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Die Geburt des Urmeters vor 210 Jahren
Revolution in Maßen
Georg M. Wendt
Frankreich im Jahr 1792: Die Revolution tobt im vierten Jahr. Während der bewaffnete Mob den Tod des Königs fordert und ausländische Heere die Grenzen überqueren, machen sich zwei Astronomen auf, mit der "Erfindung" des Meters das Maßsystem weltweit zu revolutionieren. Doch ihrer abenteuerlichen Expedition droht schon bald ein bitteres Ende.
Saint-Denis bei Paris, Anfang September 1792: Soldaten aus allen Gegenden Frankreichs strömen in die Stadt. Sie drängen zur Front im Osten, wo königlich-preußische Soldaten nur wenige Tage zuvor Verdun eingenommen haben und sich nun anschicken, die noch junge Revolution im Keim zu ersticken. Die Militärs sind nervös, wittern überall Verräter. Besonders verdächtig erscheint ihnen eine blassgrüne Kutsche, die langsam zur Kathedrale im Stadtzentrum rumpelt. Rasch umzingeln hunderte Gardisten das Gefährt, fordern "Tod allen Aristokraten!" und "Verräter an die Laternen!".
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Doch transportiert diese Kutsche keine Adeligen oder Geheiminformationen, sondern den Astronomen Jean-Baptiste Delambre. Er reist im Auftrag der Pariser Volksvertretung: Delambre soll zusammen mit seinem Kollegen Pierre Méchain mittels Vermessungen in der französischen Provinz die genauen Maße einer neuen und einheitlichen Längeneinheit bestimmen – die des Meters.
Herzblut für die Gleichheit
Die Planungen für diese Expedition begannen drei Jahre zuvor. In der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 hatten die revolutionären Verfasser neben Freiheit und Brüderlichkeit vor allem Gleichheit propagiert. Ungleichheit repräsentierte für viele die adelige Willkürherrschaft und war überall im Land zu finden: Vor der Justiz, im Heer, oder aber auch im Maß-System: Mehr als 250.000 unterschiedliche Maßeinheiten galten nebeneinander und gleichberechtigt im vorrevolutionären Frankreich. Dieses Maß-Chaos zu ordnen war Delambres und Méchains Aufgabe.
Maße ohne Maß
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Im Frankreich des 18. Jahrhunderts existierten zirka 800 verschiedene Namen von Maßen, die je nach Region und Ware für über 250.000 Maßeinheiten stehen konnten. Aber auch in Paris herrschte das Maß-Chaos: In Versailles und Saint-Denis existierten zwei unterschiedlich schwere Eichmaße für ein- und dieselbe Gewichtseinheit. Beide Versionen waren auf dem Pariser Markt im Gebrauch.
Privatdozent Johannes Dillinger von der Universität Mainz führt die Willkürlichkeit der damaligen Maße vor allem auf ihre gesellschaftliche Bedeutung zurück: "Maßeinheiten in der frühen Neuzeit standen überhaupt nicht im Horizont exakter Naturwissenschaft, sondern entstammten ganz anderen Lebensbereichen wie Politik und Ökonomie", sagt der Historiker. So richtete sich nicht etwa die Ware nach dem Maß, sondern der Wert der Ware bestimmte die Größe seiner Maßeinheit. Billige Tuche wurden beispielsweise in größeren Einheiten berechnet, wertvolle Seide in kleineren. Zudem variierte diese Masse von Maßen je nach Territorium (siehe Infobox). Der Fürst als Landesherr konnte nämlich über die Größe eines Maßes fast nach Belieben bestimmen: Wenn er zum Beispiel in Finanzschwierigkeiten geriet, vergrößerte er die Maßeinheit "Scheffel", um so mehr Abgaben in Getreide von seinen Untertanen abpressen zu können. Dies erleichterte nicht nur die Ausbeutung der Bauern, sondern erschwerte außerdem den Handel zwischen den Ländern, da beim Umrechnen von Handelsgütern Tür und Tor für Betrüger offen standen.
Im Namen von Vernunft und Freiheit
Dass die Herrscher an dem so unpraktischen System festhielten, erklärt Dillinger so: "Maßfragen sind Machtfragen. Die Akzeptanz eines bestimmten Maßes zeigt die Akzeptanz einer bestimmten politischen Ordnung oder Herrschaft." Umso mehr waren also die Führer der französischen Revolution bemüht, die Maßeinheiten der Monarchie zu ersetzen. "Für die Veränderung der Ordnung im Namen von Vernunft und Freiheit kam jedoch irgend ein beliebiges nationales Maß nicht in Frage", fährt Dillinger fort. Die Revolutionäre suchten nach einem universellen Maß, das sich in seiner Länge nicht wie früher an fürstlicher Willkür, sondern an einem unveränderlichen Gegenstand orientierte: der Erde selbst.
Maßstab Meridian
Am 26. März 1791 entschied die verfassungsgebende Versammlung in Paris, wie die exakte Länge des neuen universellen Maßes zu definieren sei: Das Maß – später auf den Namen "Meter" (griechisch "Maß") getauft – sollte der Zehnmillionste Teil eines Erdmeridianquadranten sein: also die Entfernung vom Pol zum Äquator. Bei dieser Entscheidung besann man sich auf antike Berechnungen des Gelehrten Eratosthenes. Dieser hatte den gesamten Erdumfang auf 250.000 Stadien geschätzt, was auf einen Quadranten bezogen (siehe Darstellung) in etwa zehn Millionen halbe Peruanische Klafter entsprach – ein damals übliches Maß.
Von Dünkirchen bis Barcelona
Da die genaue Länge des Meridians aber nicht bekannt war, beschloss die Versammlung einen ehrgeizigen Plan: Zwei wissenschaftliche Teams – jeweils geführt durch die Astronomen Jean-Baptiste Delambre und Pierre Méchain – sollten die Entfernung jenes Meridians ausmessen, der die Städte Dünkirchen, Paris und Barcelona miteinander verbindet. Ausgehend von dieser Strecke sollte dann die genaue Länge des gesamten Meridians – anhand der damals bekannten Krümmung der Erdoberfläche – hochgerechnet werden. Am 24. Juni 1792 endlich, mitten in den blutigen Wirren der Französischen Revolution, brachen die beiden Wissenschaftler in Paris auf. Delambres Kutsche fuhr gen Norden nach Dünkirchen, während sich Méchain nach Barcelona aufmachte. Der weitere Plan sah vor, dass die beiden in Rodez im südlichen Frankreich – sozusagen in der Mitte – wieder aufeinander treffen sollten.
Stand: 07.12.2009
Die Geburt des Urmeters
Inhalt:
- Revolution in Maßen
Ein Meter als Ausdruck der Gleichheit - Odyssee für den Meter
Das Maß aller Dinge in Platin








