Zur Haupt-Navigation vom Radiotatort.
Zum Inhalt.

In Bruck am Inn wird die 17-jährige Janina tot aufgefunden. Die kühle Schönheit hatte unzählige Verehrer, darunter auch ihr Chef Rupert Scheffler und sein Sohn Basti. Die Ermittlungen führen die Ortspolizisten Ferdl Raab, Rudi Egger und Senta Pollinger in die dunkle Vergangenheit ihrer kleinen Stadt.

Im Interview: Autor Robert Hültner
Sie wohnen sowohl in Ihrer ursprünglichen Heimat Oberbayern, als auch in Ihrer Wahlheimat Südfrankreich. Gibt es Ihrer Beobachtung als Kriminalautor nach typische bayerische Voralpen- oder französische Cevennen-Fälle?
Robert Hültner: Im Grunde nicht. Die Wünsche, Bedürfnisse und Leidenschaften der Menschen sind in allen Kulturen der Welt ziemlich gleich, immer geht es um Geld und Gier, Liebe und Hass, Verletzung und Rache.
Unterschiede gibt es natürlich bei den jeweiligen Anlässen, die zu einer kriminellen Handlung führen, sowie gelegentlich bei den Methoden. Ein Konflikt zwischen südfranzösischen Weinbauern kann schon mal übel enden, zwischen zwei gemütvollen bayerischen Bierbrauern ist das erstmal weniger vorstellbar. Dann gibt es in Frankreich viele rätselhafte Todesfälle bei der Jagd, die dort ja so etwas wie ein Volkssport ist, und auch das organisierte Verbrechen hat dort ein anderes Gewicht als hier in Bayern.
Auch in der Polizeiarbeit gibt es eine andere Tradition und eine Praxis, die manchmal legerer als die unsere ist, manchmal aber auch ungleich rigider. Und dann haben wir noch Unterschiede in der Mentalität. Es gibt Dinge, die einen Bayern durchaus in mörderische Rage versetzen können, über die man in Frankreich aber bei einem Glas Wein nur witzeln würde. Und umgekehrt natürlich genauso.
Im aktuellen Fall des BR Radio Tatorts geht es um Hexenverfolgungen. Wie kamen Sie auf das Thema?
Robert Hültner: Ich fand schon immer spannend, wie stark historische Geschehnisse – egal, wie lange sie zurückliegen – noch immer in unser heutiges Leben einwirken, in den Alltag, in die Kultur, in die Politik. Nicht weniger interessant finde ich, wie gerne wir geschichtliche Ereignisse nach unseren heutigen Bedürfnissen ummodeln, Geschichte also so hinbiegen, wie wir sie uns wünschen.
Umso verblüffter bin ich immer wieder, wenn ich bei meinen Recherchen auf Tatsachen stoße, die das eine oder andere historische Ereignis in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen. So ist es mir auch ergangen, als ich – ursprünglich für ein Romanprojekt – die Geschichte der bayerischen Hexenverfolgung bearbeitete. Schon bald war mir klar, dass sich dieses Thema für mich nicht für irgendwelche vernebelten Mystery Stories anbietet, sondern für einen absolut diesseitigen, realistischen Krimi.
Wie also, habe ich mich gefragt, könnte eine moderne Hexenjagd aussehen, die in unseren Breiten zwar nicht mehr mit einer Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen endet, das Leben der Betroffenen aber ebenso zerstören kann? Um diese Geschichte zu erzählen, bot sich natürlich ein Ort wie Bruck am Inn mit seiner uralten Geschichte ideal an, aber auch mit seinen spezifischen kleinstädtischen, sozialen Strukturen.
Anmerkung:
Deutschland war ein Hauptland der Hexenverfolgungen. Klagen und Denunziationen aus der Bevölkerung führten auch nach dem Höhepunkt der Verfolgungswelle um 1590 in einzelnen Regionen – u.a. in Bayern – noch bis Ende des 18. Jahrhunderts zu Verurteilungen. Im Zentrum der letzten überlieferten Hexenverbrennungen standen junge Frauen bzw. Kinder zwischen neun und siebzehn Jahren.
Wie sieht Ihre Arbeit an einer Krimi-Reihe aus?
Robert Hültner: Nimmt man sich eine 'Reihe' vor, müssen die Hauptfiguren mit einem Hintergrund ausgestattet werden, die das Publikum über das hinaus, was in einer einzelnen Folge geschieht, auf sie neugierig macht. Deshalb habe ich alle zentralen Personen mit einem manchmal ganz unauffällig wirkenden Geheimnis ausgestattet, das sich von Folge zu Folge enträtselt.
Gleichzeitig gibt es aber auch immer konfliktträchtige Konstellationen zwischen den einzelnen Akteuren, die sich ebenfalls lange als unlösbar darstellen und sich erst ganz langsam verändern. Eine davon findet sich etwa im Verhältnis von Rudi Egger und Senta Pollinger, die sich oft wie Hund und Katze zueinander verhalten, wo man aber gleichzeitig ahnt, dass sich da noch etwas anderes entwickeln wird – aber was, ist überhaupt noch nicht klar.
Wie entwickeln Sie einzelne Folgen und Fälle?
Robert Hültner: Zunächst verfolge ich aufmerksam den Polizei-Alltag in Bruck am Inn; der Ort ist zwar fiktiv, aber natürlich gibt es ein Vorbild. Oft besuche ich auch ähnliche Kleinstädte, rede mit Beamten vor Ort, mit Bewohnern, versuche diese eigentümliche Atmosphäre zu erspüren. Die Frage ist dann: Welcher Fall könnte nur in Orten wie diesen geschehen? Wie verändert sich die Ermittlungsarbeit, wenn sich Polizeibeamte und Bewohner im Alltag ungleich näher sind als beispielsweise in der Großstadt? In diesen Gesprächen erhalte ich dann bereits erste Hinweise für mögliche Fälle.
Habe ich mich dann für einen Fall entschieden, so geht es einmal darum, eine möglichst plausible und sachlich weitgehend korrekte Polizeiarbeit zu recherchieren, wobei mir die Ratschläge örtlicher Polizeipraktiker eine wertvolle Hilfe sind. Gleichzeitig beschäftige ich mich mit den Hauptpersonen dieses Falles, versuche, mich in deren Hintergründe, Motive, Lebensgeschichte und so weiter zu vertiefen. Jeder Mord und jede kriminelle Handlung hat ihre Geschichte.
Nur ein paar Leichen übereinander zu häufen, darüber noch einen Kübel Blut zu kippen – das interessiert mich nicht. Das mag vielleicht gruselig wirken, ist aber nicht wirklich spannend. Spannend wird eine Geschichte dann, wenn es ihr gelingt, sich den Ermittlern und dem Täter innerlich zu nähern.
Welche Rolle spielt die Mundart in Ihrer Arbeit?
Robert Hültner: Die bayerische Sprache ist mir ganz wichtig. Dabei achte ich nicht nur darauf, dass die einzelnen Personen entsprechend ihrer Herkunft, ihrer Bildung und so weiter reden, sondern auch, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, in welcher Situation purer Dialekt gesprochen wird - wann ein gespreiztes Stadtbayerisch, wann Hochdeutsch, wann ein nichtbayerischer Akzent zu hören sein muss. Sobald ich weiß, welche Sprecherin oder welcher Sprecher für die jeweilige Rolle vorgesehen ist, versuche ich, deren Sprachmittel und Charakter in meinen Text einzuarbeiten.
Wissen Sie schon, wie es in Bruck am Inn weitergeht?
Robert Hültner: Mehr, als dass es noch sehr spannend werden wird, verrate ich nicht.
Das Interview führte Christian Lösch
Stand: 02.03.2009