Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Weitere ARD Online-Angebote.

23.05.2012

Wir sind eins. ARD
Das Logo von ARD.de

http://www.ard.de/-/id=1616806/z43x5j/index.html

Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

Die Scham - eine wichtige, kaum beachtete Emotion

Warum wir uns schämen und warum das gut ist

Scham lässt uns erröten oder sprichwörtlich im Boden versinken. Und wenn andere Menschen schamlos handeln, berührt uns das unangenehm. Dennoch hat dieses Gefühl eine wichtige Funktion. Was genau dahinter steckt, erklärt Sozialwissenschaftler Stephan Marks im ARD.de-Interview.

ARD.de: Warum ist es wichtig, über Scham zu sprechen?

Stephan Marks mit aufgestützten, gefalteten Händen Foto: Stephan Marks Stephan Marks: Sozialwissenschaftler, Buchautor und Fortbildner

Stephan Marks: Weil Scham eine der wichtigsten Emotionen überhaupt ist, eine Emotion, die zwischen Menschen immer wieder auftaucht und erstaunlicherweise bisher kaum beachtet wird. Da haben wir ganz großen Nachholbedarf. Wir sprechen über alle möglichen Emotionen, aber über Scham bisher kaum.

ARD.de: Wie kommt das?

Im Falle Deutschlands habe ich den Eindruck, dass es auch damit zu tun hat, dass aufgrund unserer Geschichte in den Deutschen sehr viel Scham ist,und es daher Grund gibt, sie abzuwehren, sie wegzudrängen und statt dessen über andere Themen zu sprechen. Wie sich das Schamgefühl eines jeden Menschen ausgestaltet, das hängt von der individuellen Geschichte ab.

ARD.de: Wie entsteht das Schamgefühl beim Menschen?

Das Gefühl gehört zur Grundausstattung des Menschen, es gehört zur menschlichen Natur. Im eigentlichen Sinne beginnt Scham, sich in der Mitte des zweiten Lebensjahres zu entwickeln. Wenn das heranwachsende Kind die Fähigkeit zur objektiven Selbsterkenntnis entwickelt, es plötzlich fähig ist, auf sich selbst zu schauen und zu bemerken: dieser Mensch bin ich also.

Diesen Blick auf sich selbst, den haben Tiere nicht, den haben auch wir Menschen vor diesem Lebensalter nicht. Metaphorisch ist dieser Schritt in der Paradiesszene in der Bibel beschrieben. Adam und Eva waren nackt, aßen eine Frucht vom Baum der Erkenntnis und dann bemerkten sie, dass sie nackt waren. Das waren sie vorher schon, aber erst jetzt waren sie fähig, dies zu erkennen.

Wahrgenommen wird oft nur die schmerzhafte Seite von Scham, das unangenehme Gefühl, wenn wir im Boden versinken möchten, wir uns schamlos finden. Doch tatsächlich hat sie auch positive Aufgaben.


Beginn Texteinschub
Zur Person Dr. Stephan Marks ist Sozialwissenschaftler, Supervisor und Fortbildner. Er leitet Fortbildungen zum Thema Menschenwürde und Scham, vorwiegend in Deutschland und Lateinamerika. Zielgruppen seiner Fortbildungen sind u.a. Lehrer, Pflegekräfte, Berater und Supervisoren. Veröffentlichungen u.a.:. Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des Nationalsozialismus' (Patmos Verlag 2007). Scham – die tabuisierte Emotion (Patmos Verlag 2009, 2. Auflage). Die Würde des Menschen oder Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft (Gütersloher Verlagshaus 2010).
Ende Texteinschub

ARD.de: Welche positiven Aufgaben sind das?

Scham sorgt beispielsweise dafür, dass wir unseren Körper und unser Gefühlsleben schützen. Dass wir je nach Situation überlegen, was wir von uns zeigen, welche Erfahrungen, welche Gefühle, welche Fantasien - und welche wir lieber verbergen. So würde ich in einem Interview weniger Persönliches zeigen als etwa in einem Gespräch mit einem Freund.

Schamgefühle bleiben zurück, wenn wir unsere persönliche Grenze nicht beachtet haben oder wenn diese von anderen verletzt wurde. Etwa wenn wir in einer Situation zu viel Persönliches oder gar Intimes gezeigt haben, dann schämen wir uns im Nachhinein. Diese Schamerfahrung sorgt in der Zukunft dafür, dass wir mehr darauf achten, wie viel wir von uns preisgeben. Ein Extremfall von Grenzverletzung ist es, missbraucht oder gefoltert zu werden - dann bleiben bei den Opfern häufig Schamgefühle zurück. Das ist die schützende Funktion der so genannten Intimitätsscham.

ARD.de: Welche weiteren Schamformen gibt es?

Bei der zweiten Schamform geht es um die Anpassung oder Zugehörigkeit. Wie muss ich mich verhalten, wie muss ich auftreten, wie muss ich mich kleiden, um nicht als komisch oder verrückt ausgegrenzt zu werden? Ein banales Beispiel: Wir würden nicht mit dem Bademantel ins Konzert gehen, wir würden aber auch nicht mit Smoking und Fliege in die Badeanstalt gehen. Das geschieht weitgehend automatisch, weil wir es gelernt haben.

Die Scham, nicht mehr dazuzugehören, ist z.B. die Scham der Armen, die den herrschenden Werten wie Reichtum und Erfolg nicht gerecht werden können. Es ist die Scham der Analphabeten, der Schwachen oder der Übergewichtigen.

Die dritte Schamform ist das, was ich moralische Scham oder Gewissensscham nenne. Hier geht es nicht um den Blick, die Erwartungen der anderen, sondern um den eigenen Blick auf sich selbst: Wie muss ich handeln, damit ich mir morgen noch im Spiegel in die Augen schauen kann? Hier geht es darum, dass wir unseren eigenen Werten und Überzeugungen treu bleiben. Wenn wir diese verletzt haben und schuldig geworden sind, dann bleiben Schamgefühle zurück. Diese bewegen uns zu Reue und Veränderung bewegen. Wir gehen auf den Menschen, den wir geschädigt haben zu, bitten um Entschuldigung und bieten Wiedergutmachung an. Es kann aber auch passieren, dass die Scham so übermächtig ist, dass der Betroffene sozusagen darin ertrinkt. Um ein extremes Beispiel zu geben: Seit Ende des Vietnamkrieges haben mehr US-Kriegsveteranen ihr Leben durch Suizid verloren als im Krieg gefallen waren. Das zeigt, wie massiv die Scham über das eigene Handeln sein kann.

Galerie PiktogrammBildergalerie: Die Formen der Scham

Illustration einer sich schämenden Frau Foto: ARD.de

Über die Scham wird kaum geredet, auch in der Wissenschaft gehört sie zu den weniger erforschten Emotionen. Der Sozialwissenschaftler Stephan Marks will mit diesem Tabu aufräumen: Er hat sie untersucht und fünf Formen der Scham identifiziert. [galerie]

ARD.de: Was steckt hinter der Schamlosigkeit vieler Menschen heute?

Interessanterweise wird oft gedacht, dass schamlose Menschen solche sind, die keine Scham mehr empfinden. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die regulierende Funktion der Scham funktioniert häufig dann nicht mehr, wenn Menschen zu viel Scham haben. Zum Beispiel ist bei Kindern, die sexuell oder emotional massiv missbraucht, erniedrigt oder gedemütigt wurden, häufig zu beobachten, dass sie im weiteren Leben diese Regulierung kaum mehr schaffen. Sie können nicht mehr klar abgrenzen, wie viel sie von sich zeigen wollen. Es existiert ein pathologisches Übermaß an Scham.

Ein Beispiel, um es zu demonstrieren: Es gibt manchmal Punks, die offensiv ihre Hässlichkeit, ihre Nicht-Dazugehörigkeit demonstrieren, so dass man vorbeigeht und eigentlich nur angewidert sein kann. Dahinter stecken häufig ganz tiefe Schamgefühle. Oft sind das junge Menschen, die in ihren Familien massiv ausgegrenzt und erniedrigt wurden und jetzt - sozusagen überhöht - nach außen demonstieren: "Ich habe keine Scham, ich brauche keine Scham, ich bin frei." Im Grunde tragen sie eine Maske, die verbergen soll, dass sie voller Schamgefühle sind.

ARD.de: Der Psychologe Wolfgang Hantel-Quitmann meint, dass in Deutschland eine Kultur der Schamlosigkeit herrscht. Inwieweit leben wir heute in einer schamlosen Zeit?

Wir haben das Bewusstsein für die positive, regulierende Funktion der Scham verloren. Schauen wir beispielsweise in die Medien: Es gibt viele Fernsehshows, die Menschen geradezu vorführen, indem ihre Schamgrenzen überschritten werden. Es werden Menschen gezeigt, die ihre Schamgrenzen nicht mehr regulieren können. Dies ist inszenierte Schamlosigkeit - Scham als Korrektiv ist völlig außer Kraft gesetzt.

ARD.de: Sie schreiben in Ihrem Buch "Scham - eine tabuisierte Emotion", dass an Schulen Beschämungen und Demütigungen an der Tagesordnung sind. Wie geht unsere Gesellschaft damit um?

Wir nehmen einfach nicht zur Kenntnis, dass die Schule oft ein Ort der Demütigung ist. Die Lehrer werden gedemütigt, die Schüler werden gedemütigt und demütigen sich untereinander. Für unser Bildungssystem ist das natürlich katastrophal. Wenn bildungspolitisch diskutiert wird, dann geht es oft um Zahlen, um Lehrpläne usw. Das ist wichtig, aber dass die Schule ein Ort ist, wo die Menschenwürde von Lehrern und Schülern oft nicht geachtet wird, an dieser Kernfrage mogeln wir uns seit Jahrzehnten vorbei. Ich halte es für dringend notwendig, dass wir darauf hinarbeiten, dass die Schule zu einem Ort der Menschenwürde wird. Dann kann auch Lernen und Lehren gelingen.

ARD.de: Was sollte sich an unseren Schulen konkret ändern?

Es geht einerseits nicht an, dass die Öffentlichkeit, die Medien und viele Politiker die Lehrer entwürdigen. So hat z.B. Günther Oettinger in seiner Zeit als baden-württembergischer Ministerpräsident die Lehrer in der Öffentlichkeit als faule Säcke und faule Hunde bezeichnet. Das ist das eine. Für Lehrer selbst ist es wichtig, dass sie ihre eigenen Schamerfahrungen aufarbeiten. Immer und immer wieder wird in Schulen - speziell in Deutschland - mit Beschämung, Erniedrigung und Bloßstellung unterrichtet, um die Klassen so besser zu kontrollieren. Damit besteht eine Art transgenerationaler Teufelskreis, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Die Mechanismen von Scham, Beschämung und Menschenwürde müssen unbedingt Teil der Lehrerausbildung werden. Bisher ist ist dies nicht der Fall. Wir müssen Orte schaffen, wo Lehrer ihre eigenen Prägungen durch beschämenden Schulunterricht reflektieren und aufarbeiten können, so dass sie dann selbst einen anderen Unterricht praktizieren können.

ARD.de: Wie kann ich als Person konstruktiv mit Scham umgehen?

Grundsätzlich geht es darum, andere Menschen zu akzeptieren, wie sie sind und sie nicht zu beschämen. Wie oft passiert es mir auf der Autobahn, dass hinter mir ein anderer Autofahrer blinkt und hupt, weil ich - seiner Ansicht nach - nicht schnell genug fahre. Eine französische Journalistin schreib einmal: "Wir nehmen den Deutschen nicht übel, dass sie Mercedes fahren, sondern wie sie fahren." Damit will ich diese bestimmte Art von Arroganz verdeutlichen, die häufig in unserem Land zu finden ist. Besser ist: Freundlich sein, höflich sein, respektvoll sein und eben nicht gleich Stinkefinger zeigen, verächtlich reagieren oder abwertende Gesten zeigen.

Wichtig ist auch, dass wir Scham und Beschämung zum Thema machen, dass wir Stopp sagen, wenn jemand beschämend, verächtlich oder zynisch über andere spricht. Und dass wir auf die eigene Menschenwürde achten: "So nicht - ich möchte nicht, dass Sie so mit mir reden!"

Das Interview führte Andreas Oehler.

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zu: "Warum wir uns schämen und warum das gut ist" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Toni | 15.05.2011 | 21.14 Uhr
Nun ja, aber die Medien "fördern" ja oft auch enwürdigendes, bloßstellendes oder entwertendes Verhalten z.B. durch Talkshows oder andere Serien in denen es oft nur darum geht, andere niederzumachen/zu entwerten oder zu beleidigen. Und das ja eben auch im Nachm-programm, das ja viele Kinder/Jugendl. einsehen können. Also die Medien fördern die Schamlosigkeit aber auch oft die Erwachsenen, weil sie nicht mehr normal -würdevoll und respektvoll- mit anderen Menschen kommunzieren wollen oder können. Die Kinder hören und sehen das Verhalten und die Redensweisen der Eltern und Kinder ahmen einfach vieles nach, was ihnen von Eltern/Medien etc. "vorgelebt" wird.
Werner Klinger | 15.05.2011 | 18.59 Uhr
Kann diesen Bericht ueber Scham nur vollumfaenglich bestaetigen, insbesondere die Beispiele aus den Schulen. Habe diese Erfahrung meinen Kindern ersparen wollen, und bin nach Kanada ausgewandert. Wir erleben hier ein voellig anderes Schulsystem ohne "Beschämung, Erniedrigung und Bloßstellung" und meine Kinder springen morgens geradezu aus den Betten, weil sie zur Schule gehen koennen. Das ist wirklich ein wichtiges tabuisiertes Thema fuer Deutschland. Ich glaube allerdings kaum, dass sich in den naechsten 10 Jahren in Deutschland etwas aendern wird, deshalb bleiben wir hier!
Annette noch mal | 15.05.2011 | 18.02 Uhr
Könnte Scham nicht auch das Gefühl sein, zu entdecken den sozialen gesellschaftlichen Normen nicht entsprochen zu haben? Beziehen wir das auf die deutsche Geschichte wie im Beitrag angeführt, muss man feststellen, dass die Scham erst kam, als das Regime scheiterte. Arbeitet das Notenbewertungssystem in der Schule und Lehrer nicht damit, Fehler anzuprangern, bewerten und durch (leichte) Scham Verbesserung zu fordern? Ist es wirklich eine objektive Einschätzung der Fähigkeiten der Schüler?

Stand: 07.12.2010

Die ARD ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
 Standort:
© SWR 2012

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW