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23.05.2012

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Mensch & Alltag

Beginn des Inhaltes

HRK-Vizepräsident Wilfried Müller im Interview

"Die Zahl der Akademiker wird steigen"

Der Bologna-Prozess verlangt von den europäischen Hochschulen drastische Änderungen – oft zum Leidwesen der Studenten und Professoren. Im Interview mit ARD.de verteidigt Wilfried Müller, Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, den europäischen Kurs der Unis.

Wilfried Müller arbeitet als Forscher zwischen den Disziplinen und nah an der Praxis. Der heute 63-Jährige ist Diplom-Chemiker sowie studierter Erziehungswissenschaftler und Philosoph. An der Universität Bremen hat er seit 1979 eine Professur für "Berufsausbildung von Ingenieuren / Sozialwissenschaftliche Technikforschung" inne. Seit 2002 ist er Rektor der Uni Bremen und seit 2007 Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, dort zuständig für den Bereich "Lehre, Studium und Zulassung" – und damit auch für den Umbau der Studiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses.

ARD.de: Herr Professor Müller, warum brauchen wir ein europaweit einheitliches Hochschulsystem?

Wilfried Müller: Wir müssen die Studenten auf einen europäischen Arbeitsmarkt mit internationalen Bewerbern vorbereiten. In Deutschland hatten wir an den Unis bisher zwei große Probleme: die hohe Zahl von Studienabbrechern und die lange Studiendauer. Beides wird durch den Bologna-Prozess reduziert.

Wie das?

Die straffere Struktur der Studiengänge, die Bachelor und Master verlangen, nimmt die Studenten direkter in die Pflicht. Außerdem haben wir mit dem Bachelor in Deutschland jetzt einen berufsqualifizierenden Abschluss nach drei Jahren. Das war früher anders: Vordiplom und Zwischenprüfung hatten nie einen berufsbildenden Praxisbezug. Sie dienten einzig und allein der Vorbereitung auf das Hauptstudium, waren außerhalb der Uni aber nichts wert.

Glauben Sie denn, dass es eine Nachfrage nach Bachelor-Absolventen gibt?

Noch haben wir kein solides Wissen darüber, wie der Bachelor auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wird. Aber ich bin mir sicher, dass da ein neues Feld besetzt wird. Denken Sie zum Beispiel an die Position eines Management-Assistenten. Früher hätte diesen Job irgendwann ein einfacher Angestellter bekommen, der sich über Jahre hinweg hochgearbeitet hat. Heute kann er direkt mit einem gut ausgebildeten Bachelor-Absolventen besetzt werden.

Und was wird dann aus dem Angestellten, der sich statt dessen hochgearbeitet hätte?

Der hat unter Umständen die Möglichkeit gehabt, selbst zu studieren. Insgesamt wird die Zahl der Akademiker in Deutschland nämlich dank Bologna steigen.

Nun ist aber in Deutschland der Zugang zur Hochschule immer noch sehr begrenzt: Um studieren zu können, braucht man in der Regel Abitur oder die Fachhochschulreife. Ausnahmen sind selten.

In der Sonnenbrille der Studentin Julia  spiegelt sich am 01.04.2009 die Leibniz-Universität in  Hannover. Foto: picture-alliance/dpa Mehr Druck für die Studenten

Auch das wird sich durch Bologna ändern – und es geschieht ja heute schon. In manchen Bundesländern kann man etwa schon mit einem Meister ein Fachhochschulstudium aufnehmen. Quereinstiege wie dieser wird es in Zukunft mehr geben.

Der deutsche Diplom-Ingenieur ist eine internationale Marke, ein Abschluss, der mit Qualität verbunden wird. Leidet nicht der Ruf deutscher Hochschulen darunter, wenn nun Absolventen nicht mehr den Diplom-Ingenieur vorweisen können, sondern Bachelor und Master?

Ich bin kein großer Anhänger des deutschen Systems. Dennoch gibt es zweifellos Bereiche, in denen die deutschen Abschlüsse international anerkannt sind. Aber sehen Sie es mal so: Wir haben vor ein paar Jahren noch der D-Mark hinterhergeweint. Heute rechnen wir alle ganz selbstverständlich in Euro. Und genauso selbstverständlich wird früher oder später der Master of Science an die Stelle des Diplom-Ingenieurs treten.

Ein Kritikpunkt am zweistufigen Studien-Modell lautet, dass Bachelor und Master die Universitäten verschulen. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Die Kritik ist teilweise richtig. Schuld daran ist aber nicht der Bologna-Prozess, sondern wie die Hochschulen die Vorgaben fehlinterpretiert haben: Sie haben teilweise zu hohe Anforderungen und zu viele Prüfungen in die Studienordnungen geschrieben. Doch mittlerweile wird gegengesteuert. Wo das Bachelorstudium überfrachtet ist, haben Universitäten wie meine, die Uni Bremen, reagiert, indem sie einiges heruntergefahren haben.

In letzter Zeit haben immer wieder psychologische Beratungsstellen darauf aufmerksam gemacht, dass viele Studenten dem Leistungsdruck nicht standhalten können, dem sie durch die straffere Ordnung ausgesetzt sind, die Bachelor und Master mit sich bringen. Liegt das auch an dieser Überfrachtung der Studiengänge?

Sehr wahrscheinlich ist das so. Und auch hier gilt: Die Unis haben bereits angefangen, die Rahmenordnungen zu reduzieren und den Druck damit etwas zurückzunehmen.

Im Sommersemester 2009 sind rund 76 Prozent der Studiengänge, die neu begonnen werden können, in Deutschland Bachelor und Master-Studiengänge. Werden es 2010, wie vom Bologna-Prozess ursprünglich vorgesehen, 100 Prozent sein?

Nein, das schaffen wir leider nicht. Vor allem in Jura und Medizin, wo Staatsexamina abgenommen werden, auf welche die Unis keinen Einfluss haben, wird es etwas länger dauern. Aber in vier, fünf Jahren wird es hoffentlich auch dort so weit sein.

Derzeit tagen in Leuven wieder die Kultusminister der am Bologna-Prozess beteiligten Länder. Welche Themen sollten Ihrer Ansicht nach im Mittelpunkt stehen?

Wenn ich das zu entscheiden hätte, würde es dort nicht zuletzt um die Mobilität in Europa gehen. Derzeit ist es nämlich noch so, dass die Studenten in der Regel erst in der Master-Phase ins europäische Ausland gehen, während der Bachelor-Phase aber an ihrer Universität bleiben. Das sollte sich ändern.

Das Interview führte Fabian Wallmeier.

Stand: 28.04.2009

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