
Der Wettbewerb "Premiere im Netz" 2010
Talentschmiede für Hörspielmacher
Joëlle Ullrich
Seit 2006 sucht die ARD alljährlich das beste Kurzhörspiel aus der freien Szene. Ein Rückblick auf die vergangenen vier Jahre der "Premiere im Netz" sowie zwei Preisträger im Gespräch: Naomi Schenck, die sich ein Leben ohne Hörspiel nicht mehr vorstellen kann und Benjamin Kloß, der gerade seine ersten Schritte auf professionellem Hörspiel-Terrain macht.
"Judith Rakers würde ich gerne mal kennenlernen – und Jürgen von der Lippe, Harald Schmidt, alle rein!" Diese Idealbesetzung aus Tagesschausprecherin und Entertainern malte sich Benjamin Kloß bei der Verleihung der "Premiere im Netz" 2009 für seine Hörspielproduktion in einem Studio der ARD aus - der Preis, mit dem der Wettbewerb dotiert ist. Der 23-jährige Berliner nahm die Jury mit "030 – Der Anrufbeantworter" für sich ein, einem eindringlichen Hörstück über die Wandlung von Sympathie zu Besessenheit.
"030 - Der Anrufbeantworter"
Ausgezeichnete Kurzhörspiele
Beginn Texteinschub
Wer in diesem Jahr das Produktionsstipendium bei der ARD gewinnt und dazu Ideen entwickeln darf, entscheidet sich ab dem 1. Juli. Zu diesem Termin begann bereits zum fünften Mal die Suche nach talentierten Hörspielmachern.
Rund 450 Teilnehmer haben seit der ersten Ausschreibung des Wettbewerbs im Jahr 2006 ihre Beiträge über radio.ARD.de eingereicht, vier Preisträger gingen seither aus dem Wettbewerb hervor.
"Operator - That's not the way it feels"
Vor dem amtierenden Gewinner Benjamin Kloß entschied im Jahr 2008 Fabian Kühlein mit dem Trennungsmonolog "Operator – That's not the way it feels" die Ausschreibung für sich, 2007 wurde Jürgen Palmtag für sein "Sound Art"-Stück "SonderSaundernAnders" ausgezeichnet.
"SonderSaundernAnders"
Die Maßstäbe für die konkurrierenden Hörspielmacher setzte Naomi Schenck im Jahr 2006, als die "Premiere im Netz" ins Leben gerufen wurde. Die Juroren kürten die philosophische Erzählung "Das Rätsel des Schafs" zum ersten Siegerstück des Wettbewerbs.
"Das Rätsel des Schafs"
Tor zu einer neuen Welt
Ihr erfolgreiches Debüt im Kreis der Hörspielproduzenten feierte Naomi Schenck 2006 bei den ARD Hörspieltagen in Karlsruhe, dem jährlich stattfindenden Festival für das Hörspiel. Als Ehrengast nahm sie hier die "Premiere im Netz"-Trophäe entgegen.
Naomi Schenck, Preisträgerin 2006Beeindruckt von zahlreichen neuen Kontakten, professionellem Feedback und der öffentlichen Vorführung ihres Gewinnerstücks entschied die gelernte Szenenbildnerin, dem Genre neben ihrer eigentlichen Arbeit treu zu bleiben. Als Ergänzung zum rein visuellen Schwerpunkt ihres Berufs kann sie sich seither über Akustik und Sprache "ein wenig freier" bewegen und ausdrücken. "Ich bin unglaublich dankbar für das, was mir dieser Preis an Möglichkeiten eröffnete. Das Hörspiel ist ein fester Bestandteil meines Lebens geworden und ich wünsche mir, dass es so bleibt."
Für ihr Hörspiel "Hummelflug" (SWR 2007), das im Rahmen des Produktionsstipendiums in den SWR-Studios in Baden Baden entstand, führte sie auch Regie und begleitete Aufnahmen und Schnitt. Das Ergebnis überzeugte und so folgte 2009 "Hawaii - Szenen aus einer hellen Nacht", ihre zweite Produktion für die ARD.
Trailer zu "Hawaii - Szenen aus einer hellen Nacht"
Keines ihrer drei bisherigen Stücke gleiche dem anderen, betont die Hörspielmacherin. "Ich lasse mich treiben, gehe mit dem Zufall und den Gegebenheiten um. Mich langweilt es, etwas zu wiederholen." Ihre Handschrift ist dennoch erkennbar: Eine realistische Umsetzung findet sie uninteressant, ihre Werke gehen über die reine Abbildung des Textes hinaus und führen die Hörer auf Neuland. Um dies zu erreichen, setzt Naomi Schenck auf doppelte Böden und Störungen - manchmal nur ein irritierender Satz, ein Wort oder ein Ton. "Damit man nicht einschläft im Kopf." In ihrem von Regisseur Oliver Sturm umgesetzten Hörspiel "Hawaii - Szenen aus einer hellen Nacht" entdeckte selbst sie als Autorin auch nach dem vierten Hören immer wieder Neues.
"Ich lasse mich gerne von der Muse küssen"
Benjamin Kloß, Preisträger 2009Die Erfahrung einer professionellen Studioproduktion steht Benjamin Kloß noch bevor. Doch bereits bei seinem ersten Besuch in den SWR-Hörspielstudios, bei dem er zur Vorbereitung Einblick in die Entstehung von Leonhard Koppelmanns "Der Schneemann" erhielt, schienen die Ausgangsbedingungen vielversprechend. Nachdem sich der Berliner im Rahmen der Preisverleihung eine Zusammenarbeit mit Judith Rakers gewünscht hatte, begrüßte ihn SWR-Hörspielchef Ekkehard Skoruppa mit den Worten: "Frau Rakers hätte übrigens Zeit."
Vor der Umsetzung steht jedoch die konzentrierte Arbeit am Skript, die dem Nachwuchstalent nicht immer leicht fällt. "Eigentlich lasse ich mich gerne von der Muse küssen. Man muss sich schon zwingen." Doch da er dem Hörspiel erhalten bleiben will, ob als Autor oder als Sprecher, nimmt er die Mühe in Kauf. Auch lässt er sich nicht davon verunsichern, dass er das Hörspiel-Handwerk nicht von Grund auf gelernt hat. "Ich gehe an die Situation ran, wie ich sie mir vorstelle. Sicherlich fehlen mir die einen oder anderen Kniffe, aber im Grunde bin ich sehr zufrieden damit, wie ich es mache." Klassische Mittel stehen für den jungen Hörspielautoren dabei im Vordergrund, Geschichten mit Erzähler und wechselnden Szenarien. Für Experimentelles hingegen sei er zu alt, erklärt er lachend.
Professionalität birgt Schwierigkeiten
Studioaufnahmen für "Hummelflug"Auch Naomi Schenck sah bei ihrem Kurzhörspiel "Das Rätsel des Schafs" keinen Nachteil in ihrer mangelnden Erfahrung. "Dadurch sind viele Dinge durch Zufall entstanden, die dann einfach passten." Während der "Hummelflug"-Produktion mit fest vorgegebenem Zeitplan wurden ihr jedoch auch die Schwierigkeiten bewusst. "Da hätte ich wahnsinnig gerne die dreifache Zeit zur Verfügung gehabt. Beim 'Rätsel des Schafs' konnte ich stundenlang ausprobieren." Die mangelnde Übung versucht Naomi Schenck mit Einsatz und Begeisterung auszugleichen. "Ich habe als Autodidakt nur eine Chance, wenn ich dafür brenne."
"Durchlittene" Geschichten
Der beste Hörspielstoff stammt aus dem Leben, darin sind sich beide "Premiere im Netz"-Gewinner einig. Benjamin Kloß sieht das Geheimnis erfolgreicher Stücke im Erfahrungsschatz ihrer Produzenten. "Wahre Begebenheiten haben immer einen glaubwürdigeren Charakter." Naomi Schenck stimmt zu: "Das muss durchlitten sein, sonst berührt es nicht." Auch reicht es Benjamin Kloß nicht aus, wenn die Zuhörer nach einem Stück nur "Ja, war gut" sagen und sich anschließend anderen Dingen widmen. "Die größte Kunst ist es, über das Hören hinaus zum Nachdenken anzuregen."
Ob ihm das im Rahmen seines Produktionsstipendiums gelingt, wird sich bald herausstellen. Die Produktion ist für den Spätsommer geplant. Viel verrät der Hörspielmacher noch nicht darüber, nur dass die Geschichte von Pflichten wie Zivil- oder Wehrdienst handelt, die er selbst eigentlich schon erfüllt hatte - bis ein Anruf kam. "Und was dann geschah, ist wie dafür gemacht, in ein Hörspiel gepackt zu werden." Auch von Naomi Schenck wird wohl bald wieder zu hören sein. Gemeinsam mit dem Musiker Stefan Schneider arbeitet sie aktuell an dem Monolog einer dementen alten Dame, gestützt durch zeitgenössische, minimalistische Musik.
Tipps für Teilnehmer
Potenziellen Wettbewerbsteilnehmern rät Naomi Schenck, nicht zu sehr auf die Außenwirkung zu achten, sondern immer weiter zu probieren, bis es sich richtig anfühlt. Und Benjamin Kloß ergänzt: "Man muss auch den Mut haben, Sachen wegzuwerfen. Wenn's nicht passt, passt's nicht - auch wenn es einem gefällt."
Auch einen Insidertipp von Leonhard Koppelmann kann er noch beisteuern. Der bekannte Hörspielregisseur redete ihm aus, mit einem vorgefertigten Bild in die Produktion zu gehen. "Es schadet nur, wenn ich die festen Leute und sogar wie sie sprechen müssen schon im Kopf habe. Ich muss mich drauf einlassen, was mir die Schauspieler geben, sie Teil vom Ganzen sein lassen und nicht den Chef mit der großen Vision spielen. So wie es in meinem Kopf ist, wird es nie ein Schauspieler umsetzen können. Er macht das auf seine Weise - und das ist dann oft interessanter."
Auch aus diesem Grund hat er sich inzwischen von seiner ursprünglichen Vorstellung einer Idealbesetzung verabschiedet. "Mein Hörspiel hat natürlich ein unglaublich ungünstiges Thema, um Judith Rakers da mit rein zu bringen. Vielleicht könnte sie die Sprecherin am Anfang machen: 'Name des Hörspiels' von Benjamin Kloß. Das würde mir schon reichen."
Stand: 12.10.2010



