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23.05.2012

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Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

Lebensretter im Mitmach-Netz

Social Media im Katastrophenfall

Alice Lanzke

Für viele Menschen sind Facebook, Twitter und Co. nicht mehr als ein reiner Zeitvertreib. Doch gerade nach Katastrophen wie dem Erdbeben von Haiti oder dem Dreifach-Unglück in Japan zeigen die Web 2.0-Anwendungen ihr wahres Potenzial – drei Beispiele.

Ein Mann macht nach dem Erdbeben in Japan ein Handyfoto von den Zerstörungen Foto: picture-alliance/dpa

"Fukushima": Das ist längst zum Synonym für eine Katastrophe geworden, die wir in Echtzeit online verfolgen konnten. Vor allem in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co. wurde heftig über das Dreifach-Unglück diskutiert. Doch wie nachhaltig fanden diese Debatten statt? Sind sie vielleicht Anzeichen einer neuen, kritischen und vor allem digital geprägten Öffentlichkeit? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt des Symposiums "Learning from Fukushima", das am Samstag in Berlin stattfand. 200 Medienschaffende, Blogger und Wissenschaftler folgten der Einladung der Online-Plattform "Berliner Gazette" und diskutierten über die Rolle des Internets in Krisenzeiten, 50 weitere nahmen via Live-Stream und Twitter teil.

Facebook: Nur ein virtueller Auto-Aufkleber?

Ein besonderer Blick galt den Social Media-Angeboten des so genannten Web 2.0, worunter Plattformen wie Facebook oder Twitter im Mitmach-Netz zusammengefasst werden. Für Christoph Neuberger, Kommunikationswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sind diese allerdings noch nicht der Ort, um intensive Diskurse zu führen. "Im Moment ist Facebook eher das Online-Äquivalent zum Auto-Aufkleber", so Neuberger. Das Netzwerk werde vor allem genutzt, um Bekenntnisse à la "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht" abzugeben.

Doch die sozialen Netzwerke können mehr als über die Wochenendaktivitäten ihrer Nutzer oder deren Lieblingsbands zu informieren. Drei engagierte Beispiele für entsprechende Projekte wurden bei dem Symposium vorgestellt. Sie geben eine Ahnung von dem möglichen Potenzial der Web 2.0-Anwendungen, gerade im Katastrophenfall.

Beispiel 1: Safecast

Als der GAU von Fukushima die Schlagzeilen beherrschte, zweifelten nicht wenige Menschen an den Messwerten zur radioaktiven Belastung, welche von den offiziellen japanischen Stellen veröffentlicht wurden. "Es gab einfach nicht genug Daten", bilanziert Sean Bonner. Er ist Teil von "Safecast", einem Online-Netzwerk, das genau diese Lücke schließen wollte. Zu diesem Zweck stattete "Safecast" in einem ersten Schritt Freiwillige mit mobilen Geigerzählern aus, die sich mit dem Smartphone verbinden lassen.

Screenshot der Seite safecast.org mit radioaktiven Messwerten aus Japan in einer Karte Foto: safecast.org

Die so ermittelten Werte fließen in eine Online-Karte ein – über die Masse an Messwerten ergibt sich ein umfassenderes und vor allem aktuelles Bild der radioaktiven Belastung. "Crowd Mapping" nennt sich dieser Prozess. "Wir haben schnell herausgefunden, dass sich die Werte unglaublich rasant verändern", erinnert sich Bonner. Ein weiteres Ergebnis: In der 20 Kilometer umfassenden Evakuierungszone rund um den havarierten Reaktor von Fukushima waren die Werte gar nicht so hoch wie erwartet – dafür aber in dem Gebiet um die Zone, also genau dort, wohin viele Anwohner evakuiert wurden.

Inzwischen stellt "Safecast" ebenfalls stationäre Messgeräte auf, zusätzlich wird auch die Radioaktivität in anderen Teilen der Welt gemessen. Insgesamt mehr als 150 Freiwillige beteiligen sich so rund um den Globus an Safecast, die meisten von ihnen in Japan. Bonner glaubt, dass Safecast sich nicht nur auf die Beobachtung von Radioaktivität beschränken muss: "Künftig könnten wir auch Luft- oder Wasserverschmutzungen messen oder ganz andere Daten sammeln." Daten ist das Stichwort: "Safecast" steht erst einmal für das massenhafte Sammeln von Daten – die dann entsprechend aufbereitet Katastrophen erfassbar machen.

Beispiel 2: iReport

Eine ganz andere Plattform ist "iReport" des US-amerikanischen Nachrichtensenders CNN. 2006 wurde das Netzwerk gestartet, seither haben sich 925.000 Menschen als "iReporter" registriert. Doch während der so genannte "Leserreporter" gerade in Deutschland von professionellen Medienvertretern noch eher belächelt wird, hat sich "iReport" für CNN zu einer ernst zu nehmenden Quelle entwickelt. Zwischen 300 und 500 Geschichten würden jeden Tag einlaufen, sieben Prozent davon würden dann weiter geprüft, so CNN-Journalistin Lila King.

Screenshot der Seite "http://ireport.cnn.com/" Foto: ireport.cnn.com

Probleme mit der Überprüfbarkeit bzw. Glaubwürdigkeit der Amateur-Reporter sieht King nicht: "Die Masse hat sich im Netz als verlässlicher Prüfstein für Informationen bewährt." Dazu kommt für sie ein unschlagbarer Vorteil der Bürgerreporter: Im Unterschied zu klassischen Journalisten hätten diese oft eine persönliche Beziehung zu dem Ereignis, über das sie berichteten.

Diese Ebene von "iReport" werde besonders deutlich im Katastrophenfall. So seien nach Fukushima zahlreiche bewegende Reportagen aus dem Erdbebengebiet von unmittelbar Betroffenen eingelaufen. Nach dem Erdbeben auf Haiti im Januar 2010 sei die Plattform dagegen kurzzeitig zum "Schwarzen Brett" für Menschen geworden, die nach ihren vermissten Angehörigen suchten, erklärte King.

Beispiel 3: Ushahidi/ Standby Task Force

Das Erdbeben in Haiti wirkte auch wie eine Initialzündung für die Plattform "Ushahidi". Mitarbeiter Jaroslav Valůch erinnert sich: "Wir hatten die paradoxe Situation, dass die Helfer vor Ort wegen der katastrophalen Lage oft weniger über die Situation wussten als jemand, der das Geschehen außerhalb online verfolgte." In der Folge setzte sich "Ushahidi" in Bewegung: Die Plattform wurde 2008 in Kenia entwickelt, um die Unruhen nach den dortigen Wahlen zu dokumentieren. Der ungewöhnliche Titel der Seite stammt aus der Sprache Swahili und bedeutet "Zeuge". Jeder Teilnehmer kann per Handy oder Internet Informationen an "Ushahidi" schicken, die von dem Netzwerk auf anderen sozialen Plattformen gestreut werden und etwa in Karten visualisiert werden.

Screenshot einer Karte von Haiti von ushahidi.com Foto: ushahidi.com

Im Fall von Haiti bedeutete dies, dass etwa eingeschlossene Erdbebenopfer eine kostenlose SMS mit einem Hilferuf an "Ushahidi" schicken konnten, die Information über den Dienst wurde über das örtliche Radio gestreut. "Ushahidi" pflegte den Hilferuf dann in eine Karte ein, auf die wiederum die Erdbebenhelfer zugreifen konnten. Insgesamt kamen so 80.000 Nachrichten zusammen – viele von ihnen allerdings in Creole. "Und das spricht fast niemand von uns", so Valůch. Also wurde ein Aufruf auf Facebook gestartet, auf den innerhalb kurzer Zeit mehr als 1.000 Exil-Haitianer antworteten. Diese übersetzten die SMS in der Folge freiwillig. "Im Durchschnitt dauerte es drei bis vier Minuten, bis ein Hilferuf auf Creole ins Englische übersetzt war", erklärt Valůch.

Auch in Japan kam "Ushahidi" zum Einsatz, inzwischen will das Netzwerk unter dem Namen "Standby Task Force" seine Hilfe verstetigen. Denn, so Valůch, das Wichtigste für Hilfsangebote dieser Art sei neben der Glaubwürdigkeit und einfachen Zugänglichkeit die Vorbereitung: Die Menschen müssten an Netzwerke wie Facebook und Co. gewöhnt sein, um sie im Katastrophenfall schnell nutzen zu können. Valůch sagt: "Dann sollen die Menschen im Alltag auf Facebook vom letzten Barbesuch erzählen – in der Katastrophe können sie genau diese Plattform nutzen, um zu helfen oder Hilfe zu bekommen."

Stand: 01.11.2011

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