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Technik & Forschung
Horst Zuse im Interview
"Mein Vater kämpfte um Anerkennung"
Horst Zuse, der älteste Sohn von Konrad Zuse, erzählt im Interview mit ARD.de von seiner Kindheit mit dem berühmten Vater, spricht über dessen Verdienste und seine eigene Rolle als Nachlassverwalter, die gar nicht seine Absicht war.
ARD.de: Herr Zuse, gerade wird das Jahr zu Ehren ihres Vaters mit Ausstellungen, Vorträgen und zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Wie hätte ihm das gefallen?
Horst Zuse: Das hätte ihm ohne Frage gut gefallen. Er wusste schon, was er geleistet hatte und propagierte das ja auch immer auf seinen Vorträgen. In meinen Augen ist das auch angemessen angesichts dessen, was er wissenschaftlich und unternehmerisch geleistet hat.
Trotz dieser Leistungen erntete ihr Vater sehr spät Anerkennung für seine Verdienste. Wie ist er damit umgegangen?
Diese späte Anerkennung hatte ja bestimmte Gründe, konkret: den Zweiten Weltkrieg. Die 1941 von ihm konstruierte Z3, die er selbst als seine erste wirklich funktionsfähige Rechenmaschine bezeichnete, wurde zwei Jahre später zerstört. Ab Mitte der 1960er Jahre musste er dann erst einmal beweisen, dass er die Z3 wirklich hatte. Es ist ja ein Unterschied, ob man einen Patentantrag stellt oder eben den Beweis erbringen muss, eine Maschine wirklich gehabt zu haben. Dazu existierten noch nicht einmal Fotos. Diese waren den Brandbomben der Alliierten zum Opfer gefallen. Mein Vater schrieb dann an Freunde und Kollegen, unter denen sich hochkarätige Wissenschaftler befanden, und bat sie, zu beschreiben, was sie bei ihren Besuchen 1941 gesehen hatten. Das haben diese auch gemacht, die Briefe besitze ich noch. Der stärkste Konkurrent meines Vaters aus jener Zeit war der US-Amerikaner Howard Aiken, dessen Maschine "MARK I" eine Spende der IBM an die Harvard-Universität war. Und Aiken selbst räumte 1964 in einem Brief ein, dass man "neu über die Prioritäten diskutieren müsse". Mehr konnte Aiken gar nicht sagen.
Das klingt nach einem heftigen Hin und Her – was bedeutete das für Ihren Vater?
Er kämpfte um seine Anerkennung. Natürlich hatte er Unterstützer, aber eben auch schlechte Zeiten. Vor allem als seine Firma, die Zuse KG, die er 1949 gegründet hatte, 1964 pleite ging, begann ein schlechtes Jahrzehnt. Das änderte sich eigentlich erst Ende der 1970er Jahre, als in den Informatik-Fachbereichen allmählich gelehrt wurde, woher diese Maschinen kamen. Mein Vater erhielt ja schon zu Lebzeiten Anerkennung, was nicht zuletzt seine acht Ehrendoktortitel zeigen.
Der Informatik-Professor Raúl Rojas, der sich intensiv mit der Geschichte der Computer beschäftigt hat, meint, dass man nicht von einem Erfinder sprechen könne. Vielmehr habe der Computer mehrere Väter, die ihn zeitgleich entwickelten. Was sagen sie dazu?
Beginn Texteinschub
Horst Zuse wurde am 17. November 1945 im bayerischen Hindelang geboren. Er studierte Elektrotechnik an der Technischen Universität Berlin und promovierte 1983 auf dem Gebiet der Softwarekomplexitätsmaße. 1998 schloss er seine Habilitation im Bereich praktische Informatik ab. Von 1996 bis 2000 entwickelte er die "Konrad Zuse Multimedia Show", die sich mit der Geschichte der Computerentwicklung beschäftigt. Heute lehrt er an der Hochschule Lausitz und der TU Berlin.
Im Prinzip ist das richtig. Die Zeit war reif. Howard Aikens "MARK I" und die "ENIAC", die für das amerikanische Militär entwickelt wurde, kamen ja nur drei Jahre nach der Z3. Andererseits sagt Prof. Rojas selbst, dass mein Vater ein Revolutionär der Rechnerarchitektur war – die Grundzüge dieser Rechnerarchitektur zeigten sich bereits in der Z1 von 1936. Interessanter ist in meinen Augen auch, dass die technischen Voraussetzungen mit den Relais-Schaltungen bereits Ende der 1920er Jahre gegeben waren. Doch erst 1941 wurden sie in der Z3 eingesetzt. Trotz allem war mein Vater ein paar Jahre früher als die Amerikaner dran. Dazu baute er sehr elegante Maschinen, die die größte Ähnlichkeit mit modernen Computern hatten.
Wir haben nun viel über Zuses Verdienste als Wissenschaftler und Forscher gesprochen. Als sein Sohn kennen Sie aber auch andere Seiten. Wie war er als Vater?
Im Prinzip in Ordnung, ich kann mich am wenigsten beklagen. Von 1945 bis 1949 hatte er seine Firma noch nicht und dementsprechend viel Zeit für mich, das war natürlich schön. Er finanzierte jedem seiner Kinder eine Ausbildung. Nur mit einer Sache konnte er nicht umgehen: Wenn eines seiner Kinder Probleme in der Schule hatte. Das war für ihn nicht nachvollziehbar. Er kam dann auch nie in die Schule, das musste die Mutter machen und später ich als ältester Sohn für meine Geschwister.
Nun sind Sie selbst Professor für Informatik – wie kam es dazu?
Das Logo der Zuse KG (1949-1964)Das ist schnell erzählt: Als kleiner Junge durfte ich immer mit in die Zuse KG, die ja die erste Firma in Deutschland war, die wirklich Computer verkaufte. Die Mitarbeiter dort haben mir stets gezeigt und erklärt, was sie da gerade machten. Das war ja damals etwas ganz Neues, noch heute schwärmen sie von der Arbeit bei der Zuse KG.
Für mich als kleinen Jungen war das natürlich alles sehr faszinierend. Von meinem Vater gab es die Anweisung, alles, was nicht gebraucht wurde, für mich ins Auto zu laden und nach Hause zu fahren. Damals gab es für Kinder ja nicht das Freizeitangebot wie heute. Bei uns in Hünfeld konnte man gerade einmal Fußball spielen und das mochte ich nicht so. Stattdessen beschäftigte ich mich mit meiner Märklin-Eisenbahn. Mit den Teilen aus der Firma meines Vaters baute ich eine Programmierung für die Anlage – vor einem Jahr bestätigte mir Märklin, dass ich mit zwölf Jahren der erste war, der eine programmierbare Eisenbahn konstruiert hatte. In meinem Zimmer im Obergeschoss des Hauses werkelte ich also herum und hatte einen roten Notschalter, schließlich hantierte ich mit 225 Volt Strom! Ich denke nicht, dass meine Eltern wussten, was ich da oben trieb. Jedenfalls war das Elektrotechnik pur, was ich später dann auch studierte – Informatik gab es damals noch nicht wirklich an den Universitäten.
Sie sind nun nicht nur selbst Informatiker, sondern haben gerade auch einen Nachbau der legendären Z3 konstruiert. Warum machen Sie das? Schließlich gibt es bereits zwei Nachbauten: einen von Ihrem Vater selbst und eine weitere Z3, die sie 2001 mit Raúl Rojas vorstellten.
(lacht) Manchmal reitet einen der Teufel. Ich wollte es einfach mal wissen, konkret habe ich drei Gründe: So ist der erste Nachbau, der von meinem Vater, nicht ganz komplett. Es fehlt ein zweiter Speicherschrank. Der Nachbau von mir und Prof. Rojas hat in meinen Augen einige Mängel, da vieles über den angeschlossenen PC läuft. Mir geht es nun um einen anderen kreativen Ansatz: Ich will die Z3 in ihrer Originalgröße zeigen, so dass sich beim Betrachter ein Wow-Effekt einstellt: "So groß war die!" Außerdem will ich die einzelnen Komponenten präsentieren und damit die Funktionsweise des Rechners vorstellen. Insgesamt kann ich so jedem erklären, was ein Computer eigentlich ist.
Mit diesem Nachbau der Z3, aber auch mit der Biografie, die Sie über ihren Vater geschrieben haben, und der Multimedia-Show, die Sie über sein Werk erstellt haben, könnte man Sie als Nachlassverwalter, als Hüter seines Erbes bezeichnen ...
... das könnte man so formulieren. Es hat sich einfach so ergeben und war gar nicht meine Absicht. Bis 1995, also bis zu seinem Tod, habe ich ja vor allem an meiner eigenen Karriere gearbeitet – ich wollte nie den berühmten Namen ausnutzen. Nach dem Tod meines Vaters kamen allerdings immer mehr Anfragen und ich habe ja alle Unterlagen und das gesamte Material. Die Menschen sind einfach fasziniert von der Person Konrad Zuse und wollen alles wissen. Wahrscheinlich ist es für Außenstehende besonders beeindruckend, weil ich von Kindheit an dabei war und aus persönlichen Erinnerungen berichten kann.
Sind Sie denn über die Beschäftigung mit dem Nachlass Ihres Vaters ihm näher gekommen?
Ich bin darüber sicherlich den Gedankengängen meines Vaters noch einmal näher gekommen. Die Menschen wollen immer wissen, ob er nun Ingenieur, Wissenschaftler, Tüftler oder Künstler war. Über diese Frage sind mir viele Einsichten gekommen, einiges habe ich auch wissenschaftlich korrigiert. In dem Sinne bin ich sicher sein Nachlassverwalter, auch wenn ich das nie geplant hatte. Doch seit acht Jahren ist das ein richtiger Job für mich.
Das Gespräch führte Alice Lanzke.
Stand: 22.06.2010


