommen?
Ja, die Rückmeldungen kommen genauso von Leuten, die die Ausstellung sehr schockierend fanden, wie von solchen, die sie sich noch expliziter gewünscht hätten. Generell ist das Besucherinteresse überwältigend und übertrifft alles, was wir erwartet hätten. Ich wusste ja schon, dass das Thema die Öffentlichkeit interessiert - aber mit solchen Besucherströmen hätte ich nie gerechnet.
Kommen wir noch einmal zurück zu den Bildern: Wie verarbeiten Sie selbst, was Sie während Ihrer Arbeit sehen?
Ich denke, dass die Menschen, die sich entschließen, in die Rechtsmedizin zu gehen, da von vornherein eine gewisse Distanz haben.
Natürlich gibt es immer wieder Fälle, die einen berühren, aber mit den Jahren entwickelt man eine Methodik, um besser damit umzugehen.
Welche Methoden haben Sie da?
Ich mache zum Beispiel Sport. Alternativ funktioniert auch immer eine Riesenpackung Eis mit einem großen Löffel. Ich glaube, dass es leichter ist, wenn man selbst die Obduktion durchführt, anstatt nur zuzusehen. Außerdem sage ich mir, dass, wenn ich meine Arbeit gut mache, der Verursacher zur Rechenschaft gezogen werden kann.
Frau Dr. Guddat, letzte Frage: Sehen Sie sich eigentlich selbst die gerade so beliebten Serien über Rechtsmediziner an?
(lacht) Nein, die schaue ich mir nicht an. Privat bevorzuge ich leichtere, humorvolle Unterhaltung. Da bin ich eher ein Fan klassischer Frauenserien wie "Sex and the City" oder ab und an auch "Desperate Housewives".
Das Interview führte Alice Lanzke.
Stand: 25.03.2009




