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Forschung skurril
Der Anti-Nobelpreis - erst lachen, dann nachdenken
Alice Lanzke
Mit dem "Ig Nobelpreis", einer Art Anti-Nobelpreis, werden jedes Jahr besonders unnütze, unwichtige oder einfach unglaublich skurrile wissenschaftliche Arbeiten ausgezeichnet. Dieses Mal wurde beispielsweise die Erkenntnis prämiert, dass Kühe, die einen Namen haben, mehr Milch geben.
Die Verleihung der Nobelpreise ist jedes Jahr eine große Sache: Die feierliche Übergabe der Preise findet am 10. Dezember in der Konzerthalle Stockholms statt, Frack und Grand Robe sind bei dieser Zeremonie Pflicht. Ganz anders dagegen die Stimmung beim Gegenstück des Nobelpreises, dem "Ig Nobelpreis" (engl. Wortspiel: ignoble – unwürdig, schmachvoll, schändlich). Mit ihm werden jährlich besonders skurrile, unglaubliche oder einfach unsinnige Forschungsarbeiten prämiert.
Bedingung für eine Nominierung ist, dass die Entdeckung "nicht wiederholt werden kann oder wiederholt werden sollte". Vergeben wird der Anti-Nobelpreis von "Improbable Research", einer Einrichtung der US-amerikanischen Harvard Universität, die unglaubliche Forschungsarbeiten sammelt, dokumentiert und in Magazinen und dem Internet veröffentlicht.
Rigoroses Publikum
Parallel zur Bekanntgabe der herkömmlichen Nobelpreise Anfang Oktober werden die "Ig Nobelpreise" jährlich im Sanders-Theater der Harvard-Universität vergeben. Die Verleihung ist mittlerweile ein großes Spektakel – mit ganz eigenen Regeln: Dankesreden dürfen aus nicht mehr als sieben Wörtern bestehen und Redner, die ihre Zeit überschreiten, werden mit Papierfliegern von der Bühne gejagt. Schimpf und Schande bedeutet ein "Ig Nobelpreis" allerdings nicht mehr. Das war in den Anfangszeiten des Anti-Nobelpreises, der 1991 ins Leben gerufen wurde, noch ganz anders: Kaum ein Preisträger holte sich seine "Ehrung" tatsächlich ab. Heute hingegen werden die Auszeichnungen bereitwillig entgegen genommen – und das seit einiger Zeit aus den Händen von echten Nobelpreisträgern.
Doch nicht nur die Forscher kommen inzwischen gerne zu dem bunten Spektakel: Mehr als 1.000 Besucher wollten sich die Show in diesem Jahr nicht entgehen lassen – und erfahren, welche Skurrilitäten prämiert wurden.
60 Jahre Fingerknacken
Und davon gab es auch 2009 einige: So erhielt etwa der US-Forscher Donald Unger den "Ig Nobelpreis" für Medizin. Er wies nach, dass dauerhaftes Knacken mit den Fingern entgegen unzähliger Warnungen seiner Mutter nicht zu Arthrose führt. Um seine Theorie zu testen, bewies Unger großen körperlichen Einsatz: 60 Jahre lang knackte der heute 83-Jährige zwei Mal am Tag mit den rechten Fingerknöcheln, die linken ließ er in Ruhe – dennoch sind beide Hände arthrosefrei.
Wie viel persönlichen Einsatz die Träger des diesjährigen "Ig Friedensnobelpreises" zeigten, ist indes unbekannt: Das Team rund um Stephan Bollinger von der Universität Bern hatte die Gefährlichkeit von leeren und vollen Bierflaschen bei Schlägen auf den Kopf untersucht – die leeren Flaschen erwiesen sich als gefährlichere Waffen.
Tierische Widmung
Catherine Douglas und Peter Rowlinson von der britischen Newcastle Universität wiesen dagegen nach, dass Kühe, die einen individuellen Namen haben, mehr Milch geben, als solche, die ungetauft über die Weide springen müssen. Douglas widmete ihren Preis prompt "Purslane, Wendy und Tina, den nettesten Kühen, die ich je kennen gelernt habe".
Den Preis für Physik heimste ein US-Forscherteam ein. Katherine K. Whitcome, Daniel E. Lieberman und Liza J. Shapiro begründeten rechnerisch, warum schwangere Frauen nicht nach vorne fallen. Ihre Erklärung für die Kippsicherheit: Mit ihrer ausgeprägteren Kurvenform im unteren Rücken könnten Frauen den oberen Teil des Rumpfs besser nach hinten schieben – und so auch mit Babybauch die Balance behalten.
Atemmaske für den Notfall
Den "Ig Nobelpreis" im Bereich Gesundheitswesen durfte die gebürtige Ukrainerin Elena Bodnar, die an der Universität von Chicago forscht, entgegen nehmen. Sie erfand einen speziellen Büstenhalter, der sich im Notfall in zwei Atemmasken umwandeln lässt. Die auf den ersten Blick skurril anmutende Erfindung hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Bodnar behandelte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Kinder, die radioaktiven Staub eingeatmet hatten. "Als Werbung für die Idee ist mir Humor lieber als eine zweite Tschernobyl-Katastrophe", erklärte die Forscherin nach der Verleihung – und folgte damit ganz dem Motto der "Ig Nobelpreis"-Gründer: Forschung zu zeigen, die die Menschen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt.
Stand: 08.10.2009
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