Seelische Erkrankungen
Tabuthema Depression
Ina Mersch
Nach wie vor gilt die Depression als sozial geächtete Erkrankung. Der tragische Selbstmord des Nationaltorhüters Robert Enke zeigt, wie groß die Angst der Betroffenen sein kann, über eine Krankheit zu sprechen, die sie häufig als persönliches Versagen erleben. Dabei kann ein offener Umgang der Schlüssel zur Heilung sein.
Depressionen sind keine vorübergehenden Verstimmungen oder "Durchhänger", sie sind auch nicht zu verwechseln mit einer winterlichen Melancholie. Es handelt sich vielmehr um eine ernst zu nehmende Krankheit, die in der akuten Phase den gesamten Alltag beeinträchtigen und den betroffenen Menschen praktisch handlungsunfähig machen kann.
In nicht wenigen Fällen führt die Krankheit sogar zum Tod: Bis zu 15 Prozent der Patienten mit schweren depressiven Störungen nehmen sich das Leben, etwa die Hälfte begehen in ihrem Leben mindestens einen Suizidversuch.
Prognose trotzdem günstig
Für die Betroffenen und ihre Angehörigen ist es wichtig zu wissen, dass die Prognose der Depression trotzdem günstig ist. Bei immerhin 30 Prozent der Betroffenen tritt nur einmal im Leben eine Krankheitsphase auf, danach sind sie beschwerdefrei. Bei etwa 60 Prozent kommt es zu wiederholten depressiven Episoden. Dann ist es wichtig, dass die Betroffenen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Werden alle Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft, können in vielen Fällen die depressiven Episoden zum Abklingen gebracht und neuen Krankheitsphasen vorgebeugt werden. Bei Patienten, die trotzdem immer wieder unter Krankheitsschüben leiden - bei denen die Krankheit also chronisch ist (etwa 10 Prozent der Betroffenen) - kann eine Behandlung dafür sorgen, dass sie deutlich kürzer und weniger schwer verlaufen.
Wichtig: Grundsätzlich gilt für alle Betroffenen, dass nur ein offener Umgang mit der Krankheit und eine positive Einstellung gegenüber den Therapiemöglichkeiten einen wirklichen Erfolg bei der Behandlung garantieren können.
Warum Betroffene sich nicht therapieren lassen
Partner können den Behandlungsverlauf einer Depression positiv beeinflussen.Doch nach wie vor gilt die Depression als eine sozial geächtete Erkrankung. Betroffene erleben sie häufig als persönliches Versagen und schämen sich, zum Arzt zu gehen; andere unterschätzen ihre Symptome. Oder sie sind von der Krankheit so beherrscht, dass ihnen die Kraft fehlt, sich Hilfe zu holen. Nicht selten wird die medikamentöse Behandlung bei ersten Anzeichen einer Besserung oder aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen. Einige sind grundsätzlich nicht offen für eine Psychotherapie oder beenden diese, wenn sie ihnen seelisch zu nahe geht.
Deshalb spielen die Angehörigen für die depressiven Menschen eine so große Rolle: Sie sollten die Therapiemaßnahmen aufmerksam begleiten (z.B. die regelmäßige Medikamenteneinnahme im Auge behalten); allerdings nicht autoritär und kontrollierend, sondern als wohlmeinende Partner. Oft entwickeln sie ein gutes Sensorium für die Krankheit, können Verschlechterungen häufig noch vor den Betroffenen wahrnehmen. Vor allem wenn sich die Erkrankten nicht mehr selbst helfen können, sind sie es, die ihnen Kraft geben und im Notfall für professionelle Hilfe sorgen können.
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Erste Anzeichen erkennen
Traurige Tatsache ist, dass mehr als die Hälfte aller Depressionen nicht diagnostiziert wird. Oft, weil die behandelnden Ärzte sich mit der Erkrankung zu wenig auskennen und die Symptome schlichtweg übersehen oder fehl deuten. In vielen Fällen versteckt sich die Krankheit aber auch hinter psychosomatischen Beschwerden. Das können Verdauungsbeschwerden, Appetitlosigkeit oder sogar Herzschmerzen sein. Gehen die Betroffenen zur Untersuchung - in der Regel bei ihrem Hausarzt - stellen sie unweigerlich die körperlichen Symptome in den Vordergrund, was die Diagnose für den Arzt erschwert. Deshalb ist es wichtig, mögliche Symptome der Erkrankung frühzeitig zu kennen:
- Grundlose Missstimmung bzw. Niedergeschlagenheit, die über mindestens 14 Tage hinweg andauert
- Interesselosigkeit und/oder Freudlosigkeit, auch bei sonst angenehmen Ereignissen
- Negative Zukunftsperspektiven
- Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle, Angstzustände
- Verminderte Konzentrationsfähigkeit, Unsicherheit beim Treffen von Entscheidungen
- Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit
- Antriebslosigkeit, bleierne Müdigkeit, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, innere Unruhe
- Hoffnungslosigkeit bis hin zu tiefer Verzweiflung.
Wichtig: Die richtige Behandlung
Medikamente kommen bei der Behandlung allein oder ergänzend zur Psychotherapie zum Einsatz.Die wichtigsten Säulen der Therapie sind heute die Behandlung mit Medikamenten (Antidepressiva) und die Psychotherapie - je nach Schwere der Erkrankung - allein oder in Kombination.
Die Antidepressiva normalisieren den Stoffwechsel im Gehirn, der bei einer Depression aus dem Gleichgewicht geraten ist. Sie fördern die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen durch die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Vor allem in der akuten Krankheitssituation dienen die Medikamente der Stabilisierung des Patienten, ohne die eine Behandlung mit psychotherapeutischen Verfahren gar nicht möglich wäre.
Allerdings erfordert die Behandlung mit Antidepressiva von den Patienten viel Geduld. Denn die Wirkung dieser speziellen Medikamente tritt nicht sofort ein. Erst nach etwa zehn bis 20 Tagen ist mit einer Besserung der Symptome zu rechnen. Außerdem kommt es häufig zu Nebenwirkungen. Diese sind bei den modernen Medikamenten deutlich geringer als bei früheren. Trotzdem kann es - vor allem zu Beginn der Behandlung - zu Mundtrockenheit, starker Müdigkeit, niedrigem Blutdruck, Potenzstörungen, starkem Schwitzen, Sehstörungen, Koordinationsstörungen, Magen-Darm-Problemen, Verstopfung, Zittern, Kopfschmerzen kommen. Unter Umstände sind die körperliche und geistige Beweglichkeit eingeschränkt. Die Nebenwirkungen bilden sich meist nach wenigen Tagen deutlich zurück, im günstigsten Fall verschwinden sie ganz.
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Unter den psychotherapeutischen Verfahren ist bei Depressionen die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie am deutlichsten nachgewiesen: Der therapeutische Effekt besteht darin, dass die Depressionen als erlerntes Fehlverhalten gedeutet und durch Einüben neuer Verhaltensweisen überwunden werden sollen. Je nach Ursache der Erkrankung können aber auch tiefenpsychologisch fundierte Verfahren oder eine klassische Psychoanalyse sinnvoll sein. Bei beiden Verfahren geht man davon aus, dass die Erkrankung auf unbewussten inneren Konflikten beruht, die durch negative oder traumatische Erfahrungen ausgelöst wurden. Die Therapie besteht darin, die Konflikte bewusst zu machen und durch wiederholtes Erinnern und Durchleben aufzulösen.
Weitere Therapien
Das Rückfallrisiko minimieren
Um erneuten Krankheitsphasen vorzubeugen, kann bei vielen Depressionspatienten eine medikamentöse Langzeitbehandlung helfen. Sie ist vor allem dann sinnvoll, wenn bereits mehrere schwere depressive Episoden aufgetreten sind. Die Patienten bekommen eine so genannte Erhaltungstherapie mit Antidepressiva.
Besonders wichtig ist für die Betroffenen, dass sie mit ihrem behandelnden Arzt Gesprächstermine in größeren Abständen vereinbaren. Der Arzt kann sich nach der aktuellen Krankheitssituation des Patienten erkundigen und hat die Möglichkeit, erneute depressive Episoden frühzeitig zu erkennen und auf Nebenwirkungen der Medikamente zu reagieren.
Stand: 17.11.2009
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Links im WWW
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"Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker" -
Hilfe und Selbsthilfe bei Depressionen
Informationen des "Kompetenznetzes Depression" -
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"Deutsches Bündnis gegen Depression e.V." -
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Selbsttest des "Kompetenznetzes Depression" -
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