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UN-Umweltexperte Mark Schauer im Interview
"Der Mensch sorgt für ein Massensterben"
In Deutschland lebt die Malaria-Mücke, durch zerstörte Korallenriffe ist die Weltfischerei zusammengebrochen und die tropischen Regenwälder sind Palmölplantagen zum Opfer gefallen - ein Schreckensszenario. Genau dies drohe im Jahr 2050, so der UN-Umweltexperte Mark Schauer, wenn der Mensch Artenvielfalt und Ökosysteme nicht schütze.
Mark Schauer (38) leitet seit einem Jahr das TEEB-Sekretariat (The Economics of Ecosystems and Biodiversity, zu deutsch: Die Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversität) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Die Studie beschäftigt sich mit dem ökonomischen Wert der biologischen Vielfalt. Im kommenden Oktober erscheint dazu der Abschlussbericht.
ARD.de: Herr Schauer, "Biodiversität" ist ein sperriges Wort, das vielleicht nicht jeder sofort versteht – was bedeutet das genau?
Mark Schauer: Das stimmt, ich muss immer zuerst erklären, was Biodiversität überhaupt bedeutet. Biodiversität ist die Vielfalt von Arten, Ökosystemen und dem Genpool. Es gibt viele verschiedene Arten weltweit und innerhalb einer Art viele Ausprägungen – bei der Art "Hund" etwa der Chihuahua und die deutsche Dogge. Ökosysteme der Erde reichen von Korallenriffen über die Feuchtmoore Norddeutschlands bis zur Sahelzone.
UN-Umweltexperte Mark SchauerUnd der Genpool?
Die genetische Vielfalt ist notwendig für die Widerstandskraft einer Art. Bäume zum Beispiel können nicht weglaufen und müssen vielen Umwelteinflüssen gewachsen sein – dabei hilft ihnen ihr Genpool. In Indien konzentrierte man sich auf den Anbau einer einzigen Reissorte. Als diese von einem Virus befallen wurde, blieben die Ernten aus und eine Hungersnot drohte. Glücklicherweise konnten mit dem Erbgut aus dem Urreis neue Sorten gezüchtet werden.
Wie ist es momentan um die Biodiversität auf der Erde bestellt?
Wir verlieren sie zunehmend. Eine Studie aus dem Jahr 2007 (Anm. der Redaktion: Millennium Ecosystem Assessment) hat gezeigt: Der Artenverlust übersteigt bis zu tausendfach den Verlust, der auf natürliche Weise geschehen würde. Arten sterben immer aus, zum Beispiel, wenn ein Vulkan ausbricht und eine Minipopulation vernichtet wird. Doch der Mensch sorgt für ein Massensterben. Schuld sind unter anderem der von ihm verursachte Klimawandel, die Zerstörung von Lebensräumen - wenn beispielsweise Wälder gerodet und Sümpfe trockengelegt werden – und vom Menschen neu eingeschleppte Arten. Bekannte Beispiele sind Kaninchen in Australien oder die Wasserhyazinthe und der Nilbarsch, die das gesamte Ökosystem des afrikanischen Viktoriasees bedrohen.
In Deutschland hat der Mensch zum Beispiel die Pflanze Riesenbärenklau aus dem Kaukasus eingeschleppt. Sie hat ein Gift, das zu schweren Verbrennungen führen kann. Im Kaukasus hält der kältere Winter den Riesenbärenklau im Zaum, in Deutschland dagegen gedeiht er prächtig, so dass ganze Gebiete an Bächen und Flüssen nicht mehr betreten werden können. Insgesamt lässt sich sagen: Die biologische Vielfalt schrumpft heute schneller als vor 50 Jahren.
Nun haben die Vereinten Nationen 2010 zum "Internationalen Jahr der Biodiversität" ausgerufen – was versprechen Sie sich davon?
Nach Einschätzung der Vereinten Nationen ist der Verfall der Biodiversität ein noch größeres Problem als der Klimawandel. 2009 hat die Universität Stockholm (Stockholm Resilience Centre) ermittelt, dass der Verlust der Arten schon jetzt bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Trotzdem ist das Thema weltweit kaum präsent – was vielleicht auch an dem sperrigen Begriff liegt. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, welche schlimmen Folgen der Verlust der biologischen Vielfalt haben kann.
Welche Folgen?
Werden zum Beispiel noch mehr Korallenriffe vernichtet, droht die Weltfischerei zusammenzubrechen, denn die Riffe sind eine wichtige Brutstätte für Fische. Ein 86-Milliarden-Dollar-Wirtschaftszweig ginge in die Knie. Eine Milliarde Menschen verlöre damit ihren wichtigsten Eiweißlieferanten. Die Rolle der Biodiversität für den Menschen ist ökonomisch, ökologisch und kulturell entscheidend.
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Was ist der Grund für die abnehmende Biodiversität? Schließlich wurde bereits 1992 das "Übereinkommen über die biologische Vielfalt" unterzeichnet ...
Viele Menschen haben einfach noch nicht verstanden in welcher Gefahr wir uns befinden. Trotz verzweifelter Anstrengungen hat die Aussterberate auf Grund menschlicher Aktivitäten zugenommen und es ist der Weltgemeinschaft bislang nicht gelungen das einzudämmen.
Wie sähe denn ein Szenario im schlimmsten Fall aus, sollte sich nichts verändern?
Die Aussterbe- und Entwaldungsrate nähme atemberaubende Ausmaße an. Im Jahr 2050 könnten die tropischen Regenwälder Zuckerrohrfeldern und Palmölplantagen zum Opfer gefallen sein, eine gigantische Menge Kohlenstoffdioxid wäre in der Luft und könnte nicht mehr gebunden werden. Es gäbe mehr extreme Wetterereignisse, wie Wirbelstürme und sintflutartiger Regen, die Ernten und wirtschaftliche Entwicklung bedrohten. Bestände vieler Fischarten wären 2050 vermutlich irreversibel vernichtet, trockene Gebiete wären zu Wüsten geworden, Länder wie Bangladesch, Nigeria und die Niederlande hätten mit Überschwemmungen zu kämpfen.
Was würde sich in Deutschland verändern?
In Norddeutschland müssten alle Deiche erhöht werden, im Sommer würden durch die Hitze mehr Menschen krank, es gäbe schlechtere Ernten und höhere Nahrungsmittelpreise. Verschwände das Ökosystem, das die Malariamücke in Schach hält, wäre Malaria auch in Deutschland möglich - als erstes im Oberrheingebiet. Und das sind nur wenige Beispiele, die sich aus der Klimaveränderung und dem Verlust der biologischen Vielfalt ergeben können.
Wie lässt sich diese Entwicklung stoppen?
Wir wollen die Konsumenten überzeugen, dass es sich lohnt, Arten zu erhalten. Niemand muss Kiwis aus Neuseeland essen, sondern kann lokale Lebensmittel einkaufen. Eine Entscheidung für die Biodiversität ist auch immer eine Klimaentscheidung. Unser ökologischer Fußabdruck sollte so klein wie möglich sein. Das gilt auch für die Wirtschaft. Unerlässlich für den Fortbestand unserer Gesellschaft ist es außerdem, dass politische Entscheidungsträger das Prinzip der Biodiversität verstehen und Einfluss nehmen – zum Beispiel mit Steuern und Vereinbarungen.
Was ist konkret im Rahmen dieses UN-Jahres geplant?
Vom 17. bis 29. Oktober findet in Nagoya in Japan die 10. Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversitäts-Konvention statt. Deutschland hat bis dahin die Präsidentschaft der "Konvention für die biologische Vielfalt" inne. Dort hoffen wir auf neue Beschlüsse und einen gerechten Zugang zu genetischen Ressourcen. Es geht zum Beispiel um die Möglichkeit, im Regenwald nach neuen Medikamenten zu forschen – die Pharmaunternehmen sollen Ländern mit großer biologischer Vielfalt wie Costa Rica einen Obolus zahlen. Im Gegenzug haben diese Länder einen Anreiz, ihr Ökosystem zu erhalten. Das ist allerdings auch schon schief gegangen: Mithilfe des Magenbrüterfrosches hätte zum Beispiel ein Medikament gegen Sodbrennen hergestellt werden können. Doch dieser Frosch ist inzwischen ausgestorben, vermutlich durch eine vom Menschen eingeführte Pilzkrankheit. Wir Menschen nehmen uns also selbst die Chancen auf Heilung und unsere Lebensgrundlage.
Das Interview führte Anja Hübner.
Stand: 28.01.2010
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