"Premiere im Netz"-Gewinner Fabian Kühlein
"Ich war wie ausgelutscht"
Fabian Kühlein hat den Newcomer-Wettbewerb "Premiere im Netz" mit seinem Stück "Operator" gewonnen - doch der Erfolg kam für ihn eher unverhofft. Der Autor des Siegerstücks im Gespräch.
"Premiere im Netz"-Gewinner Fabian KühleinARD.de: " ... und dies schreibt jemand, der vor Grinsen und Freude kaum noch die Augen aufbekommt", antworteten Sie per Mail, als Sie von Ihrem Gewinn erfuhren. Kam die Nachricht für Sie sehr überraschend?
Fabian Kühlein: Total. Es war in erster Linie einfach wichtig für mich, an "Premiere im Netz" teilzunehmen. Ich fühlte mich in einem Formtief. Als ich von dem Wettbewerb hörte, hatte ich das Gefühl, jetzt gehts wieder los. Schon über die Nominierung habe ich mich gefreut. Dann kam die zweite E-Mail, die mit "Herzlichen Glückwunsch" begann, und ich dachte für einen Moment noch: komische Absage. Ich hatte es absolut nicht erwartet, deshalb habe ich mich unglaublich gefreut.
Wie hat sich das Formtief bemerkbar gemacht?
Nach meinem Studium in Weimar bin ich nach Berlin gegangen, weil mich dort die Radiolandschaft reizte. Ich hatte vier Jahre lang am Lehrstuhl "Experimentelles Radio" Hörspiele und Feature, Moderationen und Sendungen gemacht. Aber in Berlin konnte ich nicht Fuß fassen. Ich war wie ausgelutscht. Sobald ich eine Idee hatte, habe ich sie wieder verworfen.
Irgendwann habe ich die Lust am Hörspielen verloren. Ich habe gedacht, jetzt brauche ich endlich einen richtigen Job. Ich habe dann ab und an als Sprecher gearbeitet, aber irgendwie nichts so richtig. Im Sommer habe ich gemerkt, jetzt kommts wieder. Alles, was sich die letzten zweieinhalb Jahre angestaut hatte, die ganzen Ideen, die aufgeschrieben und dann wieder verworfen wurden. Ich hatte wieder Energie. Dieser Wettbewerb war die erste Gelegenheit, wo ich das wieder so richtig ausleben konnte.
Das Ergebnis war Ihr Hörspiel "Operator". Woher stammt die Idee dazu?
Beginn Texteinschub
Das kam relativ spontan, durch einen Folksong von Jim Croce aus den Siebzigern. Der Song an sich ist total kitschig und schwülstig, aber die Geschichte ist einfach schön. Im Original ist es ein Mann, der beim Operator anruft und nach seiner verflossenen Liebe sucht.
Dieses Lied kam mir wieder in den Kopf. Dann habe ich mich drei Tage mit der Sprecherin hingesetzt und das Stück aufgenommen, zwei Tage geschnitten und das Ergebnis hochgeladen. Innerhalb einer Woche war das Hörspiel fertig. Dadurch ist es ein wenig rauh geblieben, was gut passt. Stimme, Improvisation, Geschichte - das zeichnet "Operator" aus.
Teil des Preises ist eine professionelle Hörspiel-Produktion, haben Sie sich dazu schon Gedanken gemacht?
Ich habe mehrere Ideen, aber es sollte schon mal eher etwas Literarisches werden, keine Klangcollage, sondern eine Geschichte. Ich bin klassisch, ich möchte erzählen und ich möchte unterhalten.
Was würden Sie als Gewinner des Wettbewerbs zukünftigen Teilnehmern raten?
Das kann ich schwer sagen. Das Schöne am Hörspiel ist ja, dass es keine wirklich optimale Form gibt. Alles ist Hörspiel, was sich mit Klang und Stimme auseinandersetzt. Es ist eine Gefühlssache. Das Handwerkliche muss natürlich stimmen, die Aufnahme der Stimmen, der Schnitt. Authentizität gehört auch dazu. Man muss hören, dass jemand Lust hat, das zu machen. Hörspielproduzent ist ein Beruf für Leute mit Leidenschaft.
Haben Sie Vorbilder aus der Hörspielszene, denen dies besonders gut gelingt?
Es sind weniger einzelne Leute, sondern eher einzelne Stücke wie "Metropolis" und "Clockwork Orange". Geprägt hat mich aber auch die Zusammenarbeit mit Paul Plamper. Bei ihm hat mich besonders die Improvisation fasziniert. Das passt einfach perfekt zum Hörspiel. Wenn man einen Stoff verhörspielt, klingt das oft nur wie schön gelesen, man hört die Studioatmosphäre durch. Aber wenn man Leuten auf der Straße ein Mikrofon unter die Nase hält, plappern die einfach drauflos. Und das setzt Paul um. Das hat mich sehr beeindruckt.
Was bedeutet das Medium Hörspiel für Sie?
Für mich ist das Hörspiel sehr wichtig. Ich lebe seit 10 Jahren fernsehfrei und es fehlt mir überhaupt nicht. Aber ich höre beinahe täglich mein Hörspiel - und sei es zum Einschlafen, so wie früher. Es zu schaffen, einen Text mit Schauspielern und Sprechern zum Leben zu erwecken, das fasziniert mich. Das klingt immer so pathetisch und romantisch, aber letztendlich ist es so.
Woher kommt diese Faszination?
Mein Vater war schon sehr alt, als ich auf die Welt kam. Er war fast blind. In München gab es eine Blinden-Hörbücherei, für die Studenten Bücher auf Kassette eingesprochen haben. Davon war mein Vater sehr beeindruckt. Als Kind habe ich diese Kassetten auch gehört und gemerkt, es gibt Sprecher, die können das unglaublich gut und andere, die können das gar nicht. Woran liegt das, habe ich mich dann gefragt. In dieser Zeit fing die Beschäftigung mit Klang und Wort für mich an. Das war und ist für mich das Besondere am Hörspiel: hinhören und zuhören.
Hörspielmacher ist demnach Ihr Traumberuf?
Auf jeden Fall. Schon sehr lange eigentlich, aber ich habe es viel zu lange nicht ernst genommen, weil ich immer dachte, ich möchte mich selber nicht als Künstler sehen. Das Hörspiel wird häufig von der Gesellschaft belächelt, davon habe ich mich beeinflussen lassen. Ich habe gedacht, ich mache das lieber nur nebenher und versuche einen tollen Job zu kriegen, weil das vielleicht wichtiger ist. Aber das ist es nicht für mich.
Was genau macht das Berufsbild aus?
Die Arbeit mit verschiedenen Stoffen. Die Freiheit, sich nicht festlegen zu müssen. Es gibt so viele Dinge, die interessant sind auf dieser Welt, literarische Stoffe und natürlich die Realität, die Geschichten erzählt. Diese Geschichten zu finden und ihre Faszination zu erkennen, sich dann zurückzuziehen mit einem Ensemble und das Thema künstlerisch "nachzubauen", dadurch eine eigene Gewichtung und Sicht auf die Welt transportieren zu können.
Wo sehen Sie sich in der Zukunft?
(lacht) Na, am liebsten bei den ARD Hörspieltagen, mit einem Hörspiel, das mit dem Hörspielpreis oder dem Publikumspreis prämiert wird. Ich sehe die Auszeichnung "Premiere im Netz" für mich als Chance, dann doch den Weg zu gehen, den ich schon so lange versuche einzuschlagen. Im Moment siehts ganz gut aus.
Das Interview führte Joëlle Ullrich.
Stand: 07.11.2008




