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14.03.2010

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Gesundheit

Beginn des Inhaltes

Gesundheitswesen

Besser informierte Ärzte = besser behandelte Patienten?

Das medizinische Wissen nimmt zu und damit die Verpflichtung der Ärzte, sich weiterzubilden. Wie Ärzte sich heute informieren und wie Patienten einen gut informierten Arzt finden können, darüber sprach ARD.de mit Prof. Martin Fischer vom Institut für Didaktik und Bildungsforschung im Gesundheitswesen der Universität Witten/Herdecke.

Arzt mit einem Paar im Gespräch Foto: colourbox.com

ARD.de: Für Fachärzte gilt seit 2004 eine lebenslange, gesetzliche Pflicht zur Fortbildung. Niedergelassene Ärzte und Fachärzte an Kliniken müssen alle fünf Jahre 250 Fortbildungspunkte nachweisen. Wie sind die Erfahrungen mit der gesetzlichen Verpflichtung?

Prof. Fischer: Was die Erfüllung angeht, sind die Erfahrungen sehr gut. Zu weit über 90 Prozent ist dieses Ziel erreicht worden. Ich glaube, es ist ein Pluspunkt, dass dieses Verfahren flächendeckend und in einer komfortablen Weise eingeführt und von den Ärztekammern umgesetzt wurde.

Wenn ich als Patient zu einem Facharzt gehe, kann ich also davon ausgehen, dass er regelmäßig an Fortbildungen teilnimmt?

Ob regelmäßig, weiß ich nicht. Es besteht immerhin die Fünfjahresfrist. Die Situation ist vergleichbar mit der unserer Medizinstudenten: Kurz vor der Klausur wird noch mal ordentlich gelernt. Die Gleichmäßigkeit also ist vielleicht nicht so gegeben, wie das gedacht war. Und der Arzt bzw. die Ärztin braucht ja nicht nur Wissen, sondern muss auch andere Fähigkeiten mitbringen, muss angemessen mit den Patienten reden können, praktische Fähigkeiten beherrschen. Die richtige Mischung macht's, und die Fortbildungspunkte decken eben nur einen Teil davon ab. Es ist aber auf jeden Fall ein guter Anfang.

Kleines Glossar zur ärztlichen Fortbildung

Ärztliche Fortbildungspflicht

Die Verpflichtung der Ärzte zur regelmäßigen Fortbildung wurde am 1. Januar 2004 mit dem "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherungen" verabschiedet. Jeder Facharzt muss (der Kassenärztlichen Vereinigung bzw. dem Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen) innerhalb von fünf Jahren 250 Fortbildungspunkte nachweisen.

Fortbildungspunkte

Beim Nachweis einer Fortbildung erhält der Teilnehmer, entsprechend dem Anspruch der Veranstaltung, bis maximal acht Fortbildungspunkte, so genannte CME-Punkte (Continuing Medical Education). Beispiele für geeignete Fortbildungen: Teilnahme an Kongressen oder Seminaren, klinische Fortbildungen (Hospitationen, Fallvorstellungen), mediengestütztes Eigenstudium (Fachliteratur, audiovisuelle Lehr- und Lernmittel, Lernprogramme im Internet).

Medizinische Leitlinien

Medizinische Leitlinien sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte, die ihnen zur Orientierung und als Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen dienen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren. Sie sollen für mehr Sicherheit in der Medizin sorgen, aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Anders als Richtlinien sind sie nicht bindend und müssen an den Einzelfall angepasst werden. In Deutschland werden Leitlinien vor allem von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften, der Bundesärztekammer, der kassenärztlichen Bundesvereinigung und von Berufsverbänden entwickelt und verbreitet.

Patientenleitlinien

Neben den medizinischen Leitlinien, die in erster Linie für Ärzte erstellt werden, gibt es auch entsprechende Fachinformationen für Patienten, so genannte Patientenleitlinien. Sie sollen Patienten helfen, Krankheiten, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden besser zu verstehen.

Wie könnte man die Fortbildung noch verbessern?

Man könnte andere Lehrformen und Belohnungssysteme einführen. In anderen Ländern gibt es schon sehr interessante Ansätze, wie man die Lernenden mehr aktivieren kann, sie also nicht nur Artikel lesen oder Kongresse und Fortbildungen besuchen lässt. Ein Beispiel wären Kleingruppenarbeiten mit echten, patientenbezogenen Problemen, über die man diskutiert und zusammen Lösungen entwickelt. Oder auch eine Reihe praktischer Trainingskurse, z.B. für Untersuchungsmethoden wie die Videoendoskopie. Das ist ein bildgebendes Verfahren zur Untersuchung der inneren Organe, das zur Bildübertragung digitale Technologien nutzt. Auch das Führen von Lerntagebüchern ist interessant oder das aktive Zusammenarbeiten im Internet.

Verankert sich das Wissen besser, wenn es im persönlichen Kontakt und im Austausch erworben wird?

Wissen bedeutet ja nicht, einen Artikel zu lesen und dann per Multiple-Choice-Verfahren die richtigen Antworten zu geben. Man kann es nicht wie eine Tablette schlucken, und dann hält es eine Weile vor. Wissen baut auf vielen, vielen Jahren Vorarbeit auf. Die Herausforderung besteht darin, das neue Wissen im alten so zu verankern und nutzbar zu machen, dass es am nächsten Tag und auch noch nach sechs Monaten einem Patienten nutzt.

Ärzte können nicht nur an Fortbildungsveranstaltungen teilnehmen, um Punkte zu sammeln, sie können z.B. auch Fachzeitschriftenartikel lesen und dann ausgefüllte Fragebögen einschicken oder Lernprogramme im Internet nutzen. Die Angebote sind vielfältig, aber sind sie auch qualitativ gut?

Die Qualität wird von den Ärztekammern sichergestellt, sie zertifizieren die Angebote. Sie müssen frei von Industrieinteressen sein und objektiv den Wissensstand des jeweiligen Fachgebiets darstellen. Das funktioniert ganz gut.

Welche Erkenntnisse haben Sie darüber gewonnen, wie sich Ärzte heute weiterbilden?

Das ist sicher auch eine Generationenfrage. Eine Untersuchung aus der Schweiz aus dem Jahre 2005 weist noch den Fachkollegen als wichtigste Informationsquelle aus. Gleichbleibend wichtig ist weiterhin der Besuch von Kongressen und Fortbildungsveranstaltungen. Prognostiziert für 2010 ist allerdings eine Zunahme der Nutzung von elektronischen Medien. Für die schnelle Information wird das Internet immer wichtiger. Und da gibt es schon hervorragende, allerdings dann meist kostenpflichtige Angebote.

Wie sieht es mit Leitlinien aus?

Es gibt über 1.500 medizinische Leitlinien. Diese sind auf Studien-Wissen aufbauende Zusammenfassungen zu einzelnen Krankheiten oder Gesundheitsproblemen, die von den Fachgesellschaften mühsam erarbeitet werden. Die scheinen den Ärzten allerdings nicht recht für die tägliche Entscheidungsfindung zu nützen, weil Sie sehr umfangreich sind. Zum Beispiel die exzellente Leitlinie für Osteoporose - also Knochenbrüchigkeit - umfasst etwa 350 Seiten Text, sehr fein ausgearbeitet. Gottlob gibt es dazu auch eine Kurzfassung – das ist aber leider häufig nicht der Fall. Und noch ein wichtiges Problem mit den Leitlinien gibt es: Wenn mir ein Patient gegenüber sitzt, also ein ganz individueller Fall, der so von den Leitlinien vielleicht gar nicht erfasst wird, dann muss ich abwägen und dabei hilft mir vor allem mein Erfahrungswissen als Arzt.

Ärzte und Ärztinnen betreuen heute zunehmend gut informierte Patienten, die sich vor allem auch im Internet "schlau machen". Sind sie auf diese besondere "Kundschaft" didaktisch gut vorbereitet?

Patienten beim Arzt Foto: colourbox.com Nur wenn die Kommunikation stimmt, kann ärztliches Wissen dem Patienten nutzen.

Ob die Patienten einen aus der Tageszeitung ausgeschnittenen Fragebogen mit "Zehn Fragen an meinen Arzt" mitbringen oder Information aus dem Internet beziehen, es geht hier letztlich um die Fähigkeit des Arztes zur Kommunikation mit dem Patienten. Das wird immer noch zu wenig vermittelt in den Fortbildungen. Im Medizinstudium gewinnt das Thema bundesweit aber immer mehr Aufmerksamkeit. Es wird viel dafür getan, die Studenten zu trainieren, z.B. mit Schauspielerpatienten, die den "überinformierten Patienten" spielen. Das wird immer bedeutsamer auch für Ärzte.

Also ist das richtige Kommunikationsverhalten zwischen Arzt und Patient ein entscheidender Faktor, um die Qualität zu verbessern?

Genau darum geht es, der Arzt muss heute eher ein Informationsmanager sein, auch das muss er in Fortbildungen neu lernen. Das wird auch ein großes Thema der Zukunft sein. Die Mehrzahl der Fehler im Gesundheitssystem entstehen aufgrund von Kommunikationsproblemen und auch die Mehrzahl der Beschwerden bei Ärztekammern und Schlichtungsgremien sind häufig auf Fehler in der Kommunikation zurückzuführen und eher selten auf fehlendes Fachwissen.

Wie erkenne bzw. finde ich als Patient einen gut informierten Arzt, eine qualitätsgesicherte Klinik? 

Bei den privaten Krankenhausträgern gibt es vergleichsweise transparente Informationssysteme mit Komplikationsstatistiken und Expertiseausweisen der Ärzte. Das ist ziemlich gut organisiert. Die öffentlichen Träger sind da zum Teil etwas hinterher, auch die Unikliniken. Die berühmten Ärzterankings aus allgemeinen Zeitungen und Magazinen sind dagegen äußerst fragwürdig, weil häufig der VIP- oder Promi-Arzt-Effekt eine Rolle spielt. Die Qualitätskriterien, die da mit roten, gelben, grünen Punkten vergeben werden, sind nicht immer vertrauenswürdig. Einen soliden, unabhängigen "Ärzte-TÜV" wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Insofern glaube ich, dass persönliche Empfehlungen und von den Krankenhausträgern selbst angebotene Qualitätsindikatoren vielleicht die beste Informationsquelle sind.

Und wie sieht es mit den niedergelassenen Ärzten und Ärztinnen aus?

Bei den niedergelassenen Ärzten bin ich ein bisschen ratlos, wie man ein faires Bewertungssystem organisieren soll. Das müsste ja eine unabhängige Stelle bewerten. Und wer sollte das sein?

Also muss der Patient sich seine Qualitätskriterien selbst aufstellen. Kann man sich das so vorstellen, dass dieser zu einem neuen Arzt geht und zunächst seine persönliche Liste Punkt für Punkt mit ihm durchgeht?

Das ist heute durchaus schon üblich, dass ein Patient sich operieren lassen will und seinen Arzt zunächst danach fragt, wie oft er die Operation schon durchgeführt hat und wie oft es dabei Komplikationen gab. Die Patienten werden da zusehends selbstbewusster, und dazu rate ich ihnen auch.

Die Patienten entscheiden sicher oft nach dem äußeren Eindruck und dem allgemeinen Auftreten eines Arztes, für wie kompetent sie ihn halten?

Ja, da kann ein Arzt kommen, der ist ganz hässlich, unfreundlich und drückt sich unklar aus, ist aber der Weltexperte für spezielle Nierenerkrankungen. Es gibt dazu Experimente, bei denen man Schauspieler in einen Hörsaal geschickt hat, die keine Ahnung von Medizin hatten, aber gut aussahen und freundlich waren. Die wurden von den Studenten sehr gut bewertet.

Was halten Sie von den viel diskutierten Bewertungsportalen im Internet?

Da es nichts Besseres gibt, spricht nichts dagegen, dass Patienten sich diese Bewertungen ansehen. Wenn ich ein Hotel buche und drei Gäste haben gesagt, die Eismaschine war defekt, dann muss ich selbst entscheiden, ob das für mich wichtig ist. Wenn dagegen ein Patient schreibt, die Krankenschwester hat ihn nicht gut behandelt, und das Essen war schlecht, dann ist das schon eher ein Problem - vor allem in den öffentlichen Krankenhäusern oder in Unikliniken. Dafür wird dort dann aber möglicherweise die beste Medizin angeboten. Da können einzelne Stimmen das Gesamtbild schon verzerren. Die Frage ist, kann der Patient am Schluss die fachliche Kompetenz eines Arztes oder einer Klinik wirklich beurteilen? Ich glaube nur bedingt.

Beim medizinischen Fachkongress der "Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin" im Oktober in Wiesbaden stand die Frage im Mittelpunkt, ob besser informierte Ärzte ihre Patienten zwangsläufig besser behandeln. Wie ist Ihr Resümee?

Eine Gleichung ist das sicher nicht, es ist eine Voraussetzung. Ich glaube, Ärzte sind in einer schwierigen Situation. Sich auf dem Stand des Wissens zu halten, ist das eine, das andere ist, abzuwägen: Was passt zu welchem Patienten? Und das ist mit den Instrumenten zur Information, die es gibt, wirklich nur mit kontinuierlich hohem Einsatz möglich, mit viel Erfahrung und Duldsamkeit, was Leitlinien, Fachartikel, Schulungen, Kurse und Kongresse angeht. Da muss jeder Arzt eine gute Balance finden - über die 250 Fortbildungspunkte hinaus. Ohne dieses Bemühen werden die Patienten schlechter behandelt. Dazu muss die Fähigkeit kommen, für den individuellen Patienten im Dialog die beste Behandlung zu finden. Und das kann man nicht auf einem Kongress lernen oder durch das Studium von Fachzeitschriften.

Das Interview führte Ina Mersch.

 

Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zur Frage: "Wie gehen Sie bei der Suche nach einem guten Arzt vor?" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

Thorsten K. | 21.11.2009 | 09.47 Uhr
Gutes Beispiel: Ich wurde mit meinen MRT-Bildern zu einem fremden Orthopäden überwiesen. Im Gespräch erfuhr er, das ich wg. meiner Platzangst im "offenen MRT"war. Darauf schrieb dieser Arzt ganz begeistert die Anschrift des entspr. Radiologen auf,um andere Pat. damit helfen zu können. (Das o. MRT. suchte ich mir aus dem IT)
Janna | 21.11.2009 | 09.37 Uhr
Meine Suche nach einem guten Hausarzt:
1. Tipps von Freunden, Bekannten usw.
2. 1. Termin: Sympathie?/Einfühlungsvmg.?/Ausreden lassen?/Krankh. ernst nehmen?/hohe mediz. Qualität?/Arzt u.Pat.sind gleichberechtigt, keine gewollte Hirachie und keine "Entmündigung" des Pat.!/
3. Weiteres wird sich mit der Zeit zeigen...!
Jörg Zimmermann | 21.11.2009 | 01.23 Uhr
Neben Empfehlungen durch Freunde und Bekannte ist mir das Internet eine gute Quelle vor allen um spezialisierte Fachärzte zu finden.

Ich schaue mir immer die Webseite des Arztes an, da kann ich mir einen guten Eindruck verschaffen.

Stand: 12.11.2009

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