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30.07.2010

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Fitness & Wellness

Beginn des Inhaltes

Interview zu Ernährungsgewohnheiten

"Verlassen Sie sich beim Essen auf Ihr Bauchgefühl"

"Vergessen Sie alle bisher gelesenen Ernährungstipps": In seinem Buch zur "Kulinarischen Körperintelligenz" räumt Ernährungswissenschaftler Uwe Knop mit den gängigen Ernährungsregeln auf und ermutigt dazu, auf den eigenen Körper zu hören.

Uwe Knop (37) ist Diplom-Ernährungswissenschaftler und Medizin-PR-Experte. Er arbeitet seit mehr als zehn Jahren im PR- und Kommunikationsbereich der Ernährungs-, Medizin- und Pharmabranche. ARD.de hat ihn zu seinem Buch "Kulinarische Körperintelligenz" befragt.

ARD.de: Herr Knop, Ihr Ratgeber klingt zu schön, um wahr zu sein. Wir sollen also einfach essen, worauf wir Lust haben?

Uwe Knop: Ja. Durch praktisch jede Mahlzeit, die Sie seit ihrer Geburt zu sich genommen haben, sind in Ihrem Körper Informationen über Nahrungsmittel verfügbar. Dieses intuitive Wissen können Sie nicht mit dem Verstand abrufen, deshalb sollten Sie ihn beim Essen am besten außen vor lassen. Kulinarische Körperintelligenz heißt, sich nur auf seine Gefühle Hunger und Lust zu verlassen, also vollstes Vertrauen in seine Körpergefühle wiederzugewinnen. Denn nur der Körper – nicht der Verstand – weiß, was für ihn gesundes Essen ist.

Wenn ich mich aber immer sehr einseitig ernährt habe, kennt der Körper auch nur ein begrenztes Nahrungsspektrum – hätte folglich immer auf die selben Dinge Lust ...

Das kann ich mir kaum vorstellen. In unserem Schlaraffenland nimmt man im Laufe seines Lebens so viele verschiedene Lebensmittel zu sich, dass die Kulinarische Körperintelligenz ziemlich genau weiß, was für den eigenen Körper gut ist. Wir leben ja in keinem Mangelland, insofern hat mit Sicherheit jeder eine extrem gut entwickelte Kulinarische Körperintelligenz, die es nur wieder abzurufen gilt. Der Kontakt dazu ist bei vielen Leuten leider etwas gestört.

Woran liegt das?

Das liegt maßgeblich an der ausufernden Ernährungspropaganda. Viele Menschen schenken ihren Gefühlen nicht mehr das nötige Vertrauen, weil sie häufig Lust verspüren auf etwas vermeintlich Ungesundes – sei es eine Portion Pommes, eine Currywurst oder sonst etwas Verpöntes mit viel Fett. Denn schließlich haben wir gelernt: Viel Obst und Gemüse seien gesünder als ein Hamburger mit Pommes. Nur stammen diese Überzeugungen maßgeblich aus irgendwelchen pseudowissenschaftlichen Studien. De facto gibt es keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse, die irgendeine der gängigen Ernährungsregeln abschließend belegen.

Und wenn mein Körper mir nur sagt: "Schokolade, Schokolade, Schokolade"?

Pralinen Foto: colourbox Bild gross Für viele ein Lebenselixier: Schokolade

(lacht) Das wird ihr Körper Ihnen mit Sicherheit nicht sagen, denn jeder Körper braucht Abwechslung, er braucht eine Vielfalt an Nährstoffen. Sie werden also mit Sicherheit nicht morgens, mittags und abends Schokolade essen, und das sieben Tage die Woche.

Wenn Schokolade für Sie ein favorisiertes Produkt ist, dann hat das für Ihren Körper seine Gründe. Es gibt zum Beispiel Menschen, die haben ein extremeres Bedürfnis nach Zucker als andere. Das hängt unter Anderem mit gewissen Rezeptoren im Gehirn zusammen, denn das Gehirn ist essentiell auf Glukose angewiesen. Aber dieses Misstrauen nach dem Motto "wenn ich jetzt nur noch esse, worauf ich Lust habe, dann esse ich jeden Tag Hamburger und Pommes und gehe in den Supermarkt und kaufe Schokolade", ist unbegründet. Das wird nicht stattfinden.

SWR-Redakteur Axel Weiss (Redaktion Umwelt und Ernährung) kommentiert

"Bitte genießen, aber mit Vorsicht!"

Axel Weiß Foto: SWR

Das wollen wir alle hören: "Ja, Du bist in Ordnung wie Du bist! Und wenn wir das nicht selbst schaffen, dann sagt uns jemand anders: Hör auf, Dich zu quälen, hör einfach auf Deine innere Stimme und alles wird gut!" Wenn's denn nur so einfach wäre. [mehr]

Bei Kindern hat man schon manchmal das Gefühl, sie könnten sich nur von Süßigkeiten ernähren. Was empfehlen Sie Eltern, wie sie ihre Kinder ernähren sollen?

Ganz einfach: Keine Verbote, keine rationale Eintrichterung von vermeintlich gesundem Essen. Wichtig ist: Lassen Sie die Kinder verschiedene und immer wieder neue Sachen probieren, und was sie nicht essen wollen, das sollten sie auch nicht essen müssen. Gerade Kinder in der Wachstumsphase essen so gern Süßes, weil ihr Körper Energie zum Wachsen braucht. Außerdem nehmen sie "süß" erst bei einer viel höheren Zuckerkonzentration wahr als Erwachsene, damit ihr Körper mehr Zucker zu sich nimmt. Bei Kindern ist es wie bei Erwachsenen: Warum sollte ihr gesunder Körper ihnen signalisieren, "gib mir das jetzt zu essen", wenn das für sie gefährlich wäre? Am Rande erwähnt: Die "Generation der fetten Kinder" existiert nicht. Gemäß KiGGS-Studie des renommierten Robert Koch-Instituts sind nur 6 Prozent der Kinder und Jugendlichen adipös - aber 75 Prozent normalgewichtig.

Sich einfach nur aufs Lustgefühl zu verlassen, führt eventuell aber zu einer dauerhaften Überversorgung?

Wenn man Hunger hat und dann isst, worauf man Lust hat, dann isst man genau das Richtige. Gewisse Nahrungsmittelgruppen zu verteufeln, ist der falsche Ansatz.

Viele Menschen essen aber auch, wenn sie keinen Hunger haben.

Wenn die Menschen aus anderen Gründen als Hunger essen, aus Frust, Langeweile, Liebeskummer, Stress oder Einsamkeit, dann gelten all diese Regeln natürlich nicht. Denn dann kompensieren sie irgendwelche Probleme mit dem Essen. Für diese Art von Essen gilt auch das Buch nicht mehr. Denn das Buch richtet sich nur an grundsätzlich psychisch und körperlich gesunde Menschen, wozu selbstverständlich auch vermeintlich übergewichtige Menschen gehören, weil diese nicht krank sein müssen.

Ist es nicht angesichts dieser vielfältigen Situationen, in denen Essen der Kompensation dient, fahrlässig, dazu zu animieren, sich auf das Lustgefühl zu verlassen, wenn es mit Hunger oft gar nichts zu tun hat?

Die Frage ist berechtigt. Es ist natürlich nicht gefährlich, das zu machen. Es geht mir im Buch tatsächlich darum, den wahren Hunger wieder zu entdecken. Und dann darf  selbstverständlich die Lust regieren, um den echten Hunger zu stillen.

Wie unterscheide ich denn echten Hunger von nicht echtem oder kompensatorischem Hunger?

Das geht im Prinzip über zwei Wege. Als erstes sollten Sie Ihren Kopf komplett frei machen von vermeintlichem Wissen über gesunde Ernährung. Wenn Sie sich dann nicht sicher sind, ob Sie gerade tatsächlich echten Hunger haben, ist es einfach wichtig, dass Sie den Hunger ausreizen.

Das heißt?

Wenn Sie also üblicherweise nach Hause fahren und dann immer etwas essen, oder morgens immer frühstücken, dann sollten Sie sich fragen "hab ich eigentlich Hunger oder mache ich das aus Routine?". Dann warten Sie einfach ab, bis Sie ihren echten Hunger spüren. Das werden Sie früher oder später auf jeden Fall, denn der Hunger ist der essentiellste Trieb zur Lebenserhaltung. Ihr Körper wird irgendwann seine Aufmerksamkeit immer stärker auf das Essen richten. Je nachdem, wie lange Sie das herauszögern, werden Sie vielleicht aggressiv, bis zuletzt die Hypoglykämie (Unterzuckerung) eintritt und Sie anfangen zu zittern. Spätestens dann wissen Sie, wie sich Ihr echter Hunger anfühlt.

Hört sich etwas extrem an.

Das ist sicher bereits ein sehr weit herausgezögertes Stadium. Aber es geht darum, wieder den Kontakt zu dem natürlichen Hungergefühl herzustellen, das der Lebenserhaltung dient - und zu wissen, "so fühlt sich mein echter Hunger an, wenn mein Körper Nährstoffe braucht". Alles andere ist Routine, Langeweile, Frust, Liebeskummer, gesellschaftlicher Druck und vieles mehr. Insbesondere Dauerstress kann zu hungerfreiem essen führen.

Weiter mit Teil 2 des Interviews


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Ihre Meinung ist gefragt:
Ständig Kalorien zählen oder Essen nach Lust und Laune - wie ernähren Sie sich?
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Vielen Dank für Ihre Kommentare!

Viele Internet-Nutzer haben uns ihre Meinung zu: ""Verlassen Sie sich beim Essen auf Ihr Bauchgefühl"" geschrieben. Die Kommentar-Möglichkeit ist inzwischen beendet.

squirrel | 06.10.2009 | 16.27 Uhr
Ich esse das, was mein Körper will, wann er es will, und es ist gut so!
Renate Tesnau | 06.10.2009 | 12.42 Uhr
Super, endlich mal etwas, was mir mein damaliger Hausarzt bereits vor fast vierzig Jahren gesagt hat (Ich bin jetzt 62 Jahre alt). "Dein Körper sagt Dir was Du brauchst". Sicherlich ist genau zu schauen, aber wenn ich genau hinhorche, merke ich doch, ab und an einma, ein wenig Reduktion tut mir gut. Ich bin nicht schlank, aber wenn ich mich genuegend bewege und auf mich achte, fühle ich mich einfach gut, und das auch noch bei 164 cm Größe und 70 Kilo.
Debbie | 06.10.2009 | 10.39 Uhr
Ich habe immer nach Gefühl gegessen. Aber irgendwann haben mich die Mäkeleien meines Umfeldes ("Strich in der Landschaft", "Bohnenstange") zermürbt. Also hab ich versucht, zuzunehmen. Die Folge: 5 kg mehr, Anstieg des Cholesterinspiegels von 190 auf 290 und totales Unwohlsein. Seit einem fiesen Magen-Darm-Infekt, der mir die 5kg wieder "abgenommen" hat, habe ich den Irrsinn beendet. Nun esse ich wieder, worauf ich Lust habe, mein Cholesterinspiegel ist wieder ok, und ich fühle mich wieder blendend. Mein Fazit: Das eigene Bauchgefühl sollte einem immer am wichtigsten sein. Und das gilt nicht nur für die Nahrungsaufnahme...

Stand: 02.10.2009

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